Panorama

Sex und Liebe "Gevögelt wird immer"

RTXUV04.jpg

(Foto: REUTERS)

Immer weniger Menschen sind heutzutage bereit, in ihrer Partnerschaft auf guten Sex zu verzichten. Aber was passiert, wenn sich Gewohnheiten einspielen und die Erotik im Laufe der Jahre nachlässt? Wie gelingt es, eine lange Beziehung dauerhaft gelungen zu machen? Mann und Frau müssen sich etwas einfallen lassen, rät Trendforscher Matthias Horx im Interview mit n-tv.de. Sex werde heute mehr und mehr zelebriert oder wie ein Gourmet-Menü zubereitet. Dafür würden Kulturtechniken eingesetzt, die es früher nicht gab. Heute setzt man sich mit seinen "individuellen Wünschen und Lüsten auseinander".

schoko.jpg

Aufnahmen für einen Erotik-Kalender, produziert von einer Schokoladen-Firma.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

n-tv.de: Vor drei Jahren haben sie das Liebesleben der Deutschen erforscht. Sehen Sie ihre vorhergesagten Trends in der "Sexstyle-Studie 2010" bestätigt?

Matthias Horx: Man kann Trends grundsätzlich nicht vorhersagen, sondern nur diagnostizieren und von da aus bestimmte Aussagen in Richtung Zukunft machen. Wir haben vor drei Jahren eine Art Diagnose oder Analyse des Wandels der erotischen Kultur gemacht, im Auftrag der Firma Beate Uhse. Dafür haben wir eine Menge Material aus der Lebensweltforschung ausgewertet und auch eigene Interviews gemacht. Drei Jahre später hat sich daran natürlich noch nicht viel verändert.

Sie sagten damals voraus, dass "Inszenierung und Individualisierung zu wichtigen Komponenten des Liebeslebens" werden – verschwindet damit der Glaube an die Liebe auf Lebenszeit?

Nein, der wird niemals verschwinden, weil das ja einer der tiefsten inneren Impulse des Menschen ist. Inszenierung und Individualisierung sind auch nicht, wie Sie es in der Frage suggerieren, ein Gegensatz dazu, sondern die Bedingung. Unsere Beobachtung war ja folgende: Um eine lange Beziehung gelungen zu machen, ist Erotik von entscheidender Bedeutung. Denn immer weniger Menschen sind bereit, in ihrer Partnerschaft auf guten Sex zu  verzichten. Das ist die Spätauswirkung der sexuellen Revolution: Ein erfülltes Sexleben gehört zu einer erfüllten Liebe einfach dazu. Um das hinzubekommen, müssen sich Mann und Frau etwas einfallen lassen. Da es eine Tendenz zur Abflachung der erotischen Spannung im Lauf der Jahre gibt, muss man inszenieren. Sex wird heute mehr und mehr zelebriert oder wie ein Gourmet-Menü zubereitet. Man nutzt viel mehr Verkleidung, Spiele, Verabredung. Man setzt sich mit seinen individuellen Wünschen und Lüsten auseinander und redet auch mehr darüber. Junge Paare gehen heute zusammen in den Sexshop und kaufen ungezwungen Dildos oder Reizwäsche. Man experimentiert im Bett, versucht Rollenspiele oder was auch immer. So entsteht eine erotische "Gourmet"-Kultur, aber nicht, weil man sich nicht treu sein will, sondern weil man sich treu sein will! Man ist romantisch, aber man weiß auch, dass erotische Gefühle wachgehalten werden müssen. Am besten durch differenzierte Praxis.

In ihrer Studie ermittelten sie sieben Sextypen (überinformierter Einsteiger, Cool Cat, Sexgourmet ...) – zu welchem zählen Sie sich?

Das ist eine Frage, die Journalisten nicht stellen sollten, weil Sie wissen, dass Sie darauf keine echte Antwort bekommen. Ich bin natürlich Sexgourmet, was sonst!

Spaß beiseite – stehen Sie heute noch zu ihrer Prognose oder würden Sie zu den sieben ermittelten Sextypen weitere hinzufügen? Oder sie vielleicht ganz streichen?

Matthias-Horx_07-0657.jpg

Matthias Horx ist einer der bekanntesten Trend- und Zukunftsforscher Deutschlands.

Man muss zunächst einmal verstehen, was wir mit Typologien bezwecken. Dabei handelt es sich nicht um statistische Gruppen, die klar voneinander unterscheidbar sind, sondern um Motivbündel, die man in bestimmten Begrifflichkeiten fokussiert. Dabei geht es nicht um drei oder zehn oder zwanzig Typen, sondern um ein Abbild, eine Verdeutlichung soziokultureller Wirklichkeit. Es gibt heute sehr selbstbewusste, sehr pragmatisch und kreativ mit Sex umgehende junge Frauen - Cool Cats. Es gibt starke Frauen mit selbstbewusstem Sexualverhalten im mittleren Alter - Lover Ladies. Es gibt reife Paare mit erheblicher Kompetenz. Und so weiter. Dafür haben wir versucht, Bilder, Worte, Chiffren zu finden. Dabei kommt es nicht so sehr darauf an, ob es noch andere Gruppen gibt. Wir könnten immer neue definieren, zum Beispiel "Neue Schüchterne" oder "Wilde Zwanziger". Aber das würde nicht viel bringen.

Unsere Gesellschaft entwickelt sich mehr und mehr von der Industrie- zur Netzwerkwirtschaft – wie wirkt sich das auf die Familie aus? Wird das traditionelle Ehemodell überleben?

Da ist die Frage, was Sie unter dem "traditionellen Ehemodell" verstehen. Wenn Sie meinen, dass sich Paare lebenslang binden und Familien gründen, dann ist das gewissermaßen ewig - in den meisten Kulturen der Erde gibt es schließlich schon seit zigtausenden von Jahren Monogamie. Wenn Sie darunter einen bestimmten konservativen Typus der Nachkriegsehe meinen, bei der der Mann der Alleinverdiener ist, die Frau ausschließlich Hausfrau und die Kinder brav und folgsam, und es gibt höchstens alle 14 Tage schlechten Sex nach dem Abendessen, dann stirbt dieser Typus eher aus.

Ihre Studie von 2007 war vor der Krise. Ändert sich die Liebe in Krisenzeiten? Und wenn ja, wie?

Man rückt meistens noch etwas näher aneinander und kuschelt mehr. Allerdings riskiert man auch weniger Seitensprünge, außer in den ganz existentiellen Krisen, dann gibt es so etwas wie Torschlusspanik.

Und wie sieht es mit dem Sex in Krisenzeiten aus?

Es gibt jedenfalls nicht weniger Sex.

Werden die Menschen in der Zukunft keine monogamen Beziehungen mehr führen, sondern immer mehr offene?

Der Trend geht zur seriellen Monogamie: Man ist sich schon treu, aber nacheinander. Die Anzahl der Liebespartner im Laufe eines Lebens steigt, die Festlegung auf einen Lebenspartner findet später statt. Treue wollen die Menschen aber nach wie vor. Früher sind Männer aus der Ehe heraus häufiger heimlich fremdgegangen, nicht selten mit stillschweigendem Einverständnis der Frauen. Heute trennt man sich dann eher. Die Liebeskultur wird also offener im Sinne größerer Transparenz, was auch heißt, dass man es nicht lebenslang miteinander aushält, wenn man betrogen wird oder betrügt oder der Sex stirbt. Das Heimliche ist schwieriger und nicht mehr so toll. Darüber hinaus gibt es aber auch mehr Menschen, die lange Zeit Distanzbeziehungen pflegen und es nicht anders wollen. Dabei kommt es dann zu Vereinbarungen, die durchaus für beide Seiten O.k. sein können, die auch nicht immer absolute Treue beinhalten müssen. Es muss ja nicht immer so einseitig und schrecklich sein wie bei Herrn Kachelmann.

Gibt es in Sachen Sex und Liebe 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch Unterschiede zwischen Ost und West?

Nach allem, was wir wissen, gab es in der DDR eine unverkrampftere und auch pragmatischere Sexkultur. Das lag nicht zuletzt daran, dass es dort kaum religiöse Bindungen gab und man sich etwas fröhlicher und weniger schuldhaft mit Erotik beschäftigt hat. Diese Unterschiede sind heute aber kaum noch spürbar.

Wagen Sie einen Blick in die Zukunft: Wie werden wir 2020 lieben? Wird es neue Sextypen geben?

In zehn Jahren werden sich die Trends von heute sicher eher kontinuierlich fortsetzen. Wir werden also unsere erotische Kompetenz weiter erhöhen. Es wird hundert neue Sextypen geben. Ich habe heute keine Ahnung, welche.

Angeblich gibt es eine starke Hinwendung zur Asexualität, immer mehr haben gar keine Lust auf "den Schweinkram".

Das wird schon seit ungefähr 1000 Jahren behauptet und niemand kann es belegen. Ich kann mich erinnern, dass wir vor 20 Jahren schon Thesen wie "Die Neue Keuschheit" aufgestellt haben, weil es damals in Amerika eine Bewegung "Jungfräulich in die Ehe" gab. So etwas sind immer Eintagsfliegen oder nicht belegbare Mode-Behauptungen. Es gibt immer wieder Phasen und Menschengruppen, in und bei denen Enthaltsamkeit positiv bewertet wird. Aber um es drastisch auszudrücken: Gevögelt wird immer. Im Schnitt nicht mehr und nicht weniger als früher, vielleicht aber ein wenig freier und lustvoller und weniger verklemmt. Und mit mehr Abwechslung.

Mit Matthias Horx sprach Diana Sierpinski

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema