Die Wirkung schöner MomenteGlimmern ist viel besser als Triggern
Von Solveig Bach
Trigger erinnern an schlechte Erfahrungen und können sogar Retraumatisierungen auslösen. Doch es gibt auch ein positives Pendant dazu: Glimmer. Wer seine persönlichen Glimmer kennt, kann viel für die eigene Resilienz tun.
Glimmer, das bedeutet im Englischen Schimmern oder Flackern. 2018 führte die Trauma-Therapeutin Dana Deb den Begriff im Zusammenhang mit psychologischen Fragestellungen ein. Jeder kennt diese "wunderbaren, kleinen Momente, die einen innerlich zum Leuchten bringen", sagt Bernard Tewes ntv.de über Glimmer. Sie sind der positive Gegenentwurf zu Triggern, die in Menschen schlechte Erinnerungen oder sogar Retraumatisierungen auslösen können.
Evolutionsbedingt sind Menschen darauf trainiert, Gefahren wahrzunehmen, um sich zu schützen. Das sorgt selbst im Alltag bei vielen dafür, dass sie sich fühlen, als ginge es ständig um Leben und Tod. Das Alarm-Nervensystem, der Sympathikus, ist dauerhaft aktiviert, um den Körper bereitzumachen, zu kämpfen oder zu fliehen. Das Entspannungsnervensystem, der Parasympathikus, kann deshalb nicht für Entspannungsphasen und damit für ein Gleichgewicht sorgen.
"Es gibt so viele Momente in unserem Leben, die in uns etwas Positives auslösen und dadurch positiv auf das Nervensystem wirken", betont Tewes, der als Hypnosetherapeut in Berlin arbeitet und Gründer der Selbsthypnose-App HypnoBox ist. Das könne ein Wort sein, ein Haustier oder auch Musik. Während Trigger Stressreaktionen auslösen, helfen Glimmer-Signale, in einen Zustand der Ruhe und Regulierung zu gelangen. Und das könne man lernen.
Das Schöne sammeln
Weil jeder Mensch anders ist, solle man sich zunächst fragen, welche Tätigkeiten, Gerüche, Geräusche oder Berührungen einen glücklich machen, rät der Heilpraktiker für Psychotherapie. "Ich gehe gern auf Konzerte, und dann merke ich, jetzt passt alles zusammen, die Musik, die Stimmung, die Menschen", beschreibt Tewes das Gefühl bei sich selbst. Die Erinnerung daran kann später ein Glimmer ein. Ist es beispielsweise Musik, rät Tewes dazu, sich eine Glimmer-Playlist zusammenzustellen. Es könnte aber auch ein bestimmtes Shampoo in der Dusche, der Duft von Kaffee oder das Zwitschern von Vögeln sein. Auf Instagram oder Tiktok teilen Menschen kurze Clips beispielsweise von Naturmomenten, Umarmungen oder dem Anzünden einer Kerze als ihr #Glimmer.
Tewes schreibt in seinem Buch "Glimmer - Die neue Psychologie der positiven Trigger": Trigger seien schnell, Glimmer langsam. Das sei der Grund, warum man die schönen Momente entstehen und wirken lassen müsse, betont er im Gespräch. Die Voraussetzung für mehr Glimmer im Leben sei die Einsicht, dass man sich verändern müsse, die Erkenntnis, wie man das angehen möchte und der Entschluss, es wirklich zu tun.
Techniken aus der positiven Psychologie können dabei helfen. "Ich habe fünf Haselnüsse in der linken Tasche und jedes Mal, wenn ich einen schönen Moment wahrnehme, dann wandert eine in die andere Tasche", erzählt er. "Am Abend schaue ich, wie sind meine Taschen gefüllt, habe ich ganz bewusst diese Glimmer wahrgenommen?" Das Ziel sei, zunehmend unabhängig von den äußeren Umständen "für mich selbst diese Glimmermomente zu finden und dafür zu sorgen, dass ich mehr Glimmer in mein Leben bringe".
Ersetzt keinen Arzt
Viele Menschen schaffen das erst, wenn der Leidensdruck wirklich groß ist. Auch Tewes selbst ging es so. Er brannte sich als Eventmanager aus, steckte in einer unglücklichen On-off-Beziehung und hatte ein Alkoholproblem, schließlich Burnout, Schlafstörungen, Panikattacken, eine Depression. Tewes wollte kein Trigger-Opfer mehr sein, krempelte sein Leben um und hilft inzwischen auch anderen, die Glimmer-Momente in ihrem Leben zu entdecken und zu aktivieren.
Laut RKI-Panel hatten 2024 etwa 22 Prozent der Erwachsenen in Deutschland mit klinisch relevanten depressiven Symptomen zu kämpfen. Glimmer ersetzen zwar keine ärztliche Behandlung bei psychischen Erkrankungen, können aber die Heilung unterstützen, indem sie das Nervensystem beruhigen und Sicherheit erfahrbar machen. Als kleine Momente von Freude, Ruhe, Verbundenheit oder Sicherheit im Alltag setzen sie den Triggern, die Stress, Angst oder traumatische Reaktionen auslösen, etwas entgegen - etwas Schönes und Stärkendes.
Wer seine Glimmer eine Zeit lang festhält, in einer Liste, einem Album oder einem Journal, kann das Gehirn trainieren, diese Signale schneller zu erkennen, sie zu Ankern oder Ritualen zu machen. Dahinter steht Tewes zufolge die Erkenntnis, "ich bin am besten in Verbindung mit mir selbst und kann mich dadurch besser verstehen, vielleicht auch besser regulieren, auch wenn ich mal getriggert bin".
