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Die Ausstellung empfängt den Besucher mit dem Koffer, den Cornelius Gurlitt bei sich trug, wenn er ein Bild verkaufte.
Die Ausstellung empfängt den Besucher mit dem Koffer, den Cornelius Gurlitt bei sich trug, wenn er ein Bild verkaufte.(Foto: dpa)
Freitag, 14. September 2018

Ausstellung mit vielen Ebenen: Gurlitts Bilder und ihre Geschichte

Von Solveig Bach

Seit beinahe fünf Jahren beschäftigt der "Kunstfund Gurlitt" die Öffentlichkeit. Aus dem vermuteten Kriminalfall ist inzwischen kunsthistorisches Forschungsmaterial geworden. Eine Ausstellung in Berlin versucht dem gerecht zu werden.

Welche Bilder werden in der Ausstellung gezeigt?

In der Doppelschau "Bestandsaufnahme Gurlitt" zeigen das Kunstmuseum Bern und die Bundeskunsthalle Bonn rund 200 Werke aus dem Bestand des Kunstsammlers und -händlers Hildebrand Gurlitt (1895-1956). Er hatte unter anderem im Auftrag von Adolf Hitler gehandelt. Bern konzentriert sich bei seiner Auswahl auf von den Nazis als "entartet" verfemte Kunst. Die Bonner Bundeskunsthalle spürt der Verbindung Hildebrand Gurlitts zum Kunstraub der Nationalsozialisten nach. Zu sehen sind unter anderem Werke von Cranach, Albrecht Dürer, Carl Spitzweg, Édouard Manet, Claude Monet, Adolph von Menzel, Edvard Munch, Edgar Degas, Otto Dix oder Karl Schmidt-Rottluff.

Wie muss man sich die Berliner Ausstellung vorstellen?

Bilderserie

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau zeigt viele Kunstwerke aus dem Gurlitt-Erbe. Dabei ging es Kuratorin Agnieszka Lulinska zufolge auch darum, diesen Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen "ihre Anmut und Würde" zurückzugeben. Jedes Werk ist mit einem Provenienz-Hinweis versehen, soweit sich die verschiedenen Eigentümerwechsel rekonstruieren ließen. Außerdem werden immer wieder Menschen vorgestellt, die die Kunstwerke in ihrem Besitz hatten, denen sie abgepresst oder weggenommen wurden. Kurator Rein Wolfs von der Bundeskunsthalle in Bonn spricht in diesem Zusammenhang von der "moralisch-ethischen Perspektive" auf die Gurlitt-Sammlung. Die Familie Gurlitt, in der das Sammeln von Kunst und das Handeln damit eine lange Tradition haben, wird in der Ausstellung zeitgeschichtlich begleitet. So bekommt der Kunstraub im Zusammenhang mit dem Holocaust eine weitere Einordnung.

Was ist aus dem Vorwurf gegen Cornelius Gurlitt geworden, es handele sich bei seiner Sammlung überwiegend um Kunst, die jüdischen Eigentümern unrechtmäßig weggenommen wurde?

Der Fund des angeblich milliardenschweren "Kunstschatzes der Nazis" in der Münchner Wohnung von Gurlitts Sohn Cornelius galt 2013 international als Sensation. Die Taskforce "Schwabinger Kunstfund" ist inzwischen im Nachfolgeprojekt "Pro­ven­ienz­re­cher­che Gur­litt" aufgegangen. Bisher konnten allerdings erst 6 der insgesamt rund 1500 Werke klar als NS-Raubkunst identifiziert werden. Auch der Gesamtwert der Sammlung wird inzwischen deutlich niedriger angesetzt.

Um welche Werke handelt es sich?

Es handelt sich um Bilder von Liebermann, Matisse, Menzel, Spitzweg, Pissaro und Couture. Vier davon sind mittlerweile zurückgegeben. Das "Porträt einer sitzenden jungen Frau" des französischen Malers Thomas Couture wurde zuletzt eindeutig als Raubkunst klassifiziert. Es stammt aus der Sammlung des früheren französischen Ministers Georges Mandel, dessen Familie auch Anspruch auf das Werk angemeldet hatte. Mandel war 1941 als angeblicher Kriegstreiber zu lebenslanger Haft verurteilt und 1944 von französischen Milizen im Wald von Fontainebleau ermordet worden. Ein weiteres Beispiel ist die Zeichnung "Das Klavierspiel" von Carl Spitzweg: Sie stammte aus der Sammlung des Leipziger Musikverlegers Henri Hinrichsen. Hildebrand Gurlitt hatte sie Anfang 1940 für 300 Reichsmark von Hinrichsen gekauft, bevor dieser nach Brüssel flüchtete und später im NS-Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde. Die Familie Hinrichsen fragte nach dem Krieg nach dem Verbleib. Gurlitt antwortete per Brief, das Bild sei verbrannt. Das war gelogen. 2012 tauchte der Spitzweg bei Gurlitt wieder auf. In der Ausstellung werden diese Vorgänge mit Original-Dokumenten aus dem Archiv von Hildebrand Gurlitt dokumentiert.

Könnten noch weitere Werke als Raubkunst klassifiziert werden?

Ja, bisher sind erst gut 40 Prozent der insgesamt rund 1500 Werke des Bestandes auf ihre Provenienz untersucht worden. Das bedeutet allerdings nicht, dass das alles Raubkunst ist. Unter jedem Bild steht eine Provenienz-Legende und sehr oft ist der Satz zu lesen: "Aktuell kein Raubkunstverdacht." Kurator Wolfs sagte in Berlin: "Ich habe die Hoffnung, dass noch etwas kommt." Die Arbeit der Provenienzforscher ist jedoch extrem schwierig, weil viele Unterlagen bewusst gefälscht oder vernichtet wurden. Deshalb ist jede einzelne Rückgabe an die früheren Eigentümerfamilien Wolfs zufolge "als Erfolg zu werten".

Was ist aus den anderen Vorwürfen gegen Cornelius Gurlitt wie Steuerhinterziehung, Geldwäsche oder Hehlerei geworden?

Keine dieser Anschuldigungen ließ sich beweisen. Cornelius Gurlitt hatte die Werke seiner Sammlung rechtmäßig in seinem Besitz. Wenn er Geld brauchte, verkaufte er Bilder über Kunsthändler in Bern und Köln. Der unrechtmäßige Erwerb erfolgte durch Gurlitts Vater Hildebrand, der bestimmte Propagandaentscheidungen im NS-Kunstbetrieb nicht nur nutzte, um Ankäufe im Sinne des Regimes zu tätigen, sondern sich selbst auch unerwünschte sogenannte "entartete Kunst" für seine Privatsammlung sicherte.

Wie wird das Vorgehen gegen Cornelius Gurlitt heute bewertet?

Inzwischen gelten die Durchsuchung von Gurlitts Wohnung und die Beschlagnahmung der Werke als unrechtmäßig. In seinem Buch "Der Fall Gurlitt" vertritt der Autor Maurice Philip Remy die These, dass deutsche Behörden ausnutzten, dass Gurlitt alt, psychisch und physisch krank war. Für Cornelius Gurlitt habe nie die Unschuldsvermutung gegolten. Der Staat habe völlig überreagiert. Auch die Bundesregierung wird kritisiert, weil sie Gurlitt unter Druck setzte, seine Sammlung einer Stiftung zu überschreiben. Selbst die erwiesenermaßen unbelasteten Bilder erhielt Gurlitt bis zu seinem Tod nicht zurück.

Warum hatte Cornelius Gurlitt das Kunstmuseum Bern als Erben eingesetzt?

In dem Buch "Der Gurlitt-Komplex" vertreten die Autoren die These, Gurlitt habe sich vom deutschen Staat verfolgt gefühlt und zudem gefürchtet, ein Netzwerk von Nazis wolle seine Sammlung stehlen. Auch die Direktorin des Kunstmuseums Bern, Nina Zimmer, kann nur mutmaßen. Demnach kannte Gurlitt Bern von Besuchen beim Kunsthändler Eberhard W. Kornfeld und habe zudem auf die Neutralität der Schweiz gesetzt. "Es war vor allem eine Entscheidung gegen Deutschland", sagte Zimmer in Berlin. Eigene Nachkommen, bei denen das Erbe in der Familie hätte bleiben können, hatte Gurlitt nicht.

Warum ist der Fall Gurlitt noch immer so wichtig?

An der Privatperson Cornelius Gurlitt wurde deutlich, dass in der Bundesrepublik das Raubkunst-Problem bisher kaum angegangen worden war. Vor allem Museen haben sich bisher nur sehr zögerlich damit befasst, wie manche ihrer Schätze eigentlich in ihren Besitz gekommen sind. Inzwischen wurde das "Deutsche Zentrum Kulturgutverluste" gegründet, für Provenienz-Recherchen sind erhebliche Mittel bereitgestellt worden, die auch kurzfristig abgerufen werden können. Das Kunstmuseum Bern verfügt als Folge des Gurlitt-Erbes über die erste und einzige Provenienzabteilung der Schweiz.

Wie lange ist die Berliner Ausstellung zu sehen?

Die Ausstellung im Gropius-Bau läuft vom 14. September 2018 bis zum 7. Januar 2019 und wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm an Führungen und Vorträgen begleitet.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de