Panorama

Corona-Schock in Norditalien "Haben das Zählen der Toten aufgegeben"

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Die Bewohner von Nembro betrauern viele Tote. Die ganze Gemeinde ist erschüttert.

(Foto: imago images/Independent Photo Agency Int.)

Seit Wochen wütet das Coronavirus in Nembro und Alzano Lombardo, zwei Gemeinden der italienischen Provinz Bergamo. Die Fans des heimischen Fußballklubs könnten es nach dem Spiel Atalanta gegen Valencia eingeschleppt haben.

Nembro ist eine kleine Gemeinde mit 11.600 Einwohnern im Seriana-Tal, neun Kilometer von der lombardischen Provinzhauptstadt Bergamo entfernt. Hier, in dieser Gemeinde, haben auch die Totenglocken aufgehört zu schlagen. Zu oft am Tag hätten sie läuten müssen und die Menschen noch mehr verschreckt.

Die Berichte aus Nembro hören sich an wie aus einer Geisterstadt, in der die Menschen einer nach dem anderen wegsterben. Fast keine Familie wurde verschont. Seit dem 25. Februar, als in der Gemeinde der erste Coronavirus-Fall festgestellt wurde, sind hier 90 Menschen gestorben. Im ganzen Jahr 2019 waren es 120. Auch die angrenzenden Gemeinde Alzano Lombardo muss mittlerweile um 62 Menschen trauern.

Nembro und Alzano Lombardo sind die zwei Brandherde, über die sich das Virus auf die ganze Provinz Bergamo verbreitet hat. Wie gewaltig die Infektion hier zugeschlagen hat, haben die Berichte dieser Tage aus der Provinzhauptstadt Bergamo gezeigt. Dort werden Militärlaster immer wieder mit Särgen beladen, die sie dann in andere Provinzen und Regionen fahren, weil die Leichenhallen und Krematorien der Bergamasca mit der Arbeit nicht mehr nachkommen. 

Das sind Menschen, keine Zahlen

In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Adnkronos erzählt der 45-jährige Unternehmer Carrara, wie dieses Ereignis mit vielen Opfern in Nembro begann. "Zuerst hatten wir einen Toten, dann zwei, dann drei, dann vervielfachten sich die Fälle so schnell, dass wir mit dem Zählen gar nicht mehr nachgekommen sind." Wobei immer nur von Zahlen zu reden falsch sei, hebt er im Interview hervor. Denn es gehe hier um Menschen, um ihr Leben, das sollte man nicht vergessen. Es gehe um Eltern, Großeltern, Freunde oder einfach nur um Leute, die man vom Sehen her schon seit Jahren kannte, weil man sie beim Bäcker, im Café, auf dem Wochenmarkt, im Park immer wieder traf. Er selber hat seine Großmutter und seinen Schwiegervater verloren, fügt er zum Schluss hinzu.

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Die kleine Gemeinde Nembro kann das Leid, das das Coronavirus gebracht hat, kaum fassen.

(Foto: imago images/Independent Photo Agency Int.)

In einem anderen Bericht liest man von einer Frau, die binnen drei Tagen zuerst ihren Vater und dann ihre Mutter verloren hat. In beiden Fällen habe sie zusehen müssen, wie sie der Rettungswagen wegtransportierte. Dann hat sie den Anruf aus dem Krankenhaus gewartet. Gesehen habe sie ihre Eltern nicht mehr - beide seien alleine gestorben.

Wie der Alltag sein wird, wenn dieser Albtraum endlich irgendwann vorbei ist, kann sich im Moment in Nembro niemand vorstellen. Wie wird es sein, das Café gleich bei der Kirche zu besuchen? Wie wird es sein, wenn unter den Älteren, die sich hier zum Kartenspielen treffen, der eine oder andere nicht mehr da ist? Was werden diejenigen, die das alles überstanden und überlebt haben, ihren Kindern und ihren Enkelkindern eines Tages über diese Wochen der Angst und der Trauer erzählen?

Ein Weckruf für alle anderen

Der Schmerz eines jeden hier in der Gemeinde ist unermesslich und trotzdem finden manche die Kraft, vor die Kamera zu gehen, ein Interview zu geben. Aber nicht um Mitleid zu erwecken, sondern in der Hoffnung, dass ihr Leidensweg ein Weckruf für alle anderen ist, nicht dieselben Fehler zu machen, die hier begangen wurden.

Was ist in Nembro und Alzano Lombardo schiefgelaufen? Der erste positive Fall wurde in Nembro am 25. Februar festgestellt, also vier Tage nach dem sogenannten Patienten Nummer eins in Italien.

*Datenschutz

Wie das Coronavirus in das Seriana-Tal eingeschleppt wurde, weiß man bis heute nicht, es gibt es nur Vermutungen. Das Virus könnte bei einer Tiermesse oder bei einer lokalen Sportveranstaltung eingeführt worden sein. Viele meinen aber, dass alles nach dem Champions-League-Spiel zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Valencia begonnen habe. Das Match war am 19. Februar im Mailänder Stadion San Siro ausgetragen worden. Die Tageszeitung "Il Giorno" berichtete einen Tag später von 44.000 Tifosi, die aus der Provinz Bergamo mit Zügen und Bussen angereist waren, um ihre Mannschaft anzufeuern.

Untersuchungskommission soll aufklären

Warum hat man hier nicht dieselben Maßnahmen wie in der südöstlich von Mailand gelegenen Provinz Lodi und im Veneto ergriffen? Dort wurden gleich nach den ersten zwei Fällen ein paar Tage davor insgesamt elf Gemeinden unter Quarantäne gestellt.

In Bergamo forderte der Präsident der Lombardei, Attilio Fontana, erst Anfang März, als die Zahl der Todesfälle immer schneller stieg, die Regierung auf, auch Nembro und Alzano unter Quarantäne zu stellen. Doch Rom konnte sich nicht entscheiden. Warum eigentlich nicht? Auch auf diese Frage kann man bis jetzt nur mit Spekulationen antworten. Nembro und Alzano zählen zusammen 400 Unternehmen mit 3700 Arbeitsplätzen und einem Jahresumsatz von 680 Millionen Euro. Zu den wichtigsten Produktionsbranchen gehört die Automotibilindustrie. Man sagt, der Druck seitens des Industrieverbands gegen einen Quarantänebeschluss sei sehr stark gewesen. Der Verband fürchtete anscheinend um die Produktion.   

Die Hängepartie, ob es jetzt zur roten Zone kommen soll oder nicht, dauerte mehrere Tage an. Woraufhin sich am 4. März auch der Bürgermeister von Nembro, Claudio Cancelli, der mittlerweile selber positiv auf das Virus getestet worden war, zu Wort meldete. In einem Interview forderte er die zuständigen Institutionen in Rom auf, endlich eine Entscheidung zu treffen, denn das Hinauszögern würde die Menschen der zwei Gemeinden nur noch mehr verunsichern. Obwohl er es nicht direkt aussprach, schien er selber für die Einrichtung des Quarantänegebiets zu sein. Am Ende kam es aber nicht dazu.

Stattdessen verkündete Premier Giuseppe Conte am 8. März in einer nächtlichen Pressekonferenz ganz Italien zur orangefarbenen Zone. Der Abgeordnete Alessandro Sorte möchte, sobald das Land wieder zur Normalität zurückgefunden hat, eine Untersuchungskommission zum Fall Nembro einberufen.

Quelle: ntv.de