Dioxin-Skandal weitet sich ausHähnchen ebenfalls belastet

Auch in Geflügelfleisch werden erhöhte Dioxin-Werte festgestellt. Das niedersächsische Agrarministerium wirft dem Futterfetthersteller Harles und Jentsch Betrug und Steuerhinterziehung vor. Südkorea stoppt die Einfuhr von deutschem Fleisch
Die Behörden haben erstmals auch in Geflügelfleisch erhöhte Dioxin-Werte festgestellt. Unter Berufung auf einen Bericht des Verbraucherschutzministeriums in Berlin schreibt der "Focus", Proben vom Fettgewebe dreier Legehennen hätten einen Wert von 4,99 Pikogramm Dioxin pro Gramm Fleisch ergeben. Der erlaubte Höchstwert liegt bei zwei Pikogramm.
Aus welchem Betrieb die Hühner stammten, ist dem Bericht, den die Bundesregierung laut "Focus" am Freitag nach Brüssel schickte, nicht zu entnehmen. Eine öffentliche Warnung habe es nicht gegeben, weil "keine unmittelbare gesundheitliche Beeinträchtigung durch den Verzehr zu erwarten sei".
Dioxin schon länger im Futter
Am Freitag war bekanntgeworden, dass verseuchtes Tierfutter in Deutschland schon viel länger im Umlauf ist als bislang bekannt. Zudem war die Giftdosis bei neuen Proben vom Futterfetthersteller Harles und Jentzsch aus Schleswig-Holstein bis zu 78 Mal so hoch wie erlaubt, und zwar in neun von zehn Proben, wie das Kieler Agrarministerium mitteilte.
Die untersuchten Tranchen stammen aus der Zeit vom 11. November 2010 bis Ende Dezember. Alles in allem wurden mehrere hundert Proben mitgenommen, datiert auf die Zeit seit Juni. Aber bereits im März fand ein Labor in Industriefetten der Firma Dioxin-Werte, die doppelt so hoch lagen wie der Grenzwert. Die Behörden erfuhren davon jedoch nichts.
Gegen Harles und Jentzsch gibt es unterdessen neue Vorwürfe. Wie das Bielefelder "Westfalen-Blatt" unter Berufung auf das niedersächsische Landwirtschaftsministerium berichtet, besteht der Verdacht des Betrugs und der Steuerhinterziehung.
1000 Euro pro Tonne Fett
Ministeriumssprecher Gert Hahne sagte der Zeitung, vieles spreche dafür, dass das Unternehmen seine Kunden betrogen und minderwertige technische Mischfettsäure zu teurem Futterfett verarbeitet habe. Für eine Tonne Industriefett habe die Firma lediglich 500 Euro erlösen können, für eine Tonne Futterfett hätten die Kunden aber 1000 Euro bezahlen müssen. Hier liege der Verdacht der falschen Rechnungsstellung und somit der Steuerhinterziehung nahe.
Gegen die Geschäftsführer von Harles und Jentzsch sowie der Spedition Lübbe ermitteln die Staatsanwaltschaften Itzehoe und Oldenburg wegen Verstoßes gegen das Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch. Bei Durchsuchungen seien Unterlagen der vergangenen fünf Jahre sichergestellt worden, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Itzehoe, Ralph Döpper, dem "Westfalen-Blatt".
Kontrolleure fordern Pranger
Der Verband der Lebensmittelkontrolleure (BVLK) fordert eine Kennzeichnung unsauber arbeitender Betriebe. Der BVLK-Vorsitzende Martin Müller sagte der "Frankfurter Rundschau", dadurch würden solche Firmen "angespornt, sich zu bessern". Er berief sich auf eine Statistik, wonach in Deutschland "75 Prozent der Betriebe einwandfrei, die restlichen 25 Prozent weniger" sauber arbeiteten.
Bei der Lebensmittelüberprüfung vermisse er zudem "mehr Kontrolleure" und "einheitliche Regeln". Noch immer habe jede Kommune unterschiedlich viele Prüfer, sagte Müller. Der "Welt" sagte er zudem, bei den Kontrolleuren fehle der Nachwuchs. Grund dafür sei das zu geringe Gehalt. Nach Angaben des BVLK sind derzeit 2500 Kontrolleure für 1,1 Millionen Betriebe zuständig. Auch der Vorsitzende des Agrarausschusses im Bundestag, Hans-Michael Goldmann (FDP), forderte im "Tagesspiegel" (Samstagsausgabe) ein neues Kontrollsystem. Es reiche nicht, die Betriebe zu kontrollieren, auch der weitere Weg der Futtermittel müsse verfolgt werden.
Südkorea stoppt Einfuhr von deutschem Fleisch
Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) will sich am Montag mit Futtermittelherstellern und landwirtschaftlichen Verbänden treffen, um über Konsequenzen aus dem Dioxin-Skandal zu beraten. EU-Verbraucherkommissar John Dalli sprach von einer "sehr guten Zusammenarbeit" mit den deutschen Behörden.
Wegen des Dioxin-Skandals hat Südkorea die Einfuhr von deutschem Schweinefleisch und Geflügelprodukten gestoppt. Wie ein hoher Beamter im Landwirtschaftsministerium in Seoul mitteilte, sei die Quarantänekontrolle von Fleischprodukten aus Deutschland eingestellt worden. Es handele sich um eine vorübergehende Maßnahme, sagte Chang Jae Hong. Es sei aber kein formales Importverbot verhängt worden.