"Wir sind alle erleichtert"Hannover übersteht die Bombennacht

Eine Großstadt atmet erleichtert auf: Sprengstoffexperten können die unter einer Schule in Hannover entdeckte Weltkriegsbombe sicher entschärfen. Rund 31.000 Menschen können noch in der Nacht wieder nach Hause zurückkehren.
In Hannover ist eine der größten Evakuierungsaktionen seit Kriegsende weit nach Mitternacht ohne Zwischenfälle zu Ende gegangen: Die Entschärfung eines 250 Kilo schweren Bomben-Blindgängers ist geglückt. Nach rund einer Stunde Arbeit konnte der Kampfmittelräumdienst am frühen Mittwochmorgen gegen 2.30 Uhr (MESZ) Entwarnung geben.
"Wir sind alle erleichtert. Es ist gut über die Bühne gegangen", sagte Feuerwehrsprecher Martin Trang. Rund 31.000 Menschen, die zuvor kurzfristig in Sicherheit gebracht worden waren, konnten noch in der Nacht in ihre Wohnungen zurückkehren, um für den Rest einer kurzen Nacht zu versuchen, doch noch ein wenig Schlaf zu finden.
Der Fundort der eine Vierteltonne schweren Fliegerbombe US-amerikanischer Bauart im dicht besiedelten Stadtgebiet machte umfangreiche Evakuierungsmaßnahmen erforderlich: Rund vier Stunden waren die 850 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei und Hilfsorganisationen allein mit der Räumung der umliegenden Wohngebäude beschäftigt gewesen. Auch ein Altenheim musste komplett evakuiert werden. Die Menschen wurden in einer großen Mehrzweckhalle, Hotels oder einer Sporthalle untergebracht. Sie wurden vom Roten Kreuz mit Kaffee, Kaltgetränken und kleinen Snacks versorgt.
Großeinsatz in der Südstadt
"Die Evakuierung verlief äußerst positiv. Die Menschen waren sehr kooperativ", sagte Trang. Die Experten des Kampfmittelräumdienstes hatten nach einer ersten Prüfung einen Sicherheitsbereich mit einem Radius von rund 1000 Metern rund um den Bombenfundort empfohlen. Die etwa 31.000 Bewohnerinnen und Bewohner des betroffenen Bereiches in der Südstadt waren aufgefordert, um 20 Uhr ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen.
Um ganz sicher zu gehen, suchte ein Polizeihubschrauber das Gebiet anschließend noch mit einer Wärmebildkamera nach verbliebenen Bewohnern ab. Erst nach Abschluss der Evakuierung konnten die Spezialisten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen (KBD) etwa eineinhalb Stunden nach Mitternacht die Arbeit an der Bombe aufnehmen.
Der Sprengkörper war am Vormittag bei Abrissarbeiten auf einem ehemaligen Schulgelände entdeckt worden. Mehr als 70 Jahre lang hatte sie unentdeckt unter dem zuletzt von Gymnasiasten und der Volkshochschule genutzten Gelände in der dicht besiedelten Südstadt gelegen. Wegen des Zustands des Blindgängers hatte der Kampfmittelräumdienst eine zügige Entschärfung empfohlen.
Beschädigter Heckzünder
Je nach Bauart des Zünders und der im Bombenkörper enthaltenen Sprengstoffmischung können nicht detonierte Sprengkörper über die Jahre und Jahrzehnte immer gefährlicher werden. Bei der Bombe in Hannover wollten die Experten kein Risiko eingehen: Zum Schutz vor Splittern hatten die Einsatzkräfte um den Fundort einen Wall aus Schifffahrtscontainern aufgebaut.
Der fragliche Blindgänger in der Südstadt von Hannover war nach Angaben der Kampfmittelräumer mit zwei separaten Aufschlagzündern ausgestattet, die offenbar beide beim Aufprall vor gut 70 Jahren versagt hatten - und theoretisch jederzeit bei der kleinsten Erschütterung hätten losgehen können. Die Spezialisten des KBD entfernten beide Aufschlagzünder der Fliegerbombe. Der beschädigte Heckzünder der Fliegerbombe konnte dabei "erfolgreich mit einem speziellen Wasserstrahlschneidgerät aus dem Bombenkörper entfernt werden".
Gefährliche Erinnerungen an den Krieg
Von der bislang größten Evakuierungsaktion in Deutschland seit dem Kriegsende vor 70 Jahren waren 2011 in Koblenz rund 45.000 Menschen betroffen. In Hannover hatten im Januar 2013 in den Stadtteilen Vahrenheide und Sahlkamp 25.000 Menschen ihre Häuser verlassen müssen. Im Sommer vor zwei Jahren musste dann die komplette Innenstadt samt Rotlichtviertel geräumt werden. Damals waren allerdings nur 9000 Menschen von der Räumung betroffen.
Im vergangenen September musste im Vorort Seelze einer der gefürchteten "Wohnblockknacker" (Englisch: "Block Buster") unschädlich gemacht werden. Bei Sprengkörpern dieses Typs handelt es sich um 1,8 Tonnen schwere britische Bomben, die durch die Druckwelle der Explosion im Umkreis von einem Kilometer Dächer abdeckte sowie Türen und Fenster eindrückte. Auf diese Weise wollten die Strategen des Bombenkriegs den Weg freimachen für gewöhnliche Brand- und Sprengbomben.
Hannover war im Zweiten Weltkrieg vielfach Ziel alliierter Bomber. Allein bei dem schwersten Bombenangriff auf die Landeshauptstadt in der Nacht zum 9. Oktober 1943 wurden 261.000 Bomben über Hannover abgeworfen, darunter 3000 Sprengbomben. 1245 Menschen kamen dabei ums Leben, 250.000 wurden obdachlos. Das Stadtzentrum und die dicht besiedelte Südstadt wurden größtenteils zerstört.