Panorama

Schlangengift statt Chemo Heilpraktikerin muss Waise entschädigen

30.000 Euro Schmerzensgeld stehen dem Jungen der Mutter laut Gericht zu.

Aus Sicht des Gerichts hat es die Angeklagte versäumt, der Patientin zu einer Wiederaufnahme der Chemotherapie zu raten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Eine krebskranke Frau bricht ihre Chemotherapie ab und nimmt stattdessen nur noch Schlangengiftkapseln von ihrer Heilpraktikerin ein. Die junge Frau stirbt und hinterlässt einen kleinen Jungen. Die Heilpraktikerin muss nun Schmerzensgeld an das Kind zahlen, urteilt ein Gericht.

Eine junge Frau erkrankt an Gebärmutterhalskrebs. Obwohl sie Heilungschancen hat, bricht sie eine Chemo- und Strahlentherapie ab und setzt stattdessen auf Schlangengift-Präparate von ihrer Heilpraktikerin. Sie stirbt und hinterlässt einen kleinen Sohn. Der bekommt nun 30.000 Euro Schmerzensgeld von der Heilpraktikerin seiner Mutter, wie das Oberlandesgericht (OLG) München nun in einem Grundsatzurteil entschieden hat.

Der Vater des Jungen hatte für das fünfjährige Kind ursprünglich 170.000 Euro verlangt. Hinter dieser Forderung blieb das Urteil zwar deutlich zurück. Neben dem Schmerzensgeld wurde die - nicht haftpflichtversicherte - Heilpraktikerin aber auch noch zur Zahlung von Schadenersatz für entgangenen Kindesunterhalt verurteilt und dazu, außergerichtliche Anwaltskosten des klagenden Vaters zu übernehmen, der das Urteil auf Anfrage nicht kommentieren wollte. Insgesamt muss die Heilpraktikerin daher 74.000 Euro zahlen. Außerdem muss sie noch weitere entstandene materielle Schäden ersetzen. Die Revision wurde nicht zugelassen.

"Die Beklagte ist bei der Behandlung von dem als Heilpraktikerin geschuldeten Standard abgewichen und hat dadurch den Tod der Mutter des Klägers verursacht", heißt es in der Urteilsbegründung. Ein Urteil des Landgerichts Passau, das die Forderungen zurückgewiesen hatte, wurde damit aufgehoben. "Die Beklagte hat ihrer Patientin nicht aktiv zum Abbruch der lebensrettenden Strahlentherapie geraten", befand das Gericht zwar. "Sie ist aber ihrer sich abzeichnenden Entscheidung nicht entgegengetreten, was als Heilpraktikerin ihre Aufgabe gewesen wäre."

Aus Sicht des Gerichts hätte sie ihrer Patientin raten müssen, die Chemotherapie wieder aufzunehmen. "Dieses über Wochen hinweg fortgesetzte Unterlassen der Beklagten war unverantwortlich und aus Sicht eines verantwortungsbewussten Heilpraktikers schlechterdings unverständlich." Allerdings sei die Frau der Heilpraktikerin nicht hörig gewesen und habe ein Mitverschulden, erklärte das Gericht. Das verringerte die Ansprüche ihrer Hinterbliebenen um ein Drittel. Zwei Drittel der Schuld trage aber die Heilpraktikerin - gerade weil die Frau ihr Vertrauen geschenkt habe.

Gutachter: Frau hätte noch fünf Jahre leben können

Nach Angaben eines Gutachters hätte die Frau bei Fortsetzung der Strahlentherapie noch fünf Jahre leben und Unterhalt für ihren Sohn bestreiten können. Für diese fünf Jahre muss die Heilpraktikerin zahlen. Über diese Zeitspanne hinaus habe es keine hinreichende Wahrscheinlichkeit für ein gesundes Überleben gegeben. Dem Gericht zufolge hatte die Frau noch kurz vor ihrem Tod erkannt, dass sie sich im Vertrauen auf den Rat der Heilpraktikerin falsch entschieden hatte und nun ihren Sohn ohne seine Mutter zurücklassen musste.

Der Senat stützt sich in seinem Urteil auf das Patientenrechtegesetz, das nach seiner Auffassung auch für Heilpraktiker gilt. "Für die Frage, ob die Behandlung fehlerhaft war, gilt auch bei Anwendung alternativer Behandlungsmethoden der Standard, wie er von einem ausgebildeten und praktizierenden Heilpraktiker einzuhalten ist", erläutert ein Gerichtssprecher. Die fachliche Einschätzung eines Arztes entlastet demnach den Heilpraktiker nicht davon, dass er den Patienten darauf hinweisen muss, dass seine Behandlungsmethode (wie in diesem Fall die Schlangengift-Therapie) kein adäquater Ersatz für die Schulmedizin (in diesem Fall die Strahlentherapie) ist.

"Erkennbaren Zweifeln des Patienten an der Sinnhaftigkeit der empfohlenen medizinischen Behandlung muss der Heilpraktiker entgegentreten und darf den Patienten nicht in der Abkehr von der gebotenen Therapie bestärken", betont das Gericht. "Dabei handelt es sich nicht um einen Mangel der Selbstbestimmungsaufklärung, sondern um einen Behandlungsfehler im Sinne der therapeutischen Aufklärung."

Quelle: ntv.de, ysc/dpa/AFP

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