Panorama

Alles vernichtende Wolke Heuschrecken lassen Kenianer verzweifeln

Gewaltige Heuschreckenschwärme gehören bereits zu den biblischen Plagen. In Ostafrika sind gerade Millionen der Insekten unterwegs und fressen ganze Landstriche kahl. Verzweifelt kämpfen Bauern um ihre oft mühsam aufgebauten Existenzen.

"Sie sind gestern Abend hier gelandet", sagt Tabita Karimi Kithure und wedelt wild mit einem großen Stück Wellblech. "Wir haben versucht, sie mit Lärm zu verscheuchen - vergebens!" Die Mittvierzigerin rennt los zurück ins Feld, schlägt mit einem Stock auf das Wellblech und macht einen Riesenkrach. Vor ihr erhebt sich eine dichte Wolke gelber Insekten. Es sind Wüstenheuschrecken und es sind so viele, dass kann keine zehn Meter weit schauen kann.

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Das Flattern ihrer kleinen Flügel ist fast lautlos. Doch die schiere Masse der Insekten erzeugt einen Luftstrom, der tatsächlich wie Wind klingt. Kein Wunder! Tabita Karimi Kithures Dorf in der kenianischen Provinz Kiaruni wird gerade von einem 50 Millionen Tiere großen Wüstenheuschrecken-Schwarm überrannt.

Kithure ist eine hart arbeitende Frau und Mutter von vier Kindern. Sie führt den Haushalt, kocht, putzt, wäscht, bestellt die Felder, auf denen vor allem Hirse angebaut ist. Das Getreide ist Grundlage für das kenianische Grundnahrungsmittel Ugali, ein fester, nahrhafter Brei, der täglich gereicht wird. Hirse lässt sich auch gut auf dem lokalen Markt verkaufen; bringt also wichtiges Einkommen.

Schreckliches Schauspiel

Für Kithure ist Hirse so wichtig wie Sauerstoff. Und nun fressen 50 Millionen Wüstenheuschrecken in Windeseile ihre Existenz weg. "Ich wollte die Schulgebühren meiner Kinder mit der Ernte bezahlen", schreit sie und schlägt unablässig auf das Wellblech. "Ich habe Schulden in der Schule. Wie soll ich sie jetzt abbezahlen? Schauen Sie, die Viecher haben in wenigen Stunden einen Großteil meiner Hirse aufgefressen."

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Ein Farmer im Norden Kenias versucht, die Heuschrecken zu verscheuchen - ein aussichtsloses Unterfangen.

(Foto: imago images/Xinhua)

Es ist in der Tat ein ebenso schreckliches wie erstaunliches Schauspiel. Die filigranen, durchaus graziösen gelben Heuschrecken sitzen zu dritt, zu viert auf den Ähren und verputzen ihre Körner in einem Tempo, das man ihnen wahrlich nicht zutraut. Wüstenheuschrecken sind die destruktivsten Wander-Schädlinge auf Erden. Sie sind in der Lage, täglich zwei Gramm Nahrung zu fressen. Bei 50 Millionen Insekten bedeutet das viele Tonnen Hirse, Gras, Mais - was auch immer sie in Kithures Dorf finden können. Da bleibt nichts übrig für die Bewohner oder ihr Vieh.

"Das ist so bitter", sagt Siles Konotimerete. Er ist landwirtschaftlicher Berater des kenianischen Roten Kreuzes in der Region. "Wir haben so viel getan, um den Kleinbauern in Kiaruni nach den Dürren und den darauffolgenden Überschwemmungen der vergangenen Jahre auf die Beine zu helfen. Nun ist all die Arbeit zerstört - von Heuschrecken." Konotimerete hat erst vor wenigen Wochen ein dreitägiges Ausbildungs-Seminar über die Schädlinge besucht. Heuschreckenexperten werden in Ostafrika dringend gebraucht. Die Lage in Kenia ist inzwischen so ernst, dass die Regierung Zivilisten ausbildet, um Gemeinden aufzuklären und Kleinbauern dazu zu bewegen ihre Ernte schon jetzt, also früher als gewohnt einzuholen.

Nicht aufzuhaltende Plage

Die Heuschrecken lassen sich nicht aufhalten. In Kenia, Äthiopien und Somalia ist die Lage laut FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, inzwischen höchst alarmierend. Auch in Uganda sind die Heuschrecken eingefallen. Die ugandische Armee ist im Einsatz - gegen die Insekten.

Große Sorge bereitet der UN ein Riesenschwarm, der am 17. Februar den Distrikt Magwi im Südsudan erreichte. In dem jüngsten Land der Welt herrschen ohnehin Hunger und Verzweiflung. Mit den Heuschrecken kommt der Hungertod. Im Südsudan gibt es nicht einmal ansatzweise eine Infrastruktur, den Schädlingen Herr zu werden.

Kenia hat ein - ja, EIN - Flugzeug, das Pestizide sprüht. Und eine kleine Truppe Angestellter des Landwirtschaftsministeriums, die den Wüstenheuschrecken-Schwärmen hinterherjagen. Die Schwärme können täglich bis zu 140 Kilometer weit fliegen. Ein Weibchen legt 300 Eier.

Ein Flugzeug für das ganze Land?

"Die Pestizide wirken", sagt Konotimerete. Vor allem, wenn die Larven gerade geschlüpft sind und die jungen Heuschrecken noch keine Flügel haben. "Dann muss man breitflächig sprühen, am besten aus der Luft. Aber ein Flugzeug für das ganze Land? Wie effektiv ist das?" Er schüttelt mit dem Kopf.

Auf den regelmäßig aktualisierten Karten der FAO, die die Verbreitung der Heuscrecken darstellen, ist fast der ganze Norden Kenias rot markiert. Wie ein kleines Bein reicht ein dünner roter Korridor gen Süden nach Tansania. Die Plage ist auch am Fuße des Kilimandscharo angekommen.

Zweite Welle steht bevor

Konotimerete ist in den vergangenen Stunden alle Felder und Wege in Kithures Dorf abgelaufen. "Ich habe viele Eier und Kokons der Heuschrecken gefunden", sagt er. Das ist ein gutes Zeichen. "Eigentlich vergraben die Heuschrecken ihre Eier in der Erde. Es sieht so aus, als sei die an manchen Stellen zu hart gewesen. Die frei liegenden Eier werden nicht schlüpfen." Aber Konotimerete ist sich auch sicher: In den weicheren Bodenregionen des Dorfes schlummern Millionen gelbe, reiskorngroße Heuschreckeneier.

"In 12 bis 21 Tagen schlüpfen die kleinen Hüpfer und die sind viel gefräßiger als ihre Eltern", sagt Konotimerete. Eine zweite Welle. Dann muss Kithures wieder schreien. Nicht um die Insekten zu vertreiben, die Jungen haben ja noch keine Flügel. Nein, Kithures muss dann laut um Hilfe rufen, damit die kenianische Regierung den kleinen Trupp pestizidsprühender Beamter ausgerechnet in ihr kleines Dorf schickt. Ihre Rufe werden aller Voraussicht nach genauso folgenlos sein wie das Hämmern auf das Stück Wellblech.

Quelle: ntv.de