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Extrembergsteigen am Limit "Ich kann das Risiko nicht auf null schalten"

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David Lama bei seiner Tour in Nepal 2018.

(Foto: Red Bull via AP Images)

Lange galt für die berühmten Bergsteiger David Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelley jeder Gipfel als bezwingbar. Nun sind die drei jungen Alpinisten tödlich verunglückt. n-tv.de sprach mit dem Bergexperten Philip Abels vom Deutschen Alpenverein über die Gefahren beim Extremklettern, den Unfall und den Reiz beim Risikosport.

n-tv.de: Herr Abels, die vermissten Weltklassebergsteiger Hansjörg Auer, David Lama und Jess Roskelley wurden mittlerweile tot aufgefunden. Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie die Nachricht erreichte?

Philipp Abels: Wenn man eine solche Nachricht erhält, fühlt sich das natürlich nie gut an. Es kamen mir auch Erinnerungen hoch an andere tödliche Unfälle, mit denen ich über die Jahre hinweg zu tun hatte. Vor zwei Jahren ist beispielsweise auch der Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck tödlich verunglückt. Auch jemand, wo man eigentlich immer gedacht hat: Der ist so mit der Beste, mit so viel Erfahrung, der hat das Risiko im Griff.

Die drei galten schon fast eine Woche lang als vermisst, nachdem sie zuvor offenbar von einer Lawine im Banff-Nationalpark in den kanadischen Rocky Mountains erfasst wurden. Hatten Sie noch Hoffnung?

Ich hatte wegen der Informationen, die ich bereits im Vorfeld hatte, nicht besonders viel Hoffnung. In manchen Fällen hat man das sicher mehr, aber bei den dreien hörte sich alles nicht sehr positiv an. Es gab kaum Chance, dass sie noch lebend geborgen werden.

Die Familie von Lama hatte bei Facebook gepostet: "David lebte für die Berge ... und Bergsteigen hat uns als Familie geprägt ... Das nun Geschehene werden wir als Teil davon akzeptieren." Begleitet die Familien eine ständige Sorge?

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Wenn man ganz tief in sich reinhört, ist eine gewisse Sorge mit Sicherheit bestimmt immer da. Trotzdem ist es glaube ich ähnlich wie etwa bei einem Autounfall. Man selbst denkt selten darüber nach, wenn man ins Auto einsteigt, dass es zu einem Unfall kommen könnte. Das passiert immer nur den anderen. Bei dem eigenen Sohn etwa steht stattdessen der Gedanke im Vordergrund, dass er das Risiko im Griff hat. Gerade die drei verunglückten Alpinisten galten als sehr erfahren. Aber es steht mir nicht zu, über die Eltern der Verstorbenen zu urteilen.

Extremkletterer begehen abgelegene Strecken. Auch die Route zum "Howse Peak" wurde das letzte Mal vor 20 Jahren erfolgreich bewältigt. Reinhold Messner sagte, der Unfall zeige, dass Bergsteigen, bei dem man sich in die "absolute Wildnis" begebe (...), "wahnsinnig gefährlich" sei.

Das Bergsteigen an der absoluten Weltspitze - wie die drei es auch gemacht haben - ist natürlich sehr gefährlich. Weil einfach die äußeren Umstände, die Felswände und Gletscherzungen, unter denen man hindurch muss, Teil dieser ausgefallenen Touren am Limit sind. Dabei kann es zu Steinschlägen und Eisbrüchen kommen. Das sind objektiv gesehen hohe Gefahren. Zu einem gewissen Maß lässt sich das sicherlich eindämmen. Wenn man früh unterwegs ist, es noch kalt ist und man nicht einem sonneneingestrahlten Hang begeht, der dann labil ist. Damit kann ich das Risiko reduzieren, aber eben nicht auf null ausschalten.

Haben sich über die Jahre nicht die Möglichkeiten erweitert, das Risiko zu minimieren?

Klar, zum Beispiel Lawinenverschüttungsgeräte. Mittlerweile gibt es durch die Satellitentechnik auch ziemlich gute Geräte, um sich unterwegs in abgeschiedenen Regionen, in denen es keinen Handyempfang mehr gibt, täglich mit einem aktuellen Wetterbericht einzudecken. Das kann Risiken stark reduzieren und eine Tour besser planbar machen. Wenn ich weiß, dass ich Gewitter und starke Schneefälle ausschließen kann. Grundsätzlich kann ich mit den Geräten auch Hilfe holen und die Bergwacht alarmieren. Die Frage ist dann aber natürlich immer, wie lange es dauert, bis die Hilfe da ist. Aber zumindest kann ich in Kontakt nach außen treten.

Also können neue Technologien Extremsportlern helfen.

Ja, in dem Fall war es nun auch tatsächlich so, dass Roskelley sich nicht gemeldet hatte. Dadurch war überhaupt erst klar, dass etwas passiert sein muss und die Suchaktion wurde gestartet. Hätte Roskelley nicht die Möglichkeit dazu gehabt, sich zu melden, wäre der Unfall vermutlich auch nicht so schnell aufgefallen. Letzten Endes bleibt Bergsport aber eine Risikosportart und das macht auch einen Teil seines Reizes aus.

Worin besteht dieser Reiz denn genau?

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Auch hier waren David Lama (r.) und Hansjörg Auer (l.) schon einmal zusammen in Nepal unterwegs. Der dritte im Bunde ist Alex Blümel.

(Foto: Red Bull via AP Images)

Dass man die Kontrolle über das eigene Tun und dessen Konsequenzen hat. Wenn man zum Beispiel ungesichert eine Felswand hochklettert oder ungesichert im Gebirge unterwegs ist, dann ist man alleine dafür verantwortlich, was passiert. Diese Selbstbestimmtheit macht einen großen Reiz bei dem Ganzen aus. Am Ende reduziert sich beim Bergsteigen sehr viel auf einfache Entscheidungen, die aber sehr existenzielle Auswirkungen haben können.

Die drei Verunglückten galten als besonnen und sehr erfahren. Aber auch Weltklassekletterer scheinen nicht vor allen Risiken der Natur gefeit. Dennoch: Hätte der Unfall Ihrer Einschätzung nach verhindert werden können?

Dazu kann ich nichts sagen. Ich war nicht an dem Tag und zu der Zeit an der Wand. Aber man kann natürlich immer alles verhindern, indem man es nicht macht - ich glaube aber nicht, dass das eine sinnvolle Lösung ist. Ich gehe aber stark davon aus, dass die drei alles Menschenmögliche getan haben, um das Risiko zu reduzieren. Am Ende bleibt aber ein Restrisiko und man kann auch einfach Pech haben.

Schreckt der Unfall in der Kletterszene denn einige Bergsteiger auch auf?

Ich denke, niemand der Bergsteiger wird deswegen nun mit dem Klettern aufhören. Aber mit Sicherheit macht man sich in solchen Momenten noch einmal bewusst, wie sicher man selbst unterwegs ist, wie viel Risiko man bereit ist einzugehen. Vielleicht verzichtet man auch das ein oder andere Mal darauf, es einzugehen. In der Regel aber handeln Bergsteiger nach bestem Wissen und Gewissen und haben alles dafür gemacht, um das Risiko auf ein für sich vertretbares Maß zu reduzieren. Niemand geht mit dem Gedanken raus in die Berge: Vielleicht falle ich heute runter, vielleicht nicht.

Lassen sich Rückschlüsse aus dem Unfall ziehen, wie künftig so etwas verhindert werden kann?

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Bergsteigerexperte Philipp Abels vom Deutschen Alpenverein (DAV).

Die kanadischen Behörden sind noch damit beschäftigt, den Unfallhergang soweit es geht zu rekonstruieren. Man hat jetzt das Handy gefunden und konnte zumindest feststellen, dass der Unfall wohl beim Abstieg passiert ist. Aber um jetzt konkrete Rückschlüsse daraus zu ziehen, dafür liegen bislang zu wenige Informationen vor. Es ist nicht klar, warum sich die Lawine gelöst hat, wie die genauen Wetterverhältnisse waren, ob die drei vielleicht zu spät dran waren oder nicht. Es gibt sehr viele offene Fragen.

Sie selbst haben jeden Tag mit Leistungs-Bergsteigern zu tun. Was versuchen Sie den Kletterern mitzugeben, bevor sie sich auf den Weg zum Gipfel machen?

Dass es das Wichtigste ist, zurückzukommen. Es gibt diesen abgedroschen Spruch  "Ein guter Bergsteiger ist ein alter Bergsteiger" und da ist viel dran.

Mit Philipp Abels sprach Nikola Endlich

Quelle: n-tv.de

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