Panorama

Weihnachten auf Intensivstation Janssens: "Das sind sehr bedrückende Momente"

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Uwe Janssens ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler.

Die Delta-Welle ebbt ab, doch die Intensivstationen sind noch belastet. Zudem droht eine Omikron-Welle - die Mitarbeitenden auf den Intensivstationen richten sich auf anspruchsvolle Wochen vor. Zu Weihnachten ist die Arbeit besonders emotional herausfordernd, schildert Intensivmediziner Janssens bei ntv.

ntv: Reichen die Bund-Länder-Beschlüsse, um für eine Entlastung auf den Intensivstationen zu sorgen und mit der Omikron-Variante fertig zu werden?

Uwe Janssens: Der Verlauf der Erkrankung ist bei Omikron noch nicht genau vorherzusagen. Es scheint so zu sein, dass sie nicht so schwer verlaufen dank der schon hohen Durchimpfung in den einzelnen Bevölkerungsgruppen. Das größere Problem stellt die mögliche Infektion des bereits geimpften Personals dar. Wenn wir weniger Personal haben, weil sie in Quarantäne müssen und erkrankt sind, dann werden wir in vielen Bereichen ein Problem bekommen.

Die Kliniken sollen jetzt als Teil der kritischen Infrastruktur ihre Notfallpläne nachschärfen. Kann man das überhaupt auf einer Intensivstation, die ja sowieso schon dünn besetzt ist?

In unserem Krankenhaus habe ich meine Mitarbeitenden schon darauf hingewiesen, dass jeder sich bewusst sein muss, dass, wenn es zu einer tatsächlich rasenden Ausweitung der Omikron-Variante kommt, wir Sorge tragen müssen, die Abläufe zu organisieren und sicherzustellen. Das bedeutet dann eventuell auch, dass Urlaube so nicht genommen werden können oder wir Personal wieder zurückholen müssen. Jeder muss sich darauf einstellen, denn wir sind Bestandteil der Daseinsvorsorge. Bundeskanzler Scholz hat das gestern ganz klar zum Ausdruck gebracht und wir sind jetzt dran, zu liefern und das sicherzustellen. Aber Sie haben vollkommen recht: Das Personal ist in dem Umfang tatsächlich nicht da. Sie sind müde, sie sind abgekämpft. Aber auch das werden wir wieder gemeinsam versuchen zu schaffen.

Was würde das für die Patientenversorgung bedeuten, wenn viele Mitarbeitende in Quarantäne müssten, reden wir dann von Triage?

Wenn wir in einen kritischen Bereich kommen, wo wir gar kein Personal mehr haben, kann es bedeuten, dass wir in eine wirklich verheerende Situation geraten. Aber das ist bisher auch in anderen Ländern so noch nicht eingetreten - etwa in Amerika oder Großbritannien. Nun sind das auch ganz andere Gesundheitssysteme. Ich würde jetzt im Moment vorsichtig sein, hier schon eine klare Vorhersage für solche Horrorszenarien abzugeben. Ich würde eher sagen, lassen Sie uns erstmal unsere Hausaufgaben machen, die Pläne erstellen und dann, wenn es so weit sein sollte, agieren.

Weihnachten steht vor der Tür. Wie traurig werden die Feiertage in den Kliniken und speziell auch auf der Intensivstation?

Weihnachten und der Jahreswechsel sind immer sehr emotionale Situationen für Mitarbeitende, aber vor allen Dingen auch für die Patientinnen und Patienten, die zum Teil schwer krank auf den Intensivstationen liegen. Viele sind gar nicht bei Bewusstsein, aber die Angehörigen stehen an ihren Betten und blicken mit großer Sorge in die Zukunft. Bei den schwer kranken Covid-19-Patienten, die zum Teil ja eine schlechte Prognose haben, sind das sehr emotionale Momente - am Tag eines Festes, zu dem man normalerweise zu Hause zusammensitzt und es sich gut gehen lässt. Das sind sehr bedrückende Momente. Das ist aber in den letzten Jahren immer so gewesen.

Wie reagieren da Angehörige, deren Liebste Ungeimpfte waren?

Wir versuchen das Thema Impfung außen vorzuhalten. Wir wissen schon über den Status der Patienten, zum Teil auch ihrer Angehörigen Bescheid. Wir machen dieses aber nicht zum Thema, denn das führt bei der Behandlung des Patienten zu keiner Verbesserung oder Verschlechterung. Jeder wird hier gleich behandelt. Viele machen sich tatsächlich im Nachhinein auch Vorwürfe. Nur: Wenn es so weit ist und ein Mensch schwer erkrankt, ändert es nichts mehr und wir müssen dann immer nach vorne blicken. Und um Schuldzuweisung und Schuldgefühle geht es ja nicht. Wir versuchen die Leute mitzunehmen, sie auch zu trösten, zu bestärken und versuchen dann gemeinsam mit Angehörigen, aber auch mit den betroffenen Patienten, eine Lösung zu finden, die sie wieder ins Leben zurückführt.

Mit Uwe Janssens sprach Nele Balgo

Quelle: ntv.de

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