Panorama

Sexualdelikte und Justizirrtümer "Jeder kann unschuldig verurteilt werden"

87411985.jpg

Steller: "Ganze Existenzen werden zerstört."

(Foto: picture alliance / Sebastian Wil)

Zwei Jahre saß der Bundeswehrbeamte Norbert Kuß unschuldig in Haft, verurteilt wegen angeblichen sexuellen Missbrauchs seiner Pflegetochter. Eine Gutachterin hatte die Aussagen des lernbehinderten Mädchens als "mit hoher Wahrscheinlichkeit glaubhaft" eingestuft. Später kam heraus: Das Gutachten wies erhebliche Mängel auf, nun wurde die Gutachterin zu einer Strafzahlung in Höhe von 60.000 Euro verurteilt. Der Rechtspsychologe Max Steller hatte Kuß' Erstgutachten im Auftrag des Saarländischen Oberlandesgerichts überprüft und "erhebliche ergebnisrelevante Mängel" festgestellt. Im Gespräch mit n-tv.de warnt er nun im Bereich der Sexualdelikte vor einer Fokussierung auf vermeintliche Opfer. Auch in der #Metoo-Debatte empfiehlt er, "rational" zu bleiben.

n-tv.de: Jahrelang kämpfte Norbert Kuß nach einem Fehlurteil darum, rehabilitiert zu werden. Verurteilt worden war er vor allem wegen eines schlampigen Gutachtens. Wie kann es dazu kommen?

Max Steller: Bei Sexualdelikten wird in vielen Fällen nicht mehr genau hingeguckt. Seit den 90er Jahren gibt es eine hohe Zahl von Beschuldigungen und Überdiagnostizierungen im Bereich sexueller Missbrauch. Dabei herrscht eine Opferzentrierung, die zu Kollateralschäden führen kann. Bereits in den Polizeiprotokollen ist von "Geschädigten" die Rede - dabei ist eine anzeigende Person Belastungszeuge und nicht Opfer. Ob es eine Schädigung gab, müssen schließlich die Gerichte feststellen.

Oder die Gutachter.

14345768.jpg

Max Steller war bis zu seiner Emeritierung Professor für Forensische Psychologie an der FU Berlin. Seine Glaubhaftigkeitsgutachten führten zum Freispruch aller Angeklagten in den Wormser Prozessen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Perspektive des Helfenwollens verstellt Psychiatern und Psychologen häufig den Blick. Wenn eine anzeigende Person psychische Störungen aufweist, kommen Gutachter oft zum Schluss: Die Person hat diese Störung, weil sie sexuell missbraucht, vergewaltigt wurde. Dabei muss man bei manchen Störungen damit rechnen, dass die Hemmschwelle für falsche Aussagen geringer und das Geltungsbedürfnis extrem hoch ist. Verletzungen durch andere Dinge als das Sexualdelikt werden dann als extrem empfunden und gerächt. Psychisch labile Menschen können das übernehmen, was sie jeden Tag in den Medien hören und sehen. Eine Falschaussage ist heute nicht mehr so unwahrscheinlich wie noch vor 30 Jahren.

Sollte es dann nicht besser immer mindestens zwei Gutachten geben?

Nein. Aber es muss sorgfältige Gutachten geben und mehr Aufklärung bei Sachverständigen. Manche zerfließen in Mitleid, dabei sollten sie rational und nicht mit Herz an die Arbeit gehen: Empathie im Verhalten, aber kritische Rationalität im Kopf. Dann lässt sich auch feststellen, ob die Aussage der belastenden Person erlebnisbegründet oder erfunden ist.

Wie lassen sich denn Missbrauchsfälle, die weit zurückliegen, nachweisen?

Das ist ein riesiges Problem. Häufig sagen Personen erst nach langer psychotherapeutischer Intervention: "Mir ist jetzt klar geworden, dass ich vor mehreren Jahrzehnten missbraucht worden bin und meine ganze psychische Misere, meine Ängste, mein Scheitern damit zusammenhängen." Sie müssen sich einmal vorstellen, was das in Familien auslöst, wenn Rentnerehepaare von ihren erwachsenen Kindern damit konfrontiert werden: "Vater hat mich missbraucht, Mutter hat weggesehen oder war seine Verbündete." Die Frage ist: Ist das eine zutreffende Wiedererinnerung an etwas, was bisher verschüttet war, oder ist das eine völlig fiktive, durch Psychotherapie induzierte Vorstellung? Die Aussagenpsychologie hat gute Prüfmethoden entwickelt, dies festzustellen und echte Erinnerungen von Scheinerinnerungen zu unterscheiden.

Was im Zuge der #Metoo-Debatte ja durchaus hilfreich sein könnte.

Es ist aber im Augenblick eine ganz schlechte Zeit dafür. Kritische Sachverständige werden sofort zu Schützern von Kinderschändern oder Vergewaltigern erklärt. Die #Metoo-Debatte übersieht vollkommen, was es immer wieder bei diesen Fällen gibt: einen Bodensatz von Wahrheit und eine nicht ganz kleine Gruppe von bewussten oder unbewussten Trittbrettfahrern. An den Kirchenfällen zeigt sich das exemplarisch. Ich bezweifle überhaupt nicht, dass es sexuellen Missbrauch in den großen Kirchen gab und gibt. Aber ich habe einige Fälle gesehen, in denen psychisch Labile auf den Zug aufgesprungen sind und gesagt haben: "Jetzt weiß ich es endlich. Der Pfarrer war's vor drei Jahrzehnten." Und was machen die Kirchen? Wenn ein Pfarrer heute beschuldigt wird, lassen sie den häufig fallen, statt in jedem Fall genau zu prüfen und zu fragen: Könnte die Anschuldigung auch falsch sein?

Der Fall Kuß ist nicht der Einzige, in den vergangenen Jahren ist es immer wieder zu spektakulären Justizirrtümern gekommen. Fehlt es an Kontrollinstanzen?

Wir haben schon Kontrollinstanzen, aber die Hürden für Wiederaufnahmeverfahren sind sehr hoch. Das Beharrungsvermögen der Justiz ist riesig, wenn es erstmal ein rechtskräftiges, aber falsches Urteil gibt. Dann dagegen anzugehen, ist sehr schwer.

Was schätzen Sie, wie hoch die Zahl der Fehlurteile bei Sexualdelikten ist?

Die Zahl ist weit höher, als das, was spektakulär mit Wiederaufnahmeverfahren ans Licht kommt. Viele zu Unrecht Beschuldigte geben irgendwann einfach auf. Gestandene Polizeibeamte gehen davon aus, dass ungefähr 30 Prozent der Anzeigen wegen Vergewaltigung falsch sind. Auf jeden Fall haben wir sehr viel höhere Zahlen als vor 20, 30 Jahren. Das ist keine vernachlässigbare Quote mehr. Gerade bei Sorgerechtsauseinandersetzungen wird sehr häufig die Trumpfkarte gezogen: "Du hast mein Kind sexuell missbraucht." Gegen diesen Vorwurf kann man kaum etwas machen. Jeder kann unschuldig verurteilt werden. Doch wer so etwas sagt, steht ganz schnell am Pranger.

Welche Folgen hat so ein Fehlurteil?

Verheerende. Ganze Existenzen werden zerstört, Menschen wirtschaftlich und psychisch ruiniert. Wer verurteilt wird, muss nicht nur Geld für seine Verteidigung bezahlen, sondern auch das Gericht und eventuell die anderen Anwälte. Viele verlieren ihre Arbeit, und niemand wird nach einer Verurteilung wegen eines Sexualdelikts schnell einen Job finden, auch wenn er unschuldig ist. Und schon eine U-Haft steckt man nicht ohne Weiteres weg. In der Gefängnishierarchie stehen Sexualstraftäter auf der untersten Stufe. Das ist manchmal nicht nur psychisch, sondern direkt körperlich lebensgefährlich.

Mit Max Steller sprach Gudula Hörr

"Nichts als die Wahrheit? Warum jeder unschuldig verurteilt werden kann" von Max Steller bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de