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"Entsetzliches Versagen der Kirche" Käßmann ringt mit Judenfeind Luther

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Margot Käßmann (hier im Jahr 2012) hält nichts davon, die judenfeindlichen Seiten Luthers zu verschweigen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Reformator Martin Luther war nicht gerade ein Freund der Juden. "Steckt ihre Synagogen mit Feuer an", forderte er etwa. Harter Tobak vor allem im Vorfeld des Reformationsjubiläums. Auch Margot Käßmann muss angesichts solcher Äußerungen schlucken.

Die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann ringt angesichts des Reformationsjubiläums im Jahr 2017 mit dem Antijudaismus des Reformators Martin Luther. "Luther hat mit Blick auf die Juden eine schwere Bürde für die Kirche hinterlassen, die sich nach ihm benannt hat", sagte die Theologin bei der Vorstellung eines neuen Buches über die Beziehung Martin Luthers zu den Juden in Berlin im Gespräch mit dem Buchautor und Luther-Forscher Thomas Kaufmann.

Luther verfasste zum Beispiel im Jahr 1543 eine Schrift mit dem Titel "Von den Juden und ihren Lügen". Darin finden sich Handlungsanweisungen zum Umgang mit Juden, in denen er etwa fordert "dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe" und "dass man ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre, denn sie treiben ebendasselbe darin, das sie in ihre Schulen treiben."

Käßmann lehnte ab, diese "dunklen Seiten Luthers" zu verschweigen. Es falle ihr sehr schwer, solche Äußerungen des Reformators zu lesen. Seine Einstellungen gegenüber den Juden seien nicht nur "Schattenseiten", sondern vielmehr Grundzüge seiner Theologie. "Das ist eine große Belastung und wir können das nicht schönreden." Damit müsse man transparent umgehen, sagte die 56-Jährige.

"Entsetzliches Versagen der Kirche"

Rückendeckung erhielt sie von dem Göttinger Luther-Experten Kaufmann. "Wir können uns kritisch diesem Reformator stellen", betonte der Kirchenhistoriker. Die betreffenden Sachverhalte seien lange bekannt und ausführlich erforscht. Kaufmann beklagte eine "infame Enthüllungsrhetorik" in den Medien bezüglich dieses Themas.

Mit Blick auf die Frage, wie damit im Rahmen des Reformationsjubiläums umzugehen sei, betonte Käßmann, die Botschafterin für das Jubiläum im Auftrag der EKD ist, sie könne vor allem deshalb feiern, weil es eine Lerngeschichte gebe. Sie verwies auf das "entsetzliche Versagen unserer Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus", die die Juden nicht geschützt, sondern im Gegenteil bei der Hetze mitgemacht habe. Man habe seitdem viel gelernt - etwa, dass das Alte Testament nicht nur christlich vereinnahmt werden dürfe, sondern auch als jüdisches Testament ein eigenes Recht habe. Juden wie Christen lebten aus der selben Wurzel. "Und wir haben in 60 Jahren jüdisch-christlichem Dialog gelernt, miteinander theologisch zu ringen und sich zu verstehen."

Dennoch, ergänzte Käßmann, könne man Luther nicht auf seinen Antijudaismus reduzieren. "Es gibt auch vieles, was ich an Luther bewundere", sagte die Theologin. Luther bleibe die Symbolfigur schlechthin für die Reformation.

Quelle: n-tv.de

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