Panorama

"Gefangenschaft war Spaziergang" Kampusch wehrt sich gegen Hass im Netz

125335918.jpg

Natascha Kampusch wurde bekannt, weil sie nach acht Jahren vor ihrem Entführer fliehen konnte.

(Foto: picture alliance/dpa)

Sie wünschen ihr den Tod, ziehen über ihre Entführung her und über ihr Gewicht: Cyber-Mobber machen Natascha Kampusch das Leben schwer. Doch die Frau, die sich von acht Jahren Gefangenschaft nicht hat zerstören lassen, nimmt den Kampf mit dem Hass im Netz auf.

Die Österreicherin Natascha Kampusch wird seit ihrer Flucht aus einem Kellerverlies in sozialen Medien und Online-Foren beschimpft und beleidigt. Viele User hätten ihr den Tod gewünscht, sagte die 31-Jährige. "Am meisten getroffen hat es mich immer, wenn gesagt wurde, dass meine Gefangenschaft nur ein Spaziergang gewesen wäre."

In ihrem Buch "Cyberneider. Diskriminierung im Internet" will Kampusch ihre Erfahrungen teilen und fordert härtere Strafen für Cyber-Mobber. Eine international agierende "Internet-Polizei" schwebt Kampusch vor, die bei Vergehen sofort eingreifen und Betroffenen helfen soll. Vor allem Frauen würden im Internet häufig zum Ziel von Mobbern werden. Opfer sollten die Angriffe nicht still ertragen, sondern vielmehr dokumentieren und Behörden einschalten, rät die Wienerin.

Kampusch war als Zehnjährige auf dem Schulweg entführt und mehr als acht Jahre lang in einem Keller gefangen gehalten worden. Im August 2006 gelang der damals 18-Jährigen die Flucht. Stunden später brachte sich der Entführer um. Dass sie sich nicht als gebrochenes Opfer in der Öffentlichkeit zeige, werde ihr seit ihrer Selbstbefreiung immer wieder vorgeworfen. "Sie sehen mich lächeln und kommen gar nicht auf die Idee, dass ich mich, gerade, weil ich so viel Schreckliches durchgemacht habe, so freue, auf der Welt zu sein und meine Freiheit zu genießen", schreibt Kampusch.

Kommentare: "Habgierig, mediengeil, fresssüchtig"

Ihr Drama will sie auch mit ihrer neuen Aufgabe als Autorin bewältigen. Ein weiteres Buch sei ebenfalls angedacht. Das Thema wollte Kampusch aber noch nicht verraten. Zudem arbeite sie mit Organisationen zusammen, die sich für Menschen einsetzen, die Diskriminierung im Netz erfahren. "Man hat mich schon habgierig, mediengeil, verlogen oder fresssüchtig geschimpft", schreibt Kampusch in ihrem dritten Buch. Sie habe lange gebraucht, um sich von diesen Worten nicht mehr verletzen zu lassen.

Wieso ihr so viel Hass entgegenschlage, habe sie aber bis heute nicht verstanden. Die Angst, von anderen instrumentalisiert zu werden, sei ein ständiger Begleiter für sie geworden. Oft bemerke sie auch, dass Passanten heimlich Fotos von ihr machten, die später in Medien wieder auftauchten.

Anfeindungen vor allem von "älteren Frauen"

Nutzer schrieben ihr Dinge wie "Stirb doch endlich" oder "Geh wieder zurück in den Keller". Auch hält sich im Netz die Meinung, sie sei "kein echtes Entführungsopfer" oder habe alles ins kleinste Detail inszeniert. Noch nicht einmal auf offener Straße sei sie vor Anfeindungen sicher - "vor allem ältere Frauen beschimpfen" sie dort, so Kampusch.

Selbst ihr Kinderwunsch wurde indirekt durch das Cyber-Mobbing zerstört. Sie habe sich zwar unabhängig davon "ein Limit bis zum 25. Lebensjahr gesetzt", bis zu dem sie spätestens Kinder haben wollte. Sie fühle sich inzwischen aber sogar wie 41 und komme nie zur Ruhe, und das "auch wegen des Cybermobbings. Ich finde es schrecklich, wie Frauen mit Worten gequält, gefoltert und gedemütigt werden, und dass die meisten nur zuschauen, ohne etwas dagegen zu tun."

Kampusch nutzt soziale Medien dennoch

Kampusch, die selbst auf Twitter und Instagram aktiv ist, wolle sich aber trotz der negativen Seiten nicht gänzlich von sozialen Medien fernhalten. Sie erhalte auch positive Zusendungen und entdecke gerne Menschen mit interessanten Hobbys und Berufen im Internet. Zudem sehe sie ihre Herzensthemen Umwelt- und Tierschutz im Aufwind. "Ich finde es sehr positiv, dass sich jetzt so viele für Umweltschutz engagieren", sagte Kampusch.

Auf bösartige oder verletzende Zitate ihr gegenüber aus dem Netz habe sie auf den 192 Seiten ihres Buches bewusst verzichtet. "Allerdings habe ich mich dafür entschieden, keiner dieser Hasstiraden unnötig Raum zu geben, denn den haben sich ihre Verfasser wahrlich nicht verdient."

Quelle: n-tv.de, joh/dpa/spot