Panorama

1000 Dollar pro Corona-Spritze Kann Geld Impfskeptiker überzeugen?

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(Foto: picture alliance/dpa)

Ausschweifende Partys, volle Fußballstadien und dicht gedrängte Clubnächte: Erst mit einem wirksamen Impfstoff gegen das Coronavirus bekommen wir unser altes Leben zurück. Aber viele Menschen sind skeptisch. Ein US-Ökonom hat einen Vorschlag: 1000 Dollar für jede Impfung.

Wenn wir das Coronavirus besiegen wollen, brauchen wir Herdenimmunität. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Wir infizieren uns alle auf natürlichem Wege und hoffen, dass wir nicht sterben. Oder wir lassen uns impfen, sobald ein wirksamer Impfstoff auf den Markt kommt. Sinnvoller wäre die zweite Option, es gibt aber ein kleines Problem: Nicht alle Menschen wollen sich impfen lassen.

In einer Umfrage der Universität Heidelberg haben im Juli nur 55 Prozent der Befragten gesagt, dass sie sich impfen lassen würden, wenn ein Impfstoff verfügbar ist. EU-weit waren es in einer Befragung der Universität Hamburg und anderer europäischer Hochschulen nur 68 Prozent der Befragten. In den USA waren es jüngst sogar nur noch 39 Prozent. Die meisten Menschen sorgen sich vor möglichen Nebenwirkungen und darum, dass der Impfstoff gar nicht gegen das Coronavirus wirkt.

"Das ist nichts Neues, das hatten vor ein, zwei Jahren auch bei den sogenannten Masernpartys", sagt Verena Utikal. Sie moderiert den ntv-Podcast "Ja. Nein. Vielleicht." und beschäftigt sich als Verhaltensökonomin mit der Frage, wie Menschen Entscheidungen treffen. "Vor allem viele Eltern wollen ihre Kinder nicht impfen lassen, weil sie Nebenwirkungen befürchten."

Pakistan als warnendes Beispiel

Diese Haltung kann aber verheerende Konsequenzen haben: In Pakistan versucht die Regierung seit den 90ern Jahren verzweifelt, die Kinderlähmung Polio auszurotten. Aber Impfgegner und besorgte Eltern weigern sich, die Kampagne zu unterstützen. Allein in diesem Jahr sind deshalb erneut mindestens 64 Kinder an dem Wildtypen des Poliovirus erkrankt.

Um zu verhindern, dass der Kampf gegen das Coronavirus in einem ähnlichen Desaster endet, hat ein US-Ökonom einen kostspieligen Vorschlag: Robert Litan vom Brookings-Institut will jedem US-Amerikaner und jeder US-Amerikanerin, der oder die sich impfen lässt, 1000 Dollar zahlen. Viel Geld, aber jede Summe darunter werde als Anreiz vermutlich nicht ausreichen, schreibt er in seinem Vorschlag. Denn natürlich müssten sich möglichst viele Menschen impfen lassen.

Wann genau eine Herdenimmunität erreicht wäre, ist umstritten. Litan geht in seiner Berechnung davon aus, dass etwa 60 Prozent der Bevölkerung Antikörper in sich tragen müssten, um den Virus-Ausbruch zu ersticken. Da vermutlich nicht jeder Impfstoff hundertprozentig wirksam ist, empfehlen Experten, 80 Prozent der Bevölkerung zu impfen. In den USA wären das knapp 275 Millionen Menschen, die Impfkampagne würde also 275 Milliarden Dollar kosten. Übertragen auf Deutschland müsste die Bundesregierung gut 60 Milliarden Euro investieren.

Gewaltige Summen und ein Plan, der einen großen Haken hat: Was, wenn das Ziel trotz des Geldversprechens am Ende nicht erreicht wird?

"Jede Menge Geld verpulvert"

In England sei dieser ein Ansatz vor Jahren ausprobiert worden, sagt Verena Utikal. Damals sei es um Gebärmutterhalskrebs und HPV-Viren gegangen. Auch dort habe das Ziel bei 80 Prozent gelegen, es hätten sich aber nur 35 Prozent der 17- bis 18-Jährigen impfen lassen. Deshalb habe man ihnen 45 Pfund oder umgerechnet 56 Euro für eine Impfung angeboten. Die Bereitschaft sei gestiegen, aber das Ziel nicht erreicht worden, sagt die Verhaltensökonomin. "Sie haben jede Menge Geld verpulvert. Das wäre beim Coronavirus dasselbe Problem."

Aber Robert Litan bietet eine Lösung an: Das Geld wird in Raten ausgezahlt. 200 Dollar gibt es als Anzahlung, den Rest erst, wenn die 80-Prozent-Marke in der Bevölkerung erreicht ist. Ein positiver Nebeneffekt: Diejenigen, die das Geld unbedingt haben wollen, haben einen Anreiz, Familie, Freunde und Arbeitskollegen vom Arztbesuch zu überzeugen.

Aber natürlich besteht die Gefahr, dass sich skeptische Menschen trotz des mehr oder weniger bedingungslosen Geldregens weigern und nicht impfen lassen, weil ihre Angst vor Nebenwirkungen zu groß ist. "Diese Ängste sind nicht rational", sagt Verena Utikal. "Und wenn ich das Gefühl habe, durch eine Impfung steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich sterbe, lasse ich mich auch für 1000 Euro nicht impfen."

Dazu kommen zwei weitere Probleme: Wer eine Impfung skeptisch sieht, wird vielleicht noch misstrauischer, wenn es plötzlich sogar eine vierstellige Summe dafür gibt. Dieses Angebot habe natürlich auch etwas Anrüchiges, sagt Verena Utikal. "Als würde man etwas verbergen wollen. Das könnte bei vielen Leuten eine noch viel größere Skepsis hervorrufen."

Herdenimmunität als Wirtschaftstreibstoff

Kurzfristig mag es sinnvoll sein, das Portemonnaie zu öffnen und einer vierköpfigen Familie ohne weitere Vorbedingungen 4000 Dollar oder Euro anzubieten, wenn sie sich denn impfen lässt. Wirtschaftlich gäbe es sogar Argumente für diesen Vorschlag: Wenn das Virus eingedämmt ist und die Taschen voll sind, steigt sicherlich die Lust auf einen ausgedehnten Urlaub in zuletzt schwer erreichbaren Gegenden oder auf sorgenfreie Besuche in Kinos, Restaurants und Schwimmbädern. Die 60 Milliarden Euro wären nicht nur ein Impf-Anreiz, sondern auch ein zweites Konjunkturpaket.

Langfristig hilft aber nur, verloren gegangenes Vertrauen in Medizin, Forschung und auch in die Politik wiederaufzubauen. Man muss Skeptiker davon überzeugen, dass Impfungen Leben retten und Kindern ein gesundes Aufwachsen ermöglichen, dass man sich nicht nur selbst, sondern auch seinen Mitmenschen hilft. Denn das nächste Virus kommt bestimmt, dann stünde man vor dem gleichen Problem.

Aber vielleicht hilft auch eine Prise Egoismus. Denn spätestens, wenn in einem Jahr immer noch über Masken, Abstandhalten und Ausgangsbeschränkungen diskutiert wird, sagen sich viele Skeptiker womöglich: "Ich hab' die Nase voll. Wenn ich mein altes Leben zurückbekomme, lasse ich mich halt impfen."

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Quelle: ntv.de