Panorama

USA schieben 94-Jährigen ab Kartei aus Schiffswrack überführt KZ-Wächter

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Bis 1945 war das KZ Neuengamme mit seinen mehr als 85 Außenlagern das größte KZ Nordwestdeutschlands.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nach dem Zweiten Weltkrieg wandert ein ehemaliger KZ-Wächter mit seiner Familie unbehelligt in die USA aus. Doch Jahrzehnte später wird er doch noch aufgespürt - dank eines Dokuments aus einem Schiffswrack. Ein US-Gericht ordnet nun seine Abschiebung nach Deutschland an.

Ein früherer deutscher KZ-Wächter soll nach mehr als 60 Jahren aus den USA abgeschoben werden. Eine Richterin in Memphis im Bundesstaat Tennessee ordnete eine Ausweisung des deutschen Staatsbürgers Friedrich Karl B. an, teilte das US-Justizministerium am Donnerstag mit. Der heute 94-Jährige war demnach während des Zweiten Weltkriegs Aufseher in einem Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme im niedersächsischen Meppen.

Im März 1945 soll er einen Gewaltmarsch von Häftlingen von Meppen in das bei Hamburg gelegene Hauptlager Neuengamme bewacht haben, bei dem rund 70 Menschen ums Leben kamen. B. habe zugegeben, nie um eine Versetzung aus dem KZ-Wachdienst gebeten zu haben, erklärte das US-Justizministerium. Demnach bekommt der Mann, der seit 1959 in den USA lebt, bis heute eine deutsche Rente.

Dass B. überhaupt überführt werden konnte, ist laut "Washington Post" einer jahrzehntealten Karteikarte aus einem Schiffswrack zu verdanken. Die Karte dokumentierte demnach B.s Arbeit in dem Konzentrationslager. Sie war an Bord von einem von zwei Schiffen, die kurz vor Kriegsende von der Britischen Royal Air Force bei Lübeck zerbombt wurden und sanken. Jahre später, als die Wracks geborgen wurden, kamen mehr als 2000 Karteikarten mit persönlichen Informationen von B. und anderen ans Licht.

B. sei "Teil der SS-Maschinerie der Unterdrückung" gewesen, "die KZ-Häftlinge unter furchtbaren Bedingungen gefangen hielt", erklärte US-Staatsanwalt Brian Benczkowski. Die Gerichtsentscheidung mache deutlich, dass sich die US-Justiz auch für späte Gerechtigkeit für die Opfer von NS-Verfolgung einsetze. Die USA hatten 1979 ein Programm aufgelegt, um frühere NS-Schergen aufzuspüren und auszuweisen. Seitdem wurden im Zuge dieses Programms 67 Menschen aus den USA abgeschoben, sagte Eli Rosenbaum vom US-Justizministerium.

"Vielleicht der Letzte"

Der bislang letzte Fall war im August 2018 die Abschiebung des ehemaligen KZ-Wächters Jakiv Palij nach Deutschland. Palij war Aufseher im NS-Zwangsarbeitslager und SS-Ausbildungslager Trawniki im von den Nazis besetzten Polen. Er starb im Januar 2019 im nordrhein-westfälischen Ahlen.

NS-Jäger Rosenbaum sagte nun, B. sei womöglich einer der letzten in den USA lebenden NS-Schergen, "vielleicht der Letzte". B. kann gegen seine Ausweisung Rechtsmittel einlegen, der Fall könnte sich lange hinziehen. Der 94-Jährige selbst sagte der "Washington Post", der Gerichtsbeschluss nach 75 Jahren sei "lächerlich". Er sei angewiesen worden in dem Camp zu arbeiten und habe kein Waffe getragen.

Das KZ Neuengamme südöstlich von Hamburg war 1938 zunächst als Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen gegründet worden. Nach Angaben der KZ-Gedenkstätte Neuengamme wurde es dann 1940 zu einem eigenständigen Konzentrationslager. Es war demnach bis 1945 das zentrale KZ Nordwestdeutschlands und hatte mehr als 85 Außenlager. Die Häftlinge wurden als Zwangsarbeiter für die Kriegswirtschaft eingesetzt. Mehr als 42.000 Menschen kamen in den Lagern, während der Zwangsarbeit, bei Todesmärschen oder dem Bombardement von KZ-Schiffen ums Leben.

Quelle: ntv.de, ftü/AFP