Panorama

Auf Konfrontationskurs zum RKI Kassenarztchef: Nicht auf Neuinfektionen starren

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Gassen warnt vor falschem Alarmismus.

(Foto: imago images/Jürgen Heinrich)

Welche Parameter beschreiben die Corona-Lage am eindringlichsten? Geht es nach dem Chef der Kassenärzte ist es auf jeden Fall nicht die Zahl der Neuinfektionen. Und auch an vielen anderen Maßnahmen im Kampf gegen das Virus lässt er kein gutes Haar.

Kassenarztchef Andreas Gassen wendet sich mit deutlichen Worten gegen Warnungen, die Corona-Pandemie könne außer Kontrolle geraten. "Wir müssen aufhören, auf die Zahl der Neuinfektionen zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange, das führt zu falschem Alarmismus", sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Selbst 10.000 Infektionen täglich wären kein Drama - "wenn nur einer von 1000 schwer erkrankt, wie wir es im Moment beobachten", sagte Gassen.

Der KBV-Chef reagierte damit auf Warnungen des Robert-Koch-Institutes (RKI) vor einer unkontrollierten Verbreitung des Virus in Deutschland. Es sei "möglich, dass wir mehr als zehntausend neue Fälle pro Tag sehen und dass sich das Virus unkontrolliert verbreitet", hatte RKI-Präsident Lothar Wieler jüngst in Berlin gesagt. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte sich besorgt gezeigt und eindringlich zur Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln aufgerufen.

Zugleich kritisiert Gassen das Vorgehen der Bundesländer im Kampf gegen die Corona-Pandemie scharf. "Diese Regelungswut ist oft eher kontraproduktiv", sagte er. Angesichts des Wusts "an nicht nachvollziehbaren Regelungen" sei die "Akzeptanz für die Maßnahmen, die wirklich etwas bringen" möglicherweise in Gefahr. "Die Reisebeschränkungen sind zur Pandemiebekämpfung überflüssig und auch nicht umzusetzen", sagte Gassen weiter. Innerdeutsche Reisen seien lediglich eine "Pseudo-Gefahr".

Das Problem liege vielmehr bei "traditionellen Großhochzeiten, in Fleisch verarbeitenden Betrieben, durch unkontrolliertes Feiern". Diese Dinge würden durch Quasi-Reiseverbote überhaupt nicht unterbunden, sagte er weiter. Stattdessen würden knappe Test-Kapazitäten verschwendet, kritisierte Gassen. "Das ist schon fast grober Unfug." Auch das Beherbergungsverbot müsse "definitiv" schnellstmöglich zurückgenommen werden.

Als "mehr als fragwürdig" bezeichnete Gassen ferner Sperrstunden und Alkoholverbote wie in Berlin. "Bis 23 Uhr darf man sich ins Koma saufen, aber 23.30 Uhr gibt's nichts mehr?" Das sei nicht effektiv, weil es das individuelle Verhalten nicht ändere.

Quelle: ntv.de, jwu/AFP