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"Das Sterben beenden" Kekulé fordert, allein auf Erstimpfungen zu setzen

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Das Entkoppeln der Sterblichkeit von der Inzidenz "ist der eigentliche Gamechanger", sagt Kekulé.

(Foto: picture alliance / Eventpress)

Virologe Kekulé kritisiert massiv die Impfstrategie. Für eine schnellere Immunisierung der Bevölkerung hätte man auf die Zweitimpfungen so weit wie möglich verzichten müssen. Dadurch wären viel mehr gefährdete Menschen bereits geimpft und die Sterblichkeit von der Inzidenz entkoppelt.

Der Virologe Alexander Kekulé hat die Politik aufgefordert, die Impfkampagne in Deutschland komplett auf Erstimpfungen umzustellen. So könne man den Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf, den bereits die erste Impfdosis biete, voll nutzen, erklärte der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle ntv.de.

Man hätte es so machen müssen wie in Großbritannien, sagte Kekulé: "Zunächst nur einmal impfen." Es sei von Anfang an angesichts des begrenzten Impfstoffs klar gewesen, "dass wir nicht gleich aus dem Vollen schöpfen können, um alle gleich zweimal zu impfen. Deshalb: Erstmal möglichst viele, von alt nach jung, ein Mal. Und später kann man dann die zweiten Impfungen angehen", so der Epidemiologe weiter.

Zweitimpfung junger Menschen unverständlich

"Wenn man zunächst nur einmal impft, werden doppelt so viele Menschen geschützt", rechnete Kekulé vor. Besonders unverständlich sei, warum bestimmte Gruppen in Deutschland bereits die zweite Impfung bekämen, obwohl andere, gefährdetere Personen noch nicht einmal die erste Impfung hätten. "Vor einer symptomatischen Covid-Erkrankung schützt die erste Impfung bereits zu 80 Prozent, gegen schwere Verläufe und Tod ist die Schutzwirkung noch höher. Das sollten wir nutzen."

Es könne dagegen nicht sein, "dass ein großer Teil der mRNA-Impfstoffe für die Zweitimpfungen junger Leute verwendet wird, etwa für medizinisches Personal und Polizisten, statt es denen zu geben, die morgen auf den Intensivstationen liegen - also Menschen in der Altersgruppe zwischen 65 und 80, die ein viel höheres Sterberisiko haben."

Wir können das Sterben beenden

Mit einem Impfregime, dass ganz auf Erstimpfungen setze, würde man aber nicht nur die Zahl der Intensivpatienten minimieren, sondern auch die Zahl der Toten signifikant senken, so Kekulé. Denn seit Langem wisse man, "dass die Altersverteilung der Sterblichkeit die Form eines Eishockey-Schlägers hat. Die ganz Jungen sterben extrem selten an Covid. Erst ungefähr ab Mitte 50 geht es plötzlich hoch, und so richtig steil steigt die Gefahr ab Mitte 60 an." Mit einer Impfung wären alle diese Menschen schon erheblich geschützt und würden auch bei einem anhaltenden Infektionsgeschehen nur noch in Ausnahmefällen an Covid-19 versterben. Wir würden damit "die Sterblichkeit von der Inzidenz entkoppeln".

Kekulé: "Ich sage es mal so plakativ: Damit können wir das Sterben beenden. Und damit hat diese Krankheit plötzlich ein ganz anderes Gesicht und verliert einen Teil des Schreckens." Das Entkoppeln der Sterblichkeit von der Inzidenz, so Kekulé, "ist der eigentliche Gamechanger".

Keine Angst vor Mutanten

Das Argument, dass das Virus, wenn es vermehrt auf Menschen mit unvollständigem Impfschutz trifft, schneller mutiert, lässt Kekulé nicht gelten. "Ja, das Argument vertreten einige meiner Fachkollegen. Das halte ich, kurz gesagt, für an den Haaren herbeigezogen", sagte der Wissenschaftler. Es gebe "nur ganz wenige exotische Sonderfälle, wo so etwas ansatzweise beobachtet wurde. Bei menschlichen Viren wüsste ich gar kein Beispiel."

Kekulé verwies darauf, dass alle bisher als gefährlich eingestuften Varianten auch nichts mit Impfungen oder einem Teil-Schutz zu tun hätten. "Die Varianten in Großbritannien, Brasilien, Südafrika und jetzt in Indien sind alle lange vor Beginn der Impfungen entstanden. Das kommt mir ein bisschen vor, als würde es in einem Gebäude brennen und die Feuerwehr würde sagen: Wir schicken da keine Leute rein, denn wenn da ein Kittel Feuer fängt, könnten wir das Feuer noch zusätzlich anfachen."

Quelle: ntv.de, tar

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