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"Es gibt noch viel zu tun" Kriegsgräberfürsorge wird 100 Jahre alt

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Auch die Bergung und Umbettung von Kriegstoten übernimmt der Volksbund.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit dem Ziel, die Toten des Großen Krieges zu finden und ihre Ruhestätten zu pflegen, wurde der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge 1919 gegründet. Zehntausenden Familien hat der Bund bereits geholfen. Auch mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Arbeit noch lange nicht beendet.

Einer unter Millionen Toten, gefallen in Russland während des Zweiten Weltkriegs: Als Maike Dittmer auf die Suche nach ihrem Urgroßvater ging, standen ihre Chancen schlecht. Doch heute weiß die 22-jährige Berlinerin, wo ihr Vorfahr begraben ist und hat sogar sein Medaillon und seine Erkennungsmarke als Erinnerung. Ihr bedeute das viel, sagt Dittmer: "Ich finde es unglaublich interessant, weil man soviel über Familiengeschichte erfahren kann."

Geholfen hat Dittmer eine Institution, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert - der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kassel. Zu einem Festakt und Gottesdienst anlässlich des heutigen Jubiläums wird auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Nordhessen erwartet. Die Geschichte von Dittmers Urgroßvater ist mit der Arbeit des Volksbundes in besonderer Weise verbunden: Vinzent Cieluch war bei seiner Bestattung vor zwei Jahren der 900.000. Kriegstote, den der Volksbund seit dem Fall des Ostblocks geborgen hat.

Auch junge Menschen interessieren sich für den Volksbund

"Es war einfach das Interesse, zu wissen, wo man selbst und die Familie herkommt", erklärt seine Urenkelin den Ausgangspunkt ihrer fünfjährigen Suche. Nachdem sie bei einem Urlaub in Polen auf den polnischen Mädchennamen ihrer Mutter angesprochen wurde, begann Dittmer die Familiengeschichte zu erforschen. Sie stieß auf ihren Urgroßvater, der als Angehöriger eines deutschen Infanterie-Regimentes 1944 gefallen war. Wo er lag, war unklar. Dittmer wandte sich an verschiedene Suchdienste und schließlich an den Volksbund. Nach einer zunächst erfolglosen Anfrage im Juli 2017 kam nur ein paar Monate später eine Mail: "Da stand, dass Urgroßvater gefunden wurde", erklärt sie. Im September 2017 wurde Vinzent Cieluch dann in der russischen Stadt Sebesh bestattet.

Dass sich auch junge Menschen ohne direkte Verbindung zum Krieg für die Arbeit des Volksbundes interessieren, ist laut Martin Dodenhoeft, Abteilungsleiter in der Bundesgeschäftsstelle in Kassel, nicht ungewöhnlich: "Es gibt ein unbefangenes Interesse an der Frage: Was war denn früher eigentlich?"

Mehr als 800 Kriegsgräberstätten werden betreut

550 hauptamtliche Mitarbeiter hat der Verein. Rund 250 Saisonarbeitskräfte, die der Volksbund für Umbettungen von Kriegstoten einsetzt, kommen laut Dodenhoeft hinzu. Die Unterstützerbasis des Vereins ist wesentlich größer: Der Volksbund hat 300.000 aktive Förderer sowie über eine Million Gelegenheitsspender. Mit ihren Spenden, den Einnahmen aus Erbschaften und Vermächtnissen sowie den Erträgen aus jährlichen Sammlungen finanziert der Volksbund zu etwa 70 Prozent seine Arbeit. Der Rest wird mit Geld des Bundes und der Länder bestritten.

Gegründet wurde der Volksbund 1919, um nach den Kriegstoten des Ersten Weltkrieges zu suchen und deren Gräber zu pflegen. Heute betreut er mehr als 800 Kriegsgräberstätten in 46 Staaten. Zu seinen vielfältigen Aufgaben gehört die "Arbeit im Feld", also Bergung und Umbettung von Kriegstoten, das Anlegen und Pflegen von Friedhöfen und die Beantwortung von mehr als 30.000 Anfragen Angehöriger im Jahr zum Verbleib von Toten der zwei Weltkriege.

Die Arbeit werde dem Volksbund auch in den nächsten Jahrzehnten nicht ausgehen, sagt Dodenhoeft: "Es gibt noch furchtbar viel zu tun." Angesichts von 300.000 identifizierten Soldaten gebe es nur Kontakt zu 30.000 Familien. Und immer noch komme es vor, dass beispielsweise unter einem Gebäude oder Sportplatz in Osteuropa Massengräber deutscher Soldaten entdeckt würden. Neben den Toten aus Kämpfen gebe es noch eine große Anzahl Kriegsgefangener, die auf Tausenden Lagerfriedhöfen lägen sowie Millionen Vermisste, deren Schicksal ungeklärt ist.

Quelle: n-tv.de, Göran Gehlen, dpa

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