Panorama

Gruppendynamik und Coronafrust Kündigte sich Stuttgarter Krawallnacht an?

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Die Randale in Stuttgart traf viele Geschäfte.

(Foto: imago images/Arnulf Hettrich)

Hunderte Menschen randalieren am Wochenende in den Straßen von Stuttgart. Sie verwüsten Läden in der Innenstadt und rauben sie aus. Die Randalierer seien aus der Partyszene gekommen, heißt es. Doch die Party- und Eventszene der Stadt wehrt sich gegen diese These.

Wenige Tage nach den Ausschreitungen in Stuttgart ist immer noch unklar, was die Motive der laut Polizeiangaben 400 bis 500 Männer waren, die in der Innenstadt randalierten. Zunächst wird von einer spontanen Zusammenkunft gesprochen. Kurz nach den Ereignissen sagt Oberbürgermeister Fritz Kuhn, dass der Großteil der Randalierer aus der Partyszene komme. Der Rest seien Krawalltouristen gewesen.

Unter Clubbesitzern, Veranstaltern, Türstehern und Security-Mitarbeitern in Stuttgart wird aber deutlicher Widerspruch gegen die Einschätzung laut, die Krawallmacher seien der "Party- und Eventszene" zuzuordnen. Nach Recherchen von RTL/ntv-Reportern haben einige Stuttgarter die Randalierer beobachtet. Auf manche von ihnen wirkte die Szene nicht spontan, sondern eher organisiert. Schon seit Wochen fallen demnach viele Jugendliche und junge Erwachsene auf, die sich am Schlossplatz und am Eckensee treffen. Schon vor zwei Wochen gab es dort Beobachtern zufolge Ärger mit der Polizei.

Als Auslöser der Krawalle gilt die Drogenkontrolle eines 17-Jährigen durch die Polizei, mit dem sich gleich mehrere Hundert Menschen solidarisierten. Der Geschäftsführer eines Clubs erklärte einem Reporter von RTL/ntv, dass er in der Randalenacht gegen 2 Uhr an einem Zebrastreifen stand und plötzlich mindestens 10 vermummte Leute angerannt kamen. Viele Anwohner hätten demnach mitbekommen, dass die Täter nicht alle vom Schlossplatz aus agiert hätten, sondern an mehreren Stellen aufgetaucht seien. Er gehe deshalb nicht von einer spontanen Aktion aus. Feierwütige hätten normalerweise auch keine Sturmhauben dabei.

Statistik zeigt Schwerpunkt

Wie die "Stuttgarter Zeitung" berichtet, sollen laut der jüngsten polizeilichen Statistik schon in der Vergangenheit besonders in Stuttgart-Mitte Delikte wie Raub und Körperverletzungen verstärkt vorgekommen sein. Es ist der Bereich, der wohl am meisten von Straftaten betroffen ist. Laut einer aktuellen Polizei-Auswertung geschehen die Taten vor allem in den Nachtstunden an den Wochenenden.

Auch der Polizeigewerkschafter Thomas Mohr äußerte sich in einem Facebook-Post kritisch zu der Party- und Eventszene-Theorie. "Wer hier die Randalierer einer 'Event- und Party-Szene' zuordnet, verharmlost das Grundproblem", schreibt er. "Nach Schilderungen der Einsatzkräfte vor Ort handelte es sich um überwiegend migrantische Jugendliche, Heranwachsende, aber auch Erwachsene in größerer Zahl, die sich grundsätzlich an keine Verhaltensregeln halten. Das sind weitgehend testosterongeladene junge Männer, die in der Gruppendynamik schnell eskalieren." Der Organisierungsgrad, der oft durch die sozialen Plattformen emotional transportiert werde, sei bei dieser Gruppe hoch.

Eine Rolle könnte gespielt haben, dass die Menschen durch den Corona-Lockdown weniger Möglichkeiten hatten, Druck abzubauen. Das könnte eine solche Situation noch zusätzlich verschärfen, erklärte Psychologe Holger Schlageter im RTL-Interview. Auch Alkoholkonsum könne eine Rolle gespielt haben. Zudem komme es oft zur Randale, wenn eine Masse sich in Gang setze und somit auch dem Einzelnen ein Gefühl von Macht und Stärke gebe.

Grünen-Politiker Cem Özdemir forderte am Montag harte Strafen für die Täter: "Das muss mit der ganzen Härte des Rechtsstaates geahndet werden. Es müssen alle dingfest gemacht werden, die das hier zu verantworten haben", sagte er über die Verantwortlichen der Ausschreitungen in seinem Bundestagswahlkreis. Aber die Gesellschaft müsse sich seiner Meinung nach auch fragen, wie es passieren könne, "dass uns Jugendliche, insbesondere auch mit Migrationshintergrund, zum Teil entgleiten". Immer mehr Jugendliche verlören offenbar den Glauben, "dass man durch Fleiß, durch Arbeit, durch Schule, durch Ausbildung eine Perspektive in der Gesellschaft bekommt".

Zeugen gesucht

Mehrere Hundert junge Männer hatten in der Nacht zum Sonntag in Kleingruppen 40 Läden beschädigt und zum Teil geplündert. Laut Polizeiangaben wurden zwölf Streifenwagen demoliert, 19 Polizisten wurden verletzt, einer davon brach sich das Handgelenk. 24 Personen wurden vorläufig festgenommen. Inzwischen sitzen acht mutmaßliche Randalierer in Untersuchungshaft, einer von ihnen wegen Verdachts auf versuchten Totschlag. Er soll einem bereits am Boden liegenden Studenten gegen den Kopf getreten haben. Ein Richter habe die beantragten Haftbefehle erlassen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Morgen. Ein weiterer Haftbefehl wurde gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt.

Die Männer im Alter zwischen 16 und 33 Jahren besitzen laut Polizei die deutsche, kroatische, irakische, portugiesische und lettische Staatsangehörigkeit. Ihnen wird Landfriedensbruch vorgeworfen sowie gefährliche Körperverletzung, tätliche Angriffe auf Vollstreckungsbeamte und Diebstahl in besonders schwerem Fall. 16 zunächst vorläufig festgenommene mutmaßliche Beteiligte wurden den Angaben zufolge wieder entlassen. Die Polizei Stuttgart hat am Montag ein Hinweisportal eingerichtet, in dem Zeugen Videos und Fotos hochladen können, die weitere Tathinweise geben könnten.

Quelle: ntv.de, sgu