Panorama

Abstraktion enzyklopädisch"Le Grand Geste!" in Düsseldorf

08.04.2010, 12:04 Uhr
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Das Gemälde "T 32" der japanischen Künstlerin Kazuo Shiraga. (Foto: dpa)

Die Ausstellung "Le Grand Geste!" in Düsseldorf präsentiert Werke aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Künstler auf ungegenständliche Malerei zurückgriffen.

Sie tröpfelten ihre Farben, zerkratzten die Leinwand oder ließen mit breitem Pinsel kraftvolle Schraffuren entstehen: Das Fanal schöpferischer Freiheit, das Ende realistischen Abbildens, war in der frühen Nachkriegszeit Bindeglied junger Künstler von Kalifornien bis Kassel. Die damals neue "Weltsprache der Abstraktion" stellt in beeindruckender Breite eine Ausstellung dar, die mit dem programmatischen Titel "Le Grand Geste!" bis zum 1. August im Düsseldorfer museum kunst palast zu sehen ist.

Präsentiert werden in der nur am Rhein gezeigten Schau rund 150 Gemälde und zahlreichen Zeichnungen als "großen Gesten" von rund 60 Künstlern aus der Zeit zwischen 1946 bis 1964. Weltstars wie Jackson Pollock oder Mark Rothko stehen neben Malern, die - zumeist unverdient - heute nahezu vergessen sind.

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"Stunde Ypsilon" von Ernst Wilhelm Nay. (Foto: dpa)

Damit bekommt die internationale Abstraktion, die seit längerem bereits auf dem "hungrigen" Kunstmarkt neu und hoch bewertet wird, nun auch verdiente museale Beachtung. Im detailreichen Katalog bleibt allerdings der neu entdeckte Aspekt unbearbeitet, wie weit gezielt eingesetzte US-Dollars in der Hochzeit des Kalten Krieges halfen, die Abstraktion als Symbol westlicher Freiheit im Kontrast zur platt propagandistischen Ost-Kunst international durchzusetzen.

Pollocks "Number 32" im Mittelpunkt

So ist Jackson Pollocks riesiges Meisterwerk "Number 32" von 1950 nicht nur künstlerisch imaginärer Nabel der Düsseldorfer Gemäldeschau. Der US-Maler, von Kollegen gern "Jack the Dripper" genannt, tröpfelt zu dichtem Gespinst schwarze Farbe auf die Fünf- Meter-Leinwand und beweist zugleich, mit welch durchdachtem Kalkül die Abstrakten an die Arbeit gingen. Klare Gedanken und Disziplin statt wilder Geste auch in den furiosen Arbeiten von Karl Otto Götz (96), der als Deutschland ältester noch tätiger Künstler schon vor über einem halben Jahrhundert aus der Bewegung des Körpers mit einem breiten Wischer seine furiosen Farbbahnen ins Bild brachte.

Mit dick aufgetragenen Farbschichten erobert der Hagener Emil Schumacher in seinen Malereien voll glühender Farben ganz selbstverständlich die dritte Dimension, während Hann Trier mit akribisch gemalten schwarzen Netzstrukturen vor düster-buntem Hintergrund seine imaginäre Räumlichkeit schafft.

Überraschende Begegnungen

Zu den Überraschungen in der Düsseldorfer Schau gehört die Begegnung mit den gespachtelten Farbmosaiken Jean-Paul Riopelles, den gestischen Großformaten Emilio Vedovas und Helen Frankenthalers an einen anatomischen Schnitt erinnernde "Blaue Form" (1961). Erhellend das umfangreiche Ausstellungskapitel, das mit einer kleinen Landschaft von Max Ernst und sensiblen Tuschzeichnungen des oft übersehenen Wahl-Franzosen Wols und sehr frühen Siebdrucken Pollocks die feste Verwurzelung der Abstraktion im Surrealismus der Zwischenkriegszeit dokumentiert.

Quelle: Gerd Korinthenberg, dpa