Panorama

"Hier wurde manuell eingegriffen" MH370 - das größte Rätsel der Luftfahrt

Waren es technische Probleme, ein Terroranschlag oder doch eine spektakuläre Selbstmordaktion? Ein Jahr nach dem Verschwinden von MH370 wird die Liste der Fragen immer länger. Flugexperte Jürgen Heermann ist sicher: das Verschwinden war kein Zufall.

Bis vor einem Jahr war MH370 einfach nur ein internationaler Linienflug, den Malaysian Airlines von Kuala Lumpur aus nach Peking flog. Inzwischen steht das Kürzel für das größte Rätsel in der zivilen Luftfahrt. Seit sich die Boeing 777-200ER am 8. März 2014 um 1:22 Uhr aus der malaysischen Flugüberwachung abmeldete, ist das Flugzeug spurlos verschwunden - und mit ihm 227 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder.

Seitdem wurden zahlreiche Theorien entwickelt und wieder verworfen, immense Summen bei Suchaktionen ausgegeben und tausende Quadratkilometer Meeresboden abgesucht. Doch auch nach 365 Tagen können die Unglücksermittler nichts vorweisen, keine Trümmer, keine Flugschreiber, keine Leichen, nichts.

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Malaysia Airlines fliegt immer noch von Kuala Lumpur nach Peking, aber unter einer anderen Flugnummer.

(Foto: REUTERS)

Auch Flugexperte Jürgen Heermann hat kaum Anhaltspunkte für das, was an Bord von MH370 geschehen ist. Es gab keinerlei Hinweise auf schlechtes Wetter, einen technischen Defekt oder eine Entführung. Klar ist für ihn nur, "dass das Flugzeug auf keinen Fall an Ort und Stelle untergegangen ist". Die Auswertungen automatischer Satellitenkontakte ergaben, dass die Maschine noch fast sieben Stunden in Richtung Süden flog und schließlich abstürzte, als das Benzin ausging. Heermann, der als Flugingenieur 30 Jahre im Cockpit großer Verkehrsflugzeuge saß und dazu Ausbilder und Sachverständiger war, ist sicher, dass das unbekannte Flugobjekt auf den Radarschirmen der Malaysier MH370 war. Doch damit sind die Gewissheiten auch schon aufgebraucht.

Gigantisches Suchgebiet

Irgendwo auf 60.000 Quadratkilometern Indischem Ozean, möglicherweise in mehreren Tausend Metern Tiefe liegt das Wrack der knapp 64 Meter langen und etwa 61 Meter breiten Boeing. Es könnte Jahre dauern, dieses unvorstellbar große Gebiet abzusuchen. Nur die Auswertungen der Blackboxen könnten helfen, die letzten Stunden an Bord zu rekonstruieren. Doch der Stimmenrekorder und der Flugdatenschreiber sind mit dem Flugzeug irgendwo untergegangen.

Was auch immer an Bord geschehen ist, Heermann ist sicher, hier hat sich jemand große Mühe gegeben, zu verhindern, dass die Maschine geortet werden kann. "Es ist höchst unwahrscheinlich, dass in dem Moment, in dem das Flugzeug verschwunden ist, so viele technische Einrichtungen in dem Flugzeug gleichzeitig nicht mehr funktionierten",  Mindestens zwei Übermittlungsgeräte seien zur gleichen Zeit stillgelegt worden, das Transpondersignal und das digitale Datenfunksystem ACARS. Flugzeugtechnik ist jedoch so ausgelegt, dass im Fall eines Fehlers nicht alle Systeme gleichermaßen betroffen sind. Deshalb glaubt Heermann: "Hier wurde manuell eingegriffen."

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Die Menschen an Bord, vor allem Chinesen, wurden im Januar für tot erklärt.

(Foto: dpa)

Dafür spricht auch der Zeitpunkt des Verschwindens. Es sei schon ein "großer Zufall, dass das Flugzeug auf einem siebenstündigen Flug von Kuala Lumpur nach Peking ausgerechnet an der Stelle verschwindet, wo es technisch am günstigsten ist". MH370 meldete sich bei der malaysischen Flugsicherung ab. Dabei sagte Flugkapitän Zaharie Ahmad Shah die letzten übermittelten Worte "Goodnight Malaysian 370". Heermann zufolge ist der normale Weg, dass man in aller Ruhe auf die nächste nationale Flugsicherung umschaltet und sich dann dort meldet. Doch MH370 meldete sich nicht bei der vietnamesischen Flugsicherung. "Da ist also ein kurzer Moment, wo der eine das Flugzeug schon abgegeben hat und der andere nur weiß, dass das Flugzeug bald kommen muss. Wenn man in diesem Zwischenraum verschwindet, hegt keiner sofort den Verdacht, dass etwas passiert ist, sondern wartet ab." Es könne kein Zufall sein, dass MH370 ausgerechnet in dieser Lücke verschwand.

Blinder Passagier mit Fachkenntnissen?

Unter Verdacht stehen Flugkapitän Shah und sein Kopilot Fariq Abdul Hamid. Beide hätten sowohl die Fähigkeit als auch die Möglichkeit gehabt, die Technik an Bord so zu manipulieren. Sie seien aber keineswegs die Einzigen, mein Heermann. "Man braucht bestimmte Fachkenntnisse, um mit diesen Dingen umzugehen. Aber dazu würde auch ein ambitionierter Mechaniker reichen, der das Flugzeug kennt." Denn das electric and electronic compartment, in dem die verschiedenen Steuereinheiten unter anderem für den Autopilot und die Funkgeräte stehen, lässt sich durch eine Außenklappe am Rumpf erreichen. Hat also am Ende ein Ende doch ein blinder Passagier MH370 zum Absturz gebracht? Denkbar wäre das, wenn dieser blinde Passagier den festen Willen hatte, das Flugzeug zu übernehmen. "Er hätte von hier aus den Funksprechverkehr verfolgen können und zur rechten Zeit durch Ziehen der Sicherung oder ähnliches diese Systeme stilllegen können", sagt Heermann.

Die australische Regierung signalisiert bereits vorsichtig, man könne nicht ewig weitersuchen. Nach dem organisatorischen Chaos unmittelbar nach dem Verschwinden von MH370 haben die Australier Ruhe und System in die Suchaktion gebracht. Gefunden haben sie bisher trotzdem nichts. Trotz der langen Zeit und den Kosten von bisher weit über 100 Millionen Euro glaubt Heermann, dass auch nach MH370 gesucht werden wird, bis die Maschine endlich gefunden ist.

"Der Druck ist viel zu groß, darüber Bescheid zu wissen, und das nicht nur wegen der Angehörigen. Die Hersteller von Flugzeugen und die Fluggesellschaften sind mindestens genauso interessiert daran, weil der Fall so stark in der Öffentlichkeit diskutiert wird." Intern kursieren Zahlen, wie viele Flugzeuge nicht gebaut und verkauft werden, weil Menschen Flugangst haben. Zähle man die Anzahl der nichtverkauften Flüge hinzu, habe man auch handfeste ökonomische Argumente, warum das Verschwinden von MH370 unbedingt aufgeklärt werden muss.

Quelle: ntv.de

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