Panorama

Ein Königreich für eine SchneckeMaria Reva: "Es ist so lange unvorstellbar, bis es wirklich passiert"

11.09.2026, 14:02 Uhr imageInterview: Sabine Oelmann
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Maria Reva © Anya Chibis
Als Russland die Ukraine überfiel, reichte es Maria Reva nicht mehr, nur über Schnecken zu schreiben - obwohl die interessanter sind als man sich gemeinhin vorstellt. (Foto: Anya Chibis)

Die Kritik überschlägt sich: "grotesker, schwarzer Humor", "genauer Blick für die Verletzungen, die die irrsinnige Gegenwart den Menschen zufügt", "Roadtrip und Kriegszeugnis", "Endzeitstimmung und große Momente der Hoffnung", "aberwitzige Gaunergeschichte und zugleich eindringlicher Bericht vom Schreiben in Kriegszeiten." Die Preise und Nominierungen purzeln nur so vom Himmel: unter anderem der Aspen Words Literary Prize 2026, der Amazon Canada First Novel Award 2026, der Climate Prize for Fiction 2026 (Shortlist), oder der Booker Prize 2025 (Longlist). Im Haus der Berliner Festspiele trifft ntv.de eine nachdenkliche, aber auch lustige Maria Reva, die über das Schreiben in Zeiten des Krieges erzählt.

ntv.de: Wann waren Sie das letzte Mal in Ihrer Heimat, der Ukraine?  

Maria Reva: Das letzte Mal ein Jahr nach Kriegsbeginn.   

Wie hat der Krieg Ihren Prozess des Schreibens beeinflusst, Sie waren mitten in einer Geschichte, alles änderte sich über Nacht mit dem Angriff Russlands ...   

Es hat einfach alles durcheinandergebracht. Meine ursprüngliche Idee war, eine Schnecken-Expertin, Jewa, versuchen zu lassen, die letzten Schnecken einer aussterbenden Art zu retten. Sie fährt mit ihrem mobilen Labor durch die Ukraine und versucht, es den Schnecken so romantisch wie möglich zu machen (lacht), um die Population zu erhalten.  

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Die Geschichte beginnt im Jahr 2022, wie geht es weiter?   

Ihre immer erfolglosere Arbeit finanziert Jewa mit ihrer Schönheit. Als "Braut" einer Heiratsagentur unterhält sie westliche Männer auf der Suche nach einer fügsamen Frau fürs Leben. Sie lernt die Schwestern Nastia und Sol kennen, die das aktivistische Werk ihrer vermissten Mutter fortsetzen wollen. Ihr Plan ist, die Heiratstouristen in Jewas Transporter zu kidnappen und aufmerksamkeitswirksam im Wald auszusetzen (lacht).  

Und dann geht's los: Drei wütende Frauen, dreizehn ahnungslose Junggesellen und Lefty, eine linksgewundene Schnecke, das letzte Exemplar ihrer Art – doch dann überfallen die Russen das Land, der Roman nimmt die eine oder andere ungeahnte Wendung.   

(lacht) Ja, das ist vor allem deswegen so wendungsreich geworden, weil die Wirklichkeit mit aller Macht in die Fiktion einfällt.  

Ihr Mittel ist schwarzer Humor - hält man anders nicht aus, oder?   

Allerdings. Deswegen musste ich das Thema – Frauen aus dem Westen sind alle durch den Feminismus verdorben, eine Frau aus der Ukraine weiß noch um Werte und Traditionen – aufgreifen (lacht).  

Dabei kann man sich eigentlich kaum modernere Frauen als Ukrainerinnen vorstellen ... 

Stimmt. Wir haben eine lange Tradition als Feministinnen. Jedenfalls änderte sich beim Schreiben alles, als meine Verwandten aus der Ukraine mich in Vancouver anriefen und sagten, sie hören überall Explosionen. Der Krieg hat ihre Leben vollkommen verändert. Und auch meines in Kanada änderte sich. Über eine Frau zu schreiben, die Schnecken rettet, erschien mir auf einmal nicht mehr wirklich wichtig. Ich habe mich hinterfragt, was meine Rolle als Schriftstellerin in dieser Welt ist, die sich so schnell verändert. Wie kann ich ein Buch schreiben, wenn im wirklichen Leben das ganze Setting meines Romans zerstört wird? Deswegen habe ich mich entschieden, diese Fragen, und auch die moralischen und ethischen Bezüge, wie man aus Angst Kunst machen kann, in das Buch einzubeziehen. Ich entschloss mich außerdem, mich selbst in das Buch als Figur einfließen zu lassen, die Struktur des Buches also völlig zu sprengen, damit die Leser erfahren können, wie ich ein Buch weiterschreibe, dass eigentlich nicht weiterzuschreiben war.  

Was ist denn die Rolle einer Schriftstellerin? Haben Sie es herausgefunden?  

(lacht) Naja, ich bin noch immer im Prozess, es herauszufinden. Das Beste, was mir dazu einfällt, ist, mich mit einem Filter zu vergleichen: Ich nehme Salzwasser auf und gebe Süßwasser weiter. So könnte man vielleicht den Aspekt betrachten, dass ich einen neuen Weg für die Leser aufzeigen wollte.  

Die Welt gerät aus den Fugen – und doch erscheint es mir so, als würden wir nicht vollkommen verstehen, was gerade passiert, wir tun einfach zu oft so, als wäre nichts.   

Ich weiß, was Sie meinen. Von meiner Familie in der Ukraine und auch meiner Familie in Kanada hätte niemand, wirklich niemand, gedacht, dass Russland diesen Krieg beginnt. Ich meine, Putin hat 2014 die Krim annektiert, das stimmt, und trotzdem haben wir nicht mit diesem Angriff gerechnet. Nicht mal als die Panzer an den Grenzen standen. Es ist so lange unvorstellbar, bis es wirklich passiert. Die Illusion ist über Nacht zusammengebrochen. Und so geht es momentan wahrscheinlich vielen – man kann sich das Unvorstellbare nicht vorstellen, die Fantasie reicht nicht aus, und man will es auch nicht.  

Kanadas Nachbar fantasiert ja auch gern davon, sich das Land einzuverleiben ...   

... ja, und er macht das auf eine geschickte Art und Weise. Er sagt, diese Grenze ist eh künstlich, die braucht es gar nicht, es wäre auch nur zu Kanadas Bestem, wenn es zu den USA gehört, es ist verstörend. Der Unterschied zwischen meinen ukrainischen Freunden in Kanada und gebürtigen Kanadiern ist, das letztere sagen, dass das niemals passieren wird, während die ukrainischen Kanadier sagen, dass alles passieren kann, siehe Ukraine.  

Wie hat sich das auf Ihr Leben ausgewirkt?   

Es gibt einfach die Zeit davor und die Zeit danach. Es war so, als ob einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Das Gefühl, nichts und nirgendwo ist es sicher, ist größer geworden. Aber auch das tief verwurzelte Gefühl, dass man weiterkämpfen muss - dass man für seine Werte und seine Heimat einsteht.  

Ist, einen Roman zu schreiben, politisch?  

Es ist ein absoluter Luxus, von sich sagen zu können, dass man politisch ist! Also ja! Als ich angefangen habe, "Ein Königreich für eine Schnecke" zu schreiben, habe ich noch anders gedacht. Allein aber, dass ich eine ukrainische Schriftstellerin bin, die über ihr Land schreibt, ist ein Akt des Widerstands. Ich bin politisch geworden, schon, als ich über die Umwelt geschrieben habe, war ich politisch, aber das habe ich damals nicht so gesehen.  

Haben Sie Hoffnung?  

Natürlich! Es gibt so viele Möglichkeiten, wie unsere Zukunft aussehen kann. Wir werden aber garantiert keine Zukunft haben, wenn wir unsere Hoffnung verlieren. Unsere Zukunft ist die Summe ganz vieler Entscheidungen, und wir sollten diese Hoffnung wie einen Muskel betrachten, den wir jeden einzelnen Tag trainieren müssen!  

Woran arbeiten Sie momentan?   

(lacht) Ich komme nicht dazu. Ich reise mit diesem Buch um die Welt. Und das genieße ich gerade sehr, denn manchmal ist man als Autor schon ein bisschen allein mit seinen Figuren. Sie jetzt vorstellen und teilen zu können, fühlt sich richtig gut an.

Mit Maria Reva sprach Sabine Oelmann

Heute, am 11. September, liest Maria Reva um 18 Uhr im Haus der Berliner Festspiele, Meierottostraße 29. Moderation: Lara Sielmann.

Quelle: ntv.de

BerlinAngriff auf die Ukraine