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Youtube im Unterricht Mathe-Erklärvideos räumen Lehrerpreis ab

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Mit den Lernvideos können Schüler ihre Medienkompetenz verbessern.

Mathematik gilt bei vielen als das unbeliebteste Fach in der Schule. Schüler klagen bei ihren Eltern, dass sie nicht verstehen, was der Lehrer im Unterricht erklärt. Zwei Schulen aus Bayern haben eine Lösung gefunden und gewinnen dafür den Lehrerpreis für innovativen Unterricht.

"Hallo liebe Schülerinnen und Schüler, in diesem Video möchte ich euch erklären, was eine lineare Funktion ist." So oder so ähnlich starten die meisten Videos, die Sebastian Schmidt für seine Schüler der Inge-Aicher-Scholl Realschule in Bayern aufnimmt. Bruchrechnung an der Tafel erklären? Nicht im Klassenzimmer des Mathematiklehrers in Neu-Ulm-Pfuhl. Zusammen mit seinem Kollegen Ferdinand Stipberger von der 280 Kilometer entfernten Gregor-von-Scherr-Schule in Neunburg vorm Wald stellt er den klassischen Unterricht auf den Kopf. Dafür zeichnet der Deutsche Lehrerpreis sie in diesem Jahr mit dem ersten Platz für innovativen Unterricht aus.

Das Projekt "Lernbüro digital-kooperativ" kommt nicht nur bei der Jury gut an. Auch bei Schülern und Eltern zünde die Idee, sagt Schmidt zu n-tv.de. In zwei- bis zehnminütigen Erklärvideos, die der Mathelehrer auf Youtube hochlädt, erklärt er den Mathematikstoff, der im Unterricht behandelt wird. "Oft ist es ja so", beschreibt Schmidt das Problem, "dass man den gleichen Sachverhalt 1000 Mal an der Tafel erklärt. Trotzdem fragen die Schüler immer wieder nach, weil sie etwas nicht verstehen oder nicht zugehört haben." Am Ende der Stunde blieben trotzdem noch manche auf der Strecke. Für Vertiefung ist keine Zeit.

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Die Schüler können die Erklärvideos jederzeit und wiederholt anschauen.

Die Lösung fand Schmidt in Erklärvideos. Nicht nur können sich die Schüler einen Sachverhalt so oft erklären lassen, wie sie möchten, weil sie die Videos von überall und so oft sie wollen anschauen können. Auch bleibt Schmidt im Unterricht mehr Zeit, genauer auf das Thema einzugehen und sich individueller um Probleme einzelner Schüler zu kümmern. Der Trick sei, das klassische Unterrichtsmodell umzudrehen: "Die Erklärvideos werden immer als Hausaufgabe aufgegeben und sind nie Teil des Unterrichts. Die erste Begegnung mit einem Thema schauen sich die Schüler zu Hause an. Im Unterricht reden wir dann darüber, vertiefen und üben das Gelernte."

Video-Produktion von zu Hause

Den schwierigen Teil, den man früher immer als Hausaufgabe aufbekommen hat, wie das Vertiefen und Rechnen von Aufgaben, hole man jetzt in den Unterricht. Dafür werde der leichtere Teil, wie einen Hefteintrag erstellen oder die Hinführung zu einem Thema, auf zu Hause verschoben, erklärt Schmidt. "Wir nennen das 'flipped classroom', also umgedrehtes Klassenzimmer". Das habe noch einen weiteren Vorteil: Der Unterricht funktioniere wie ein Lernbüro, in dem jeder selbstgesteuert und in seinem Tempo eigenverantwortlich an Aufgaben arbeiten kann.

*Datenschutz

Doch wie sieht so ein Erklärvideo überhaupt aus? Die Produktion hat sich Schmidt selbst beigebracht: "Ich filme meinen Bildschirm ab und mache eine Powerpoint-Präsentation, die ich auf meinem PC durchklicke. Gleichzeitig sind ein Mikrofon und eine Kamera an meinen PC angeschlossen." Dann müsse er sich nur noch vor seinen PC setzen, die Präsentation durchklicken, in die Kamera schauen und sprechen. Am Ende entsteht ein Video, in dem die Schüler den Mausbewegungen der Präsentation folgen können und die Stimme von Schmidt hören, die dazu erklärt. Manchmal ist er im Video auch selbst zu sehen.

Als der Realschullehrer vor sieben Jahren mit den ersten Videos an seiner Schule startet, sind viele Lehrer und Schüler noch skeptisch. Das hat sich aber schnell gelegt. Auch muss Schmidt nicht mehr alle Videos allein aufnehmen. Er kooperiert mittlerweile mit acht weiteren Realschulen in Bayern und produziert die Erklärvideos in Zusammenarbeit mit 36 Lehrern. "Das hat den entscheidenden Vorteil, dass wir die Arbeit aufteilen und noch mehr Schüler davon profitieren können." Die Lehrer hätten so mehr Zeit für den pädagogischen und didaktischen Austausch.

*Datenschutz

Bewusster Umgang mit Smartphones

Zusätzlich wird den Schülern weiteres Online-Material, zum Beispiel weiterführende Links, zur Verfügung gestellt. Das stärke zusätzlich die Medienkompetenz, meint Schmidt, und bereite sie auf die digitale Arbeitswelt vor. "Wir wollen die Schüler fit fürs 21. Jahrhundert machen und ihre Medienbildung verbessern." Dazu gehöre auch ein bewussterer Umgang mit ihren Smartphones. "Sie lernen, sich nicht gleich bei jeder Push-Benachrichtigung ablenken zu lassen, sondern auch mal konzentriert eine Stunde zu arbeiten."

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Man kann das Smartphone zum Lernen statt zum Chatten nutzen.

Genau das ist auch einer der Aspekte, der für die Jury des Lehrerpreises entscheidend für die Erstplatzierung war. "Wenn es möglich ist, einen Austausch zwischen Schulen zu erweitern und mit dem Anspruch der realen (digitalen) Welt zu kombinieren, ist dies sehr innovativ und die Koordination, Planung, Umsetzung und Durchführung herausragend", heißt es in dem Gutachten über das "Unterricht innovativ" Projekt.

Der Preis bedeutet Schmidt sehr viel. Ihm sei es wichtig, schülerzentrierten Unterricht in den Fokus zu stellen und Lehrer zu mehr Austausch untereinander zu inspirieren. Es zeige, dass man in Zusammenarbeit mit anderen viel erreichen könne und das mache ihn ein bisschen stolz, sagt Schmidt. Doch ein einheitliches Video-System für alle Schulen in Deutschland wünsche er sich trotz aller Erfolge nicht: "Ein Variantenreichtum, wie Lehrer ihren Unterricht gestalten, sollte weiterhin bestehen", findet der Mathematik- und Religionslehrer. Denn wenn am Ende wieder alle den gleichen Unterricht machen, verliere man an Methodenvielfalt.

Manche der 468 hochgeladenen Videos auf Schmidts Youtube-Kanal, haben bis zu 50.000 Klicks. "Vielen Dank, wegen dir habe ich es endlich geblickt", ist nur einer der vielen Kommentare darunter.

Quelle: n-tv.de

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