Maler ziehen in den Krieg"Meine Kunst kriegt hier zu fressen"

So zynisch es klingen mag: Viele der Avantgarde-Künstler erhofften sich Inspiration und neue Motive durch den Ersten Weltkrieg. Was sie bekamen, waren entstellte Körper und Leichenberge.
Die wohl eindringlichsten Bilder des Ersten Weltkriegs stammen von dem Maler Otto Dix. Um die 500 Zeichnungen fertigte er im Schützengraben an. Erst 1924 entstanden aus den Skizzen unter dem Titel "Der Krieg" 50 Radierungen. Es sind erschütternde Momentaufnahmen des Grauens: Abgetrennte Gliedmaßen, zerschossene Gesichter, von Würmern zerfressene Schädel, verrenkte Sterbende und aufgespießte Tote sind dort zu sehen.
Der Erste Weltkrieg veränderte die Kunst radikal. Vor 1914 erlebten die Maler eine glanzvolle Zeit: Die letzten Impressionisten tupften Punkte zu Gemälden, den Expressionisten konnte die Farbe nicht knallig genug sein und die Kubisten bauten ihre Motive aus übereinandergestapelten geometrischen Formen. Die europäischen Künstler waren untereinander bestens vernetzt und es bildeten sich Gruppen wie "Der Blaue Reiter" oder die "Brücke".
Künstler hoffen auf Zeitenwende
Dann explodierte in Europa die Gewalt. Einige Künstler gingen ins Exil, andere flüchteten sich in künstlerische Parallelwelten. So fertigte Pablo Picasso beispielsweise fernab der Schlachtfelder bunte Bühnenbilder an. In der neutralen Schweiz sammelten sich die Kriegsgegner unter den Künstlern und gründeten mit dem Dadaismus eine Nonsens-Kunst, die sich gegen den Krieg, gegen jede Form von Bürgerlichkeit und irgendwie gegen alles richtete.
Von erstaunlich vielen Avantgardisten aber wurde der Kriegsausbruch begeistert begrüßt. Viele von ihnen zogen freiwillig in den Kampf: Franz Marc und Otto Dix kämpften in den Schützengräben, Ernst-Ludwig Kirchner und Max Beckmann halfen im Lazarett. Andere malten die Camouflage zur Tarnung von Kriegsgeräten oder waren, wie Oskar Kokoschka, als offizielle Kriegsmaler an der Front unterwegs. Auch Max Liebermann, bei Kriegsbeginn 67-jährig und damit zu alt für den Militäreinsatz, ließ sich von der Euphorie anstecken und entwarf propagandistische Bilder mit Titeln wie "Jetzt wollen wir sie dreschen".
Die meisten dieser Künstler einte die fatale Hoffnung auf eine Zeitenwende, auf eine Abkehr von überholten Traditionen. Wie viele Schriftsteller, Wissenschaftler und Intellektuelle glaubten auch sie an die reinigende Wirkung der Kämpfe, aus denen ein Europa mit neuen kulturellen Werten erwachsen sollte. Andere Maler trieb die pure Neugier an. Sie wünschten sich neue Anreize und Motive für ihre Arbeiten. "Meine Kunst kriegt hier zu fressen", schrieb Beckmann 1915 von der Front.
Aus Euphorie wird Fassungslosigkeit
Die Brutalität des seriellen Tötens aber hatte niemand erahnen können. Beim Anblick von zu Kraterlandschaften zerschossenen und mit Leichen übersäten Schlachtfeldern verwandelte sich die anfängliche Begeisterung der Künstler schnell in Fassungslosigkeit und Desillusion.
Ihre Werke zeugen davon; sie bilden den Krieg auf erschütternde Weise ab: Beckmann hält auf der Leinwand fest, wie ein Mann erhängt und gleichzeitig eine Frau vergewaltigt wird, Ludwig Meidner setzt nackte, verstümmelte Männer mitten in eine apokalyptische Landschaft und Kirchner porträtiert sich selbst als Soldat mit blutendem Armstumpf. Die satten Farben und die ausladenden Formen sind den meisten Künstlern abhandengekommen: Die Pinselstriche werden immer fahriger, die Farben sind gebrochen.
Aber die Erfahrung von Gewalt, Leid und Tod hatte auch einen fast zynischen Effekt: Sie förderte die Produktivität der Künstler. Zum Beispiel bei Paul Klee. Er leistete seinen Militärdienst in der Schreibstube einer Fliegerschule ab und fertigt heimlich in der Schublade seines Schreibtisches Zeichnungen und Aquarelle an, insgesamt entstanden 380 Werke. Ein häufig wiederkehrendes Thema: der Mythos vom Fliegen. Die Bilder stießen auf großes Interesse und verkauften sich noch während des Krieges hervorragend.
"Die Zeit ist nicht leicht, aber voller Aufschlüsse. Ob meine Kunst bei gelassenem Weiterleben auch so schnell emporgeschossen wäre wie anno 1916/17?", fragte sich Klee und macht damit deutlich, was auf etliche Künstler seiner Generation zutrifft: Der Krieg wurde zu einer Art künstlerischer Initialzündung und trug zum Erfolg der Maler nach dem Krieg bei - als Vertreter der Neuen Sachlichkeit, des Surrealismus oder bei ihrer Rückkehr zum Realismus.
"Trotzdem etwas Gewaltiges"
Aber für keinen von ihnen wurde es ein leichter Weg. Denn vier Jahre nach Kriegsbeginn und 17 Millionen Tote später lag nicht nur Europa in Trümmern, auch die Kunstszene war komplett zerrissen. Die Künstler hatten den Kontakt untereinander verloren - einige verloren ihr Leben: August Macke starb bereits im ersten Kriegsjahr, Franz Marc verblutete 1916 in der Nähe von Verdun.
Und auch die, die lebend von der Front zurückkehrten, waren schwer traumatisiert: Beckmann erlitt während seiner Zeit als Lazaretthelfer einen Nervenzusammenbruch und fand erst Jahre später seine künstlerische Sprache wieder. Ebenso Kirchner, der die Erinnerungen, die ihn heimsuchten, mit Morphin in Schach halten musste. Als die Nazis seine Werke zu "Entarteter Kunst" erklärten, schied er 1938 mit einem Schuss ins Herz aus dem Leben.
Auch Dix wurde bis zu seinem Tod 1969 von Albträumen geplagt. Und dennoch konnte er, dessen Bilder noch heute aufrütteln, seine Faszination nie verbergen: "Der Krieg war eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges. Das durfte ich auf keinen Fall verpassen."