Moderatorin kritisiert PolitikTausende Berliner folgen Demo-Aufruf von Collien Fernandes

Fake-Profile, Deepfakes, intime Bilder ohne Zustimmung - Tausende Menschen demonstrieren in Berlin gegen sexualisierte digitale Gewalt. Ausgelöst wurde der Protest durch Vorwürfe von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen. Er weist die Anschuldigungen zurück.
Mehrere tausend Menschen haben in Berlin an der Demonstration "Gegen sexualisierte digitale Gewalt - Solidarität mit allen Opfern" teilgenommen. Sie versammelten sich am Nachmittag am Brandenburger Tor auf dem vollständig gefüllten Pariser Platz. Auf Plakaten stand: "Menschenrechte auch im Internet" und "Die Scham muss die Seiten wechseln". Die Polizei sprach von 6700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die Veranstalter von 13.000 Menschen.
Unter den überwiegend jungen Demonstrantinnen und Demonstranten waren auch bekannte Politikerinnen wie Saskia Esken, Ricarda Lang, Lisa Paus und Katrin Göring-Eckardt. Die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer sagte in ihrer Rede: "Es ist ein so entscheidendes Zeichen, dass wir keine Sekunde Ruhe geben." Mehrfach betonte sie: "Ich würde mich gerne nur ums Klima kümmern. Aber es geht nicht. Nicht in dieser Gesellschaft und dieser Zeit und bei diesen Männern."
Seit fünf Jahren brauche sie Personenschutz der Polizei, wenn sie zu Demonstrationen gehe, weil es Bedrohungen von Männern gebe, sagte Neubauer. Immer wieder melde sich das LKA bei ihr, weil es Stalker gebe, real und im Internet. Eine Hilfsorganisation berichte ihr, dass das Internet voll sei mit sexualisierten Fakebildern von ihr. Erstellt offenbar von Männern, die Gewaltfantasien hätten, die eine Sucht hätten nach Kontrolle und Abwertung von Frauen. "Solange diese Gewalt herrscht, kämpfen wir für Gesetze, die die Täter nicht länger schützen, sondern die Opfer."
Theresia Crone, eine weitere Klimaschutzaktivistin, sagte: "Digitale Gewalt endet nicht so richtig. Sie bleibt in den Suchmaschinen und in den Köpfen." Sie berichtete von einem Fake-Profil mit ihrem Namen und Gesicht und Fotos von sexuellen Situationen und Gewalt. Sehr lange habe es gedauert, bis ein Täter bestraft worden sei. Und so etwas passiere tausendfach.
Die Kundgebung am Brandenburger Tor fand nach Angaben der Veranstalter wegen der aktuellen Diskussion in Solidarität mit der Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes statt. Hintergrund sind schwere Vorwürfe von Fernandes gegen ihren Ex-Partner, den Schauspieler Christian Ulmen, über die zuerst der "Spiegel" berichtet hatte. Ulmens Anwalt Christian Schertz kündigte rechtliche Schritte gegen die Berichterstattung an, bei der es sich "in großen Teilen um eine unzulässige Verdachtsberichterstattung" handle. Zudem würden "unwahre Tatsachen aufgrund einer einseitigen Schilderung verbreitet". Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.
Fernandes lässt Statement vorlesen
Von der Bühne wurde ein Statement von Fernandes an die Demonstrationsteilnehmer vorgelesen. Darin kritisiert die Moderatorin "massive gesetzliche Schutzlücken" beim Schutz vor sexualisierter und digitaler Gewalt. "Der Staat kommt seiner Verantwortung für die Gewährleistung des Persönlichkeitsrechts, des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung und des Rechts auf Nichtdiskriminierung nicht nach", so Fernandes in ihrer Stellungnahme. "Wir dürfen die Täter nicht mehr davonkommen lassen", forderte die 44-Jährige.
Nur ein kleiner Teil der Fälle der digitalen sexualisierten Gewalt werde angezeigt, schrieb Fernandes in ihrem Statement. "Kein Wunder, wenn auf Anzeigen keine Konsequenzen folgen. Wir müssen Licht in das viel zu große Dunkelfeld bringen und diese Mauern des Schweigens einreißen!" Die Schauspielerin bedankte sich bei den Demonstranten für die "Solidarität, die mich in dieser schweren Zeit trägt".
Auf Bundesebene hatten Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, das Cyberstrafrecht zu reformieren und Strafbarkeitslücken zu schließen, etwa "bei bildbasierter sexualisierter Gewalt. Dabei erfassen wir auch Deepfakes", heißt es darin. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig hatte angekündigt, noch im Frühjahr einen Gesetzentwurf vorzulegen.