Chronologie eines ProzessesMordfall Fabian - Angeklagte Gina H. sagt erstmals aus
Von Aljoscha Prange
Wer hat den kleinen Fabian aus Güstrow getötet? Am Landgericht Rostock läuft seit April ein Prozess, um das zu klären. Im Zentrum steht die Tatverdächtige Gina H. Der damaligen Ex-Partnerin des Vaters wird vorgeworfen, den Jungen im Oktober 2025 ermordet zu haben. Nach Monaten des Schweigens wird nun ihre Aussage erwartet - in einem Prozess voller überraschender Wendungen. Ein Überblick.
Was ist passiert?
Am Freitag, 10. Oktober 2025, meldete Fabians Mutter ihren damals achtjährigen Sohn als vermisst. Er war wegen Unwohlseins nicht zur Schule gegangen und allein zu Hause geblieben, während die Mutter arbeitete. Als sie zurückkam, war Fabian nicht mehr da. Zunächst versuchte sie, ihn selbst ausfindig zu machen und schaltete dann die Polizei ein.
Am 14. Oktober wurde die verbrannte Leiche des Jungen nach einer mehrtägigen Suchaktion gefunden. Gina H., die damalige Ex-Freundin des Vaters, sagte, sie habe sie bei einem Spaziergang rund 15 Kilometer südlich von Güstrow an einem Tümpel bei Klein Upahl entdeckt. Sie gab an, zufällig mit ihrem Hund und einer Freundin dort unterwegs gewesen zu sein.
Im Zuge der darauffolgenden Ermittlungen wurden mehrere Objekte durchsucht, auch das Wohnhaus von Gina H. Wenig später wurde sie wegen des Verdachts des Mordes verhaftet. Der Vorwurf: Sie soll Fabian mit sechs Messerstichen getötet und den Leichnam dann mit Grillanzünder überschüttet und in Brand gesetzt haben.
Warum gilt Gina H. als tatverdächtig?
Da Gina H. Fabian gut kannte, hatte die Polizei bereits während der Suchaktion Kontakt zu ihr aufgenommen. Wie der NDR berichtet, präsentierte sie den Beamten ein "lückenhaftes Alibi", das sie vorher mit einem Nachbarn abgesprochen haben soll. Als Fabian noch als vermisst galt, habe sie gegenüber einem Bekannten in einer Sprachnachricht außerdem von einer Brandleiche gesprochen. Dass Fabians Leichnam angezündet wurde, war zu dem Zeitpunkt jedoch noch gar nicht bekannt.
Die Auswertung ihres Handys habe ergeben, dass Gina H. ihr Mobiltelefon ausgerechnet in dem Zeitraum ausschaltete, in dem Fabian ermordet worden sein soll. Sonst soll sie es fast ununterbrochen genutzt haben. Auf dem Handy sei auch ein Selfie aus einem Wald in der Nähe des späteren Tatorts gefunden worden - aufgenommen an jenem Freitagnachmittag.
In Bedrängnis wurde Gina H. außerdem von Zeuginnen und Zeugen gebracht, die ihr Auto in der kritischen Zeit in Klein Upahl gesehen haben wollen. Eine Person gibt an, den Wagen sogar in der Nähe von Fabians Wohnung gesichtet zu haben. Überwachungsaufnahmen stützen die Aussage.
Eine weitere Zeugin berichtet, ein Feuer an dem Tümpel beobachtet zu haben, an dem Fabians verbrannter Leichnam gefunden wurde. Die Ermittler hätten dort laut NDR zudem Schuhabdrücke gesichert, die zu Schuhen der Tatverdächtigen passen. Unter dem Fingernagel des Jungen habe sich eine Faser befunden, die zu einem Pullover von Gina H. passen könnte.
Auf dem Rücksitz ihres Wagens habe die Polizei überdies ein Sweatshirt gefunden, wie auch Fabian es seit September besessen habe. Allerdings habe der Junge seit August eigentlich keinen Kontakt mehr zu Gina H. gehabt. Da nämlich hatte sich sein Vater von ihr getrennt. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft spielt die Beziehung zwischen Gina H. und Fabians Vater eine zentrale Rolle in dem Mordfall.
Wie lief der Prozess bislang ab?
Zum Prozessauftakt am 28. April 2026 wurde am Landgericht Rostock die Anklage verlesen. Darin heißt es, dass die Tatverdächtige den Jungen getötet haben soll, um die zuvor bestehende Partnerschaft mit dem Vater des Jungen wiederherstellen zu können. Sie habe bedenkenlos das Leben des achtjährigen Kindes zerstört in der vagen Hoffnung, die Beziehung zu reparieren.
Demnach war Gina H. bis August 2025 etwa vier Jahre lang in einer Beziehung mit Fabians Vater. Zu Beginn habe Fabian seinen Vater, der getrennt von der leiblichen Mutter lebte, noch regelmäßig aufgesucht, auch um mit dem etwas jüngeren Sohn der Beschuldigten zu spielen.
Nachdem Fabian aber eine körperliche Auseinandersetzung zwischen Gina H. und dem Vater mitbekommen habe, sei der Kontakt abgebrochen. Erst nach der Trennung wollte sich Fabian wieder regelmäßig bei seinem Vater aufhalten und tat dies auch.
Versuche der Angeklagten, den Kontakt zu Fabians Vater wiederherzustellen, lehnte dieser laut Anklage auch deshalb ab, weil er den Draht zu seinem Sohn nicht wieder gefährden wollte. Dies habe er der Beschuldigten zuletzt auch am 9. Oktober in einer Chat-Nachricht mitgeteilt.
Dann aber die Kehrtwende: Trotz der erdrückenden Beweislast verkündete Fabians Vater am dritten Prozesstag Anfang Mai, er und Gina H. hätten sich in deren Haft wieder angenähert. Vor den Augen von Fabians Mutter flirtete er im Gerichtssaal mit der Tatverdächtigen, nannte sie "einfühlsam, emphatisch und liebevoll". Die Angeklagte freute sich darüber offenkundig. "Sie lächelte und kicherte zu ihm herüber. Da kommt in mir die Wut wieder hoch", beschrieb Fabians Mutter die Szenen gegenüber ntv.
Als Fabians Vater dann auf Nachfrage auch noch bestätigte, dass er und Gina H. wieder ein Paar sind, "ging ein Raunen" durch Saal 2.002, sagte RTL/ntv-Reporter Carsten Kulawik, der den Prozess seit Tag eins vor Ort mitverfolgt. Mit den Worten "ja, wir sind ein Paar" machte er die erneute Beziehung offiziell. Zudem sagte er, er glaube an die Unschuld der Angeklagten.
Diese Aussage rückte Fabians Vater zunehmend in den Fokus der Staatsanwaltschaft. Wenige Tage später, am vierten Prozesstag, verkündete sie, man gehe von gezielten Falschaussagen des Vaters aus. Es seien entsprechende Ermittlungen gegen ihn eingeleitet worden, sagte Oberstaatsanwalt Harald Nowack in einer Erklärung.
Es sei wenig nachvollziehbar, wie ein Zeuge seine Aussage derart ändern könne, betonte Nowack mit Blick auf vorherige Vernehmungen des Vaters. Dabei hatte der es zunächst für möglich gehalten, dass Gina H. etwas mit dem Verschwinden Fabians zu tun habe. Es sei auch nicht nachzuvollziehen, warum er wieder eine Beziehung zur Angeklagten aufgenommen habe.
Die Angeklagte habe entsprechend auf ihn eingewirkt. Sie habe eine Wiederaufnahme der Beziehung angestrebt. Nach der Vernehmung von Fabians Vater sei festzustellen, dass ihr das gelungen sei. Der Zeuge sei zudem nicht an einer objektiven Wahrheitsfindung interessiert, denn er habe die Möglichkeiten der Akteneinsicht sowie einer Teilnahme als Nebenkläger nicht genutzt.
Im Zuge der mittlerweile mehr als 20 Prozesstage ist auch Gina H. immer wieder durch Falschaussagen aufgefallen. So hatte sie angegeben, ihre Mutter sei schwer drogenabhängig, weshalb sie nie eine Bindung zu ihr aufbauen konnte. Laut RTL/ntv-Informationen litt die Mutter allerdings an Krebs und musste deshalb starke Medikamente nehmen.
Zudem hat Gina H. behauptet, an der Glasknochenkrankheit zu leiden. Fabians Vater sagte sie, sie habe einen Hirntumor. "Anhaltspunkte für diese Krankheiten gibt es nicht", so Kulawik. Widersprochen habe sie sich außerdem, als sie ihrem Psychotherapeuten erzählte, sie habe sich die Gebärmutter entfernen lassen - und später dann Angst hatte, schwanger zu sein.
"Sie spielt sehr gerne mit Leuten und dreht sich die Sachen so, wie sie ihr passen", sagte Marlies Möwe-Jarren, die die Angeklagte von einem Reiterhof kennt. Ihr soll Gina H. einen Reitersattel geklaut und den Diebstahl dann abgestritten haben. "Auch, als die Polizei den Sattel mit Gerichtsbeschluss aus ihrer Wohnung holte, war sie noch immer der Meinung, sie habe ihn nicht geklaut", so Möwe-Jarren gegenüber ntv. "Ich glaube, so spielt sich ihr ganzes Leben ab."
Am 6. August, dem 20. Verhandlungstag, betrat die jüngere Schwester von Gina H. den Zeugenstand und brachte die Angeklagte dazu, ihr Schweigen doch zu brechen - zumindest kurzzeitig. Sie sagte vor Gericht, ihre Schwester könne zwar liebevoll sein, aber sehr schnell aufbrausend werden, wenn etwas nicht ihren Vorstellungen entspreche. Es musste stets "alles nach ihrer Nase gehen", sagte die Zeugin über ihre ältere Schwester. Sie warf der Beschuldigten vor, sich während der gemeinsamen Jugend mit Lügen in ein besseres Licht gestellt und Aufmerksamkeit erheischt zu haben.
Die Spannung zwischen den Geschwistern wurde auch im Gerichtssaal deutlich. Gina H. musterte ihre Schwester skeptisch und gab ihren Unmut über die Schilderungen einmal gut hörbar kund: "Hast du einen Dachschaden oder was?", warf sie ihrer jüngeren Schwester an den Kopf. Diese quittierte das mit einem verbalen Anwurf. Der Vorsitzende Richter ermahnte daraufhin beide.
Was sagt Gina H. zu den Vorwürfen?
Die Verdächtige schweigt zu den in der Anklage erhobenen Vorwürfen seit dem ersten Prozesstag. Doch soll sich jetzt ändern. Laut ihrer Verteidigung will sie sich am Montag erstmals vor Gericht äußern.
Wann ist mit einem Urteil zu rechnen?
Angesetzt ist der Prozess bislang bis zum 10. September. Läuft bis dahin alles nach Zeitplan, könnte an diesem Tag ein Urteil verkündet werden.