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Tanktops für besseres Image?Mormonen erlauben neue Unterwäsche und lösen Hype aus

30.11.2025, 15:36 Uhr
imageVon Anna Meinecke
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Auf den ersten Blick sieht das eher nach einem klassischen Damen-Unterhemd aus. (Foto: AP)

Mormonen kleiden sich konservativ: Hemd und Krawatte, bodenlange Kleider. Aber was tragen sie darunter? Geht es nach der sogenannten Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage gern Garments. Diese spezielle Unterwäsche erlebt nun eine Reform.

Ein Dienstagmorgen im Herbst. In den US-Bundesstaaten Utah, Arizona und Kalifornien stehen lange Schlangen vor den Deseret-Book-Filialen. Überall haben sich Menschen, vor allem Frauen, in Stellung gebracht, um Produkte zu ergattern, die es so noch nicht zu kaufen gab: keine limitierte Sneaker-Edition, auch keine neue Spielkonsole, sondern schlichte weiße Shirts und Hosen. Für Außenstehende sehen die Textilien aus wie gewöhnliche Variationen von Unterbekleidung. Eingeweihte versprechen sich vom Kauf bisher unerreichbaren Komfort, oft auch ein langersehntes Stückchen Freiheit.

Bei den unterwäscheähnlichen Teilen handelt es sich um Garments. Viele erwachsene Mitglieder der sogenannten Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage – gemeinhin bekannt als Mormonen, eine Bezeichnung, die sich die Organisation selbst jedoch seit 2018 verbittet – tragen sie unter ihrer Kleidung. Am besten "Tag und Nacht ein Leben lang", so die Handreichung. Ein Zeichen innerer Hingabe soll das sein, eine Erinnerung an das religiöse Bekenntnis. Die Tradition reicht in die Gründungsjahre der Glaubensgemeinschaft zurück. Schon vor knapp 200 Jahren galt vereinfacht gesagt: Wer Garments trägt, soll Gott näherkommen.

Die textile Rückversicherung des heiligen Bundes bringt allerdings weltliche Widrigkeiten mit sich. Tanktops im Sommer? Keine Chance – jedenfalls bis vor kurzem. Zwar haben Garments über die Jahrzehnte hinweg die ein oder andere Erneuerung erfahren: Aus Einteilern, die Arme und Beine bis zu den Hand- beziehungsweise Fußgelenken bedeckten, wurden Zweiteiler mit kurzen T-Shirt-Ärmeln und Hosenbeinen bis zu den Knien, unterschiedliche Modelle für Männer und Frauen. Unter vielen Designs üblicher Modeketten lassen sich allerdings auch die nicht verstecken.

Hautausschläge und Pilzinfektionen

Wer Garments trägt und in der Damenabteilung einkauft, musste sich also einschränken – nicht nur in Stilfragen. Seit Jahren äußern Trägerinnen gesundheitliche Bedenken. Der "New York Times" gegenüber klagten Frauen über juckende Nähte, Hautausschläge, Pilzinfektionen. Während der Periode, Schwangerschaft und Stillzeit schränken die Garments Trägerinnen den Berichten zufolge ein. Selbstwert, auch die körperliche Nähe zur Partnerperson könne beeinträchtigt werden. Afton Southam Parker, augenscheinlich engagiertes Mitglied der Glaubensgemeinschaft, hat all das längst umfassend zusammengefasst und Verantwortlichen innerhalb der Organisation präsentiert.

Für ein besseres Körpergefühl wünschen sich vor allem Frauen schon lange neue Materialien, Farben und Schnitte von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, die Design und Vertrieb der Garments streng kontrolliert. "Ich habe vorgeschlagen, die Oberteile nur mit breiten Trägern anstatt mit Ärmeln zu fertigen", berichtete eine Person auf Reddit, nachdem die Organisation ihre Mitglieder aufgerufen hatte, Verbesserungsvorschläge zu teilen. Ihre Hoffnung, ernstgenommen zu werden, war nicht groß: "Ich weiß, dass sie das wahrscheinlich nie tun werden."

Zehn Jahre später war es dann doch so weit. Erstmals konnten Anhänger zumindest in einigen afrikanischen und asiatischen Ländern neue ärmellose Modelle kaufen. Von offizieller Stelle wurde die Entscheidung als Entgegenkommen für Menschen in "heißen und feuchten Gegenden" kommuniziert. Der Bedarf nach Garment-Reformen auch in weniger feuchtwarmen Regionen der Welt wurde danach umso sichtbarer.

Schnell hatten sich US-amerikanische Microinfluencerinnen die Modelle aus dem Ausland organisiert. In den Kommentaren unter ihren Postings wollten Frauen alles über Passform und Tragekomfort wissen. Vor allem: Wie wären die begehrten Teile denn nun zu bekommen?

Gigantische Nachfrage

Der Morgen der langen Schlangen war der Tag, an dem die neuen Garments offiziell auf den US-amerikanischen Markt kamen. Der Online-Shop für Mitglieder der Glaubensgemeinschaft brach zusammen, umso größer war der Andrang vor den lizenzierten Geschäften und Ausgabestellen. Pro Kopf gab es ein Kauflimit von 20 Stück, bereits zur Tagesmitte waren kleine Größen ausverkauft.

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Käuferinnen in einer Deseret-Book-Filiale in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah. (Foto: AP)

Erfolgreiche Shopperinnen filmten ihren Einkauf als Mini-Vlog für Social Media, freuten sich über einen "guten Tag für die Garment-Girlies", auch wenn sie für das gewünschte Kleidungsstück teils bis zu vier Stunden hatten anstehen müssen. Der Begeisterung dieser Mitglieder stand die Kritik derer entgegen, die das Spektakel um die symbolträchtige Unterbekleidung nicht zum Meme verkommen wissen wollen. Und am Rand des viralen Geschehens: irritierte "never-Mormons", also Menschen, die selbst nie dem Glauben angehört haben, deren Algorithmen sie jedoch dem Shoppingspektakel hatten beiwohnen lassen.

Sicherlich auch dank des Megaerfolgs der US-Realityserie "The Secret Lives of Mormon Wives" (dt. Das geheime Leben der Mormonen-Ehefrauen) gehen Themen, die zuvor im Wesentlichen Mitglieder der Gemeinschaft bewegt haben dürften, viral auch in den Timelines derjenigen, die kaum etwas über deren Lebensrealitäten wissen. Lange kreisten popkulturelle Repräsentationen von Mormonen um Vielehen und Frauen in bodenlangen Kleidern – man denke etwa an die Serie "Big Love" mit Chloë Sevigny aus den frühen 2000er-Jahren.

Kampf um die Deutungshoheit

Heute sind es tanzende Mütter mit Millionen Followern in sozialen Netzwerken, die das Bild der sogenannten Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage im Mainstream formen. Durchaus zum Unmut der Organisation: Aktuelle Produktionen würden "Lebensstile und Praktiken" zeigen, "die in eklatantem Widerspruch zu den Lehren der Kirche stehen".

Die Garments macht die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage offiziell nicht zu einer Frage von Sitte und Anstand. Taucht man tiefer in Diskussionen aktiver und ehemaliger Garment-Trägerinnen ein, zeigt sich jedoch schnell, dass Betroffene sehr wohl umtreibt, was ihnen und ihrem Umfeld als angemessene Präsentation vor allem des weiblichen Körpers gilt. Das Bild der Glaubensgemeinschaft wandelt sich. Ihre Mitglieder fordern neue Freiheiten ein. Dagegen stehen tradierte Strukturen.

Auch in Deutschland gibt es die neuen Garment-Modelle inzwischen zu kaufen. Zur Nachfrage äußert sich die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage nicht. Das Thema Garments sei hierzulande "gar nicht" präsent, heißt es gegenüber ntv.de – allerdings leben in Deutschland nach Angaben der Organisation auch nur 40.000 Mitglieder. In den USA sind es sieben Millionen.

Die Begeisterung der Frauen dort ob der Verfügbarkeit weißer Tanktops mag im ersten Moment irritierend wirken. Man könnte sie als Zeichen lesen: Wenn die Option auf schulterfreie Outfits einen derartigen Hype auslöst, wie groß muss der Wunsch nach Veränderung gewesen sein?

Quelle: ntv.de

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