Panorama
(Foto: imago/Xinhua)
Sonntag, 16. August 2015

Unsichtbare Gefahr über Tianjin: Natriumcyanid - das tödliche Gift

Im Hafen von Tianjin lagerten Hunderte Tonnen Natriumcyanid. Das weißliche Pulver ist hochgiftig - und kann bei Einatmen, Kontakt mit der Haut und Verschlucken innerhalb kurzer Zeit tödlich sein.

Vier Tage nach der Explosion im Hafen von Tianjin sorgen Berichte über große Mengen Natriumcyanids für Beunruhigung unter der Bevölkerung. In der 15-Millionen-Einwohner-Metropole geht die Angst vor gefährlichen Gasen in der Luft und im Wasser um, denn erstmals räumte das chinesische Militär ein, dass in dem explodierten Gefahrgutlager "hunderte Tonnen" der Chemikalie Cyanid gelagert waren. Nach Medienberichten handelte es sich um rund 700 Tonnen Natriumcyanid.

Video

Das weißlich-kristalline Pulver mit der chemischen Formel NaCN ist hochgiftig und kann bei Einatmen, Kontakt mit der Haut und Verschlucken innerhalb kurzer Zeit tödlich sein. Schon gewöhnliche Luftfeuchtigkeit reicht aus, um das Salz zu zersetzen, wobei Blausäure gebildet wird. Dieses hochtoxische Gas ist für seinen typischen Geruch nach Bittermandeln bekannt - allerdings sind viele Menschen nicht in der Lage, den Geruch wahrzunehmen.

Innerliches Ersticken

Schon ein Milligramm Blausäure je Kilogramm Körpergewicht ist tödlich. Die Todesursache bei einer Cyanidvergiftung ist ein innerliches Ersticken. Das Cyanid bindet an ein bestimmtes Eisenatom im Hämoglobin. Dieses als "roter Blutfarbstoff" bekannte Molekül ist für den Sauerstofftransport im Körper zuständig. Durch die irreversible Reaktion mit Cyanid werden die Hämoglobin-Moleküle funktionsunfähig gemacht.

Der Transport des lebenswichtigen Sauerstoffs bricht zusammen. Der schwindende Sauerstoff führt bei Cyanidopfern dazu, dass sie zunächst noch durch heftiges Atmen mehr Luft aufnehmen wollen. Dadurch wird noch mehr und noch schneller Cyanid aufgenommen und der Eintritt des Todes beschleunigt. Cyanidtabletten waren vor Jahrzehnten ein oft genutztes Mittel für Freitode und Morde.

Umwelt langfristig geschädigt

Natriumcyanid ist so gefährlich, dass es eigentlich überhaupt nicht in die Umwelt gelangen darf. Es kann Gewässer nachhaltig und langfristig vergiften. Wer keine tödliche Dosis erhält, wird andere Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Muskelkrämpfe, Bewusstseinsstörungen oder gar Bewusstlosigkeit erleiden.

Ein Polizeivertreter in Tianjin sagte der staatlichen Zeitung "Beijing News", das Natriumcyanid sei östlich der Detonationsstelle nachgewiesen worden.

Derweil stieg die Zahl der Toten auf 112, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Bisher seien 24 Leichen identifiziert worden, bei 88 weiteren sei die Identität noch unklar, sagte der stellvertretende Propagandaleiter der Stadt. Unter den Toten sind den Behörden zufolge 21 Feuerwehrleute. 721 Menschen kamen ins Krankenhaus, von denen 25 noch in Lebensgefahr schwebten.  95 Menschen werden noch vermisst, darunter 85 Feuerwehrleute.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de