Panorama
Samstag, 14. Mai 2011

Vorerst keine Säure in die Augen: Opfer kann Peiniger nicht blenden

Jahrelang hatte sie gewartet, nun sollte es soweit sein: Die mit Säure verunstaltete Ameneh Bahrami hätte sich rächen und ihren Peiniger blenden dürfen. Doch die iranische Justiz verschiebt die Vollstreckung. Einen neuen Termin gibt es vorerst nicht.

Ameneh Bahrami zeigt Bilder von sich aus der Vergangenheit.
Ameneh Bahrami zeigt Bilder von sich aus der Vergangenheit.(Foto: dpa)

Die iranische Justiz hat die Vergeltungsaktion, bei der eine Frau nach einem Säure-Attentat an ihrem Peiniger Rache üben wollte, auf unbestimmte Zeit verschoben. Das berichtet die iranische Nachrichtenagentur ISNA. Ameneh Bahrami wollte eigentlich ihren Peiniger am Samstag in einem Krankenhaus in Teheran Säure in die Augen träufeln, damit er - wie sie - blind wird.

Bahrami war nach Angaben ihres deutschen Verlages "wütend und traurig" über die Verschiebung. Die Blendung sei "aus fadenscheinigen Gründen" abgesagt worden, zitierte der mvg-Verlag in München die Frau in einer Mitteilung. "Angeblich war kein Arzt da. Das stimmte aber nicht. Bei uns stand ein Arzt, der sagte, dass er extra für die Vollstreckung gekommen ist." Später habe es geheißen, es sei versehentlich das falsche Krankenhaus gewählt worden.

"Auge um Auge"

Die 32-Jährige hatte vor Gericht erstritten, dass sie den Attentäter nach dem Prinzip "Auge um Auge" strafen kann. Warum die Blendung verschoben wurde und wann sie nun stattfinden soll, wurde zunächst nicht bekannt. Dem "Spiegel" sagte Bahrami, sie wolle am Dienstag nach Deutschland fliegen, um im Fernsehen ihren Fall zu erzählen. Nähere Informationen gab es dazu vorerst nicht.

Der Mann hatte Bahrami 2004 Schwefelsäure ins Gesicht geschüttet, weil sie seine Heiratsanträge abgelehnt hatte. Seitdem ist sie trotz mehrerer Operationen blind, ihr Gesicht ist entstellt. Sie lebt in Spanien und war für die Racheaktion extra nach Teheran gereist. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hatte sich am Freitag gegen die Blendung ausgesprochen.

"Abschreckendes Beispiel für jeden Mann"

Im Interview mit dem "Spiegel" sagte Bahrami: "Was ich tue, soll ein abschreckendes Beispiel sein für jeden Mann, der sich von einer Frau, die er angeblich liebt, zurückgestoßen fühlt und mit einem Anschlag Rache nehmen will."

Nach islamischem Recht erlaubt das "Auge um Auge"-Prinzip Opfern, dem Täter das gleiche Leid zuzufügen. Bahrami wurde in einem Gerichtsurteil das Recht zugestanden, dem Mann, der wegen der Tat eine Gefängnisstrafe absitzt, mit einer Pipette je fünf Tropfen Säure in beide Augen zu träufeln. Der Mann sollte dafür betäubt werden.

"Unverständliches Vorgehen"

Der Fall und die Entscheidung des Gerichts aus dem Jahr 2008 hatten weltweit für Aufsehen gesorgt. Auch iranische Stellen hatten versucht, das Opfer umzustimmen und dazu zu bewegen, auf die Vollstreckung zu verzichten. Ameneh Bahrami hatte selbst nach Angaben von ISNA gesagt: "Es muss sein. Nicht nur meinetwegen, sondern auch um solchen grausamen Aktionen ein Ende zu setzen, damit andere Frauen nicht das gleiche Schicksal erleiden wie ich."

Der deutsche Orient-Experte Gunter Mulack bezeichnete das gesamte Vorgehen als aus unserer Sicht "antiquiert" und "unverständlich". Es sei zwar "gedeckt durch archaische Prinzipien des islamischen Rechts, der Scharia", sagte der Leiter des Deutschen Orient-Instituts in Berlin. Aber auch im arabischen Raum sei die Umsetzung solcher Richtersprüche zur Ausnahme geworden. Derartige Urteile könnten zum Beispiel durch Geldzahlungen ersetzt werden.

Quelle: n-tv.de