Panorama

Kardinalsproblem der Kirche Pädophile Priester

Es war der alte und kranke Papst Johannes Paul II., der dem Spuk ein Ende bereiten wollte. "Null-Toleranz" lautete im Jahr 2002 sein Rezept gegen Pädophile als Priester. Das Tuschel-Thema des sexuellen Missbrauchs sollte endlich ans Tageslicht, die Schuldigen bestraft, den Opfern geholfen werden. Die "Omert", das Mafia-Gesetz des Schweigens, wie es ein Vatikanjournalist provozierend nannte, sollte gebrochen werden. Mit aller Kraft setzte sich der greise Pole damals dafür ein -offenbar vergeblich. Wenn sich die deutschen Bischöfe bei ihrer Tagung in Fulda - wieder einmal - mit dem Thema befassen, wird vor allem eines klar: Das Problem ist keinesfalls gänzlich überwunden.

Regensburger Bischof nicht reuig

Der jüngste Fall im bayerischen Riekofen wirkt wie eine Verhöhnung der harten "römischen Linie": Bisherigen Ermittlungen zufolge soll sich ein 39-jähriger Geistlicher jahrelang an einem Ministranten vergangen haben - obwohl er bereits Jahre zuvor wegen sexuellen Kindesmissbrauchs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war. Selbst nach der Verhaftung des Priesters findet der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller kein Wort der Selbstkritik oder gar der Reue über seine verheerende Personalentscheidung: "Die Verantwortung der Tat trägt der Täter", sagte er.

"Deutsche Angelegenheit"

Zwar äußert sich der Vatikan nicht offiziell zu dem neuen Fall, doch intern schüttelt mancher Theologe in Rom nur mit dem Kopf. "Das ist eine deutsche Angelegenheit", sagt ein Insider von Radio Vatikan. "Der Bischof muss sein Verhalten jetzt vor seinen Mitbischöfen rechtfertigen." Schließlich hätten sich die Deutschen vor einigen Jahren selbst strenge Richtlinien gegen die Übergriffe von pädophilen Priestern gegeben. Nun müsse man sich fragen, warum diese nicht immer greifen. "Manche sind wohl auch überfordert." Bischof Müller hatte sich vor der Presse auf das Gutachten eines Therapeuten berufen, dem zufolge ein Rückfall des Priesters ausgeschlossen sei - die Linie der "Null-Toleranz" ist das nicht.

Das "hässliche Gesicht" der katholischen Kirche

Das Unwesen pädophiler Priester - es ist das "hässliche Gesicht" der katholischen Kirche. Ob Mexiko oder Brasilien, Deutschland, Österreich oder Irland, USA oder Japan, immer wieder kommen sexuelle Übergriffe ans Tageslicht. Mal sind es Pfarrer, die sich im Zeltlager an Knaben heranmachen, mal suchen sie ihre Opfer unter Ministranten oder unter Priesterschülern. Eine Welle von Skandalen in den USA hatte die dortige Kirche in eine schwere Krise gestürzt, Entschädigungen in zweistelliger Millionenhöhe brachten einige Diözesen an den Rand des Ruins. "Schlimmer noch ist aber der Imageschaden für die Kirche", meint ein römischer Theologe.

200 bis 300 Priester pädophil

Angesichts eines Skandals in Irland im vergangenen Jahr kam eine Studie in Dublin zu dem Schluss, dass drei Prozent der dortigen Priester in den vergangenen Jahrzehnten sexuellen Missbrauch begangen hätten. Schätzungen von Theologen gehen davon aus, dass in Deutschland 200 bis 300 Priester pädophil sind. Bei den Angaben handelt es sich um Hochrechnungen auf der Basis der Missbrauchsfälle in den USA. Psychologen und Kirchenkritiker beharren immer wieder darauf, durch das Sex- und Eheverbot (Zölibat) würden Priester mit "zweifelhaften" sexuellen Neigungen geradezu angezogen. Immer wieder fordern kirchliche Reformkräfte, das seit dem Mittelalter geltende Zölibatsgebot solle aufgehoben werden. Doch dazu sagt die Kirche Nein.

Von Peer Meinert, dpa

Quelle: ntv.de