Panorama

Sexualstraftaten mit K.-o.-Tropfen "'Pass auf dein Glas auf' reicht nicht"

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Lohfink betont, dass sie sich als Opfer sieht.

(Foto: dpa)

Model Gina-Lisa Lohfink zeigt zwei Männer wegen Vergewaltigung an. An die Tat selbst kann sie sich nicht erinnern. Sie vermutet, dass sie K.-o.-Tropfen bekommen hat. Nun steht sie selbst wegen Falschaussage vor Gericht. Monika Bulin vom Frauennotruf in Aachen hat in den vergangenen Jahren viele Opfer von K.o.-Tropfen betreut und kennt die juristischen Schwierigkeiten bei der Ahndung solcher Taten. Sie setzt deshalb vor allem auf die Prävention. 

Was sind K.-o.-Tropfen?

Hinter sogenannten K.-o.-Tropfen können sich unterschiedliche Substanzen verbergen. Sehr häufig handelt es sich dabei um die Gamma-Hydroxy-Buttersäure (GHB). Die Wirkung ist dosisabhängig und individuell sehr verschieden. In geringen Dosen kann GHB enthemmend wirken. Doch auch geringe Mengen können bereits Benommenheit, Übelkeit und Bewusstlosigkeit verursachen. Außerdem setzt die Droge das Erinnerungsvermögen außer Kraft. K.-o.-Tropfen kann man nicht sehen, nicht riechen und nicht schmecken.

n-tv.de: Gibt es mehr Vorfälle mit K.-o.-Tropfen als früher?

Monika Bulin: Das kann ich aus unserer Beratungsarbeit nicht bestätigen. Wir haben seit 2006 eine Präventionskampagne entwickelt und haben seitdem über 150 Fälle dokumentiert, in denen der Verdacht besteht, dass vermutlich K.o.-Tropfen zum Einsatz gekommen sind. Die Zahl der jährlichen Fälle ist unseren Aufzeichnungen zufolge in etwa gleichbleibend.

Woran liegt es, dass es häufig lediglich beim Verdacht bleibt und die K.-o.-Tropfen nicht nachgewiesen werden?

Das Zeitfenster, innerhalb dessen man das nachweisen kann, ist sehr klein. Man geht davon aus, dass die in K.o.-Tropfen enthaltenen Substanzen, vor allem also GHB, im Blut nur etwa sieben Stunden nachweisbar ist, im Urin circa zwölf Stunden. Innerhalb dieser Zeit kommen die Betroffenen oft gar nicht dazu, in ein Krankenhaus oder zu einem Arzt zu fahren, um mögliche Beweise sichern zu lassen. Und wenn Betroffene zum Beispiel in Notfallambulanzen eingeliefert werden, wird oft gar nicht daran gedacht, dass es sich um etwas anderes als um zu viel Alkohol handeln könnte. Also werden weder Blut noch Urin untersucht. 

Wenn es nicht die steigenden Zahlen sind, was ist dann das Problem an K.-o.-Tropfen?

Das Problem ist vor allem, dass ein völlig falsches Bild davon existiert, wie K.-o.-Tropfen wirken. Wenn ich eine Schulklasse frage, ob sie schon mal davon gehört haben, sagen alle ja. Wenn ich frage, wie die wirken, höre ich: Da fällt man um. Man wird bewusstlos. Man ist betäubt. Aber, dass man scheinbar noch bei der Sache ist, dass man reden und laufen kann, dass man häufig wirkt, als sei man sexuell erregt, das weiß kaum einer. Deshalb wollen wir aufklären, was das für Substanzen sind und wie man sich davor schützen kann. Und natürlich: Wenn etwas passiert ist, wo bekomme ich Hilfe?

Wie kann man sich denn schützen?

Ich finde, es ist zu kurz gegriffen, zu sagen: Pass auf dein Glas auf! Das ist natürlich sinnvoll, und ich rate auch immer, wenn man sein Glas aus den Augen gelassen hat: Lasst es stehen, holt euch was Neues. Aber das reicht nicht. Der beste Schutz ist es, aufeinander aufzupassen, die Verantwortung füreinander, also für Freundinnen und Freunde, zu übernehmen. Denn Opfer sind nicht nur junge Frauen. Wenn man zusammen feiern geht, sollte niemand zurückbleiben, während alle anderen nach Hause fahren. Oft schätzen sich Freunde auch untereinander falsch ein und denken, jemand will nicht mit. Dabei ist die Freundin gar nicht mehr sie selbst. Es geht da auch nicht um den erhobenen Zeigefinger, dass man keinen Alkohol trinken sollte. Aber man sollte überlegen, unter welchen Bedingungen man das tut. Vielleicht kann einer nüchtern bleiben und dafür sorgen, dass alle wieder heil nach Hause kommen. 

Woran kann man selbst merken, dass man K.-o.-Tropfen  bekommen hat? Woran könnten es andere sehen?

Selbst hat man keine Chance, und auch für Außenstehende ist es schwierig. Die Rückmeldungen von den Betroffenen sind da ziemlich eindeutig. Die meisten haben einen ganz abrupten Erinnerungsverlust. Eben stehen sie noch an der Theke und schauen auf die Tanzfläche, und dann ist nichts mehr da. Manchmal gibt es einzelne Bilder, aber dann reißt das wieder ab für zwei bis vier Stunden. Es kommt natürlich immer auch ein bisschen auf die Dosierung und die Konstitution der Betroffenen an. Manche haben vorher so etwas wie Kreislaufstörungen, Schwindel, ein Gefühl "wie in Watte gepackt". Dann verfallen sie zunehmend in einen Zustand von Willenlosigkeit. Den Filmriss haben aber eigentlich alle. Auf Außenstehende machen die Betroffenen einen stark betrunkenen Eindruck, aber auch das ist schwer zu erkennen, es sei denn, sie haben gar keinen Alkohol getrunken. Aber oft kommt das natürlich zusammen, es wird Alkohol getrunken und dann tut einem jemand K.o.-Tropfen ins Glas. Wenn die Tropfen zusammen mit Alkohol verabreicht werden, ist die Wirkung auch noch einmal schwerer kalkulierbar.

Was berichten denn die Betroffenen bei Ihnen über die Nachwirkungen einer K.-o.-Tropfen-Attacke?

Wenn eine Vergewaltigung feststeht, reagieren viele genauso wie Vergewaltigungsopfer ohne K.-o.-Tropfen, auch wenn sie überhaupt keine Erinnerungen an die Tat haben. Oft gibt es eine posttraumatische Belastungsreaktion mit Alpträumen, Schlafstörungen, Ängsten, Rückzugstendenzen, Schulversagen, Depressionen und vor allem Schuld- und Schamgefühlen. Einige zeigen somatische Reaktionen. Junge Mädchen reagieren häufig sehr aggressiv auf nahestehende Personen, es ist eine ganze Palette. Es kann dann auch gut und richtig sein, sich therapeutische Hilfe zu suchen, um die Kontrolle wieder zu gewinnen.

Macht es die Tatsache, dass man nichts von der Tat weiß, leichter oder schwerer für die Opfer?

Manche Frauen haben uns erzählt, ich finde es eigentlich gnädig, dass ich gar nicht weiß, was passiert ist. Andere leiden gerade unter diesem Kontrollverlust ganz stark. Die sagen, ich könnte den ja auf der Straße sehen und würde den nicht mal erkennen. Das ist sehr individuell.

Wenn das Opfer den Täter faktisch nicht identifizieren kann, welche juristischen Konsequenzen hat das?

Aus staatsanwaltschaftlicher Sicht sind diese Taten oft problematisch, weil man viel schwerer beweisen kann, dass bestimmte Täter für einen sexuellen Übergriff verantwortlich sind. Wenn die Betroffenen sich nicht erinnern und keine Details berichten können, bleibt die Beweislage eben schwierig. Und dann gilt: im Zweifel für den Angeklagten. Was ich im Fall von Gina-Lisa Lohfink eigenartig finde, ist der Umkehrschluss. Wenn man davon ausgeht, dass man den Beschuldigten nichts beweisen kann, dann kann man genauso wenig sagen, dass Frau Lohfink die Unwahrheit gesagt hat.

Wie sind denn Ihre Erfahrungen mit der juristischen Aufarbeitung von Vorfällen mit K.-o.-Tropfen?

Von den 155 bei uns seit 2006 erfassten Verdachtsfällen haben 43 Frauen Anzeige erstattet. In den ganzen Jahren weiß ich von insgesamt sechs Taten, die abgeurteilt wurden. Das ist sehr wenig. Wir unterstützen die Frauen zwar dabei, Anzeige zu erstatten und begleiten sie auch, wenn es zum Verfahren kommt. Aber das passiert einfach sehr selten. Deshalb konzentrieren wir uns auf die Prävention. Aber da ist natürlich die Politik gefragt, die Gesetzeslage dahingehend zu verändern und für mögliche Opfer so zu verbessern, dass die Widerstandsunfähigkeit anders beurteilt wird.

Mit Monika Bulin sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de