Physisches und psychisches LeidDer Kampf von Noelia Castillo für ihr Recht zu sterben
Von Solveig Bach
In Spanien stirbt eine junge Frau durch Sterbehilfe. Der Fall löst internationale Reaktionen aus. Noelia Castillo erlitt schweres Leid und kämpfte mehrere Jahre darum, sterben zu dürfen.
In Spanien hat die 25-jährige Noelia Castillo juristisch durchgesetzt, dass sie ihr Leben ärztlich beenden darf. Sie hatte 2024 Sterbehilfe beantragt, nachdem Spanien dies 2021 gesetzlich erlaubt hatte.
Castillos Leben war von Schmerz geprägt - sowohl körperlichem als auch seelischem. Mehrere Jahre kämpfte die junge Frau darum, Sterbehilfe in Anspruch nehmen zu dürfen. "Ich möchte endlich in Frieden gehen und aufhören zu leiden, Punkt", sagte Castillo wenige Tage vor ihrem Tod in einem Interview mit dem spanischen Nachrichtensender Antena 3.
Castillos Leben geriet demnach aus den Fugen, als sich ihre Eltern trennten. Zu diesem Zeitpunkt war sie 13 Jahre alt. Im Interview sprach sie von einem turbulenten Familienleben, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Sie verbrachte jedoch einige Zeit in einer betreuten Einrichtung und wurde mit einer Zwangsstörung und einer Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Später berichtete sie, sie habe sich immer allein und ungeliebt gefühlt.
Mehrere Vergewaltigungen
Es habe einen Moment in ihrem Leben gegeben, von dem an alles schiefging. Auf die schwierige familiäre Situation folgten drei Fälle von sexuellem Missbrauch. Sie wurde von ihrem Ex-Partner misshandelt und später in einem Nachtclub von zwei Männern vergewaltigt. An einem dritten sexuellen Übergriff in einer Bar waren ihren Angaben zufolge drei junge Männer beteiligt.
Sie gab an, keinen der Übergriffe angezeigt zu haben. Wenige Tage nach der zweiten Vergewaltigung im Oktober 2022, unternahm sie einen Suizidversuch. Sie überlebte einen Sturz aus dem Fenster im fünften Stock, war aber seitdem querschnittsgelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Von da an kämpfte sie um Sterbehilfe.
In ihrem Interview sprach Castillo von ständigen körperlichen Schmerzen, die ihr psychisches Leid noch verstärkten. Auch die psychiatrische Behandlung seit ihrem 13. Lebensjahr habe ihr nicht den Lebenswillen zurückgegeben. "Ich habe keine Ziele oder Pläne, ich habe meine Welt immer als sehr düster empfunden", sagte sie in dem Interview. "Ich kann den Schmerz nicht mehr ertragen, all die Qualen in meinem Kopf aufgrund dessen, was ich durchgemacht habe." Deshalb wolle sie sterben, obwohl sie wisse, wie sehr das ihre Familie schmerzt.
Kein Sinn, keine Hoffnung
Castillo war in den zurückliegenden Jahren weitgehend abhängig von Pflegepersonen, sie berichtete von starken Nerven-, Rücken‑ und Beinschmerzen, Inkontinenz und schweren Depressionen. Sie habe keine Lust mehr zu essen, auszugehen oder irgendetwas zu tun, sie könne kaum schlafen. Alle Behandlungen brächten für sie subjektiv keinen Sinnes- oder Hoffnungsschimmer mehr.
Im Interview sagte sie, sie habe sich immer allein gefühlt, sei sich aber ihrer Entscheidung, die ihr Ruhe gönnen werde, stets sicher gewesen. "Ich will einfach nur weg und aufhören zu leiden." Sie könne "nicht mehr mit all dem, was mich in meinem Kopf quält" leben, wolle "aufhören zu leiden" und "in Frieden gehen".
Spanien hat seit 2021 ein Gesetz, das aktive Sterbehilfe und assistierten Suizid für unheilbare oder schwer beeinträchtigende Zustände erlaubt. Castillos Antrag wurde von einem Expertengremium in Katalonien zunächst genehmigt. Die Kommission stellte fest, dass sie alle rechtlichen Voraussetzungen erfüllte, da sie sich in einer "nicht heilbaren klinischen Situation" befand, die "schwere Abhängigkeit, Schmerzen und chronisches, behinderndes Leiden" verursachte. Als Sterbetag war der 2. August 2024 festgelegt worden.
Dieser Entscheidung widersprach ihr Vater jedoch und führte - unterstützt von der ultrakonservativen Gruppe "Abogados Cristianos" - fast zwei Jahre lang Verfahren durch mehrere Instanzen. Er argumentierte unter anderem vor dem spanischen Verfassungsgericht und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, dass seine Tochter wegen ihrer psychischen Erkrankung nicht entscheidungsfähig sei.
"Ich will niemanden in meinem Zimmer haben"
Im Interview berichtete Castillo, ihr Vater habe sie angeschrien, als sie das erste Mal ihren Sterbewunsch äußerte. "Er sagte, ich hätte kein Herz, ich würde nicht an andere denken, alles, was ich sagte, sei gelogen. Das hat mich sehr verletzt", erzählte sie. Für sie standen sein Wunsch, sie am Leben zu erhalten, und seine Vernachlässigung im Widerspruch. "Er ruft mich nie an und schreibt mir auch nicht. Warum will er, dass ich lebe, nur um mich im Krankenhaus zu behalten?"
Mehrere medizinische Gutachten und die zuständigen Gremien kamen zu dem Schluss, dass Castillo trotz ihrer Diagnosen "volle Entscheidungsfähigkeit" habe und klar, konsistent und über längere Zeit ihren Wunsch nach Euthanasie geäußert habe. Deshalb habe sie das Recht, über Zeitpunkt und Art ihres Todes zu bestimmen. Zuletzt wurden noch kurz vor dem Termin für die tödliche Injektion Eilanträge des Vaters endgültig abgewiesen.
Am Donnerstag erhielt sie schließlich im Pflegeheim Sant Pere de Ribes in Barcelona, wo sie lebte, auf eigenen Wunsch die tödliche Injektion. Ihre Mutter hatte noch versucht durchzusetzen, dass sie bei ihrer Tochter sein kann. Castillo entschied sich jedoch bewusst dafür, allein zu sterben und lehnte die Anwesenheit von Familienangehörigen im Raum ab. "Ich will niemanden in meinem Zimmer haben", sagte sie. "Ich will nicht, dass sie sehen, wie ich die Augen schließe."