Panorama

Britische Pubs wieder offen Prinz William trinkt als Erster

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"Ich bin ein Cider-Mann", sagte Prinz William und entsprechend fiel seine Bestellung im "Rose & Crown Pub" in Snetisham in der Grafschaft Norfok, wo der Prinz einen Landsitz hat.

(Foto: imago images/i Images)

Nach über drei Monaten dürfen die Menschen in England wieder frisch gezapftes Bier in den Pubs genießen. Doch Experten schlagen Alarm, die Lockerung komme viel zu früh. Derweil bereitet sich die Polizei auf Horden Betrunkener vor.

Cheers! Nach mehr als drei Monaten Schließung wegen der Coronavirus-Pandemie haben seit Samstagfrüh die Pubs in England wieder geöffnet. Der erste, der sich ein Pint gönnte, war offenbar Prinz William. Der 38 Jahre alte Enkel von Queen Elizabeth II. (94) besuchte bereits am Freitagabend einen Pub in der ostenglischen Grafschaft Norfolk in der Nähe seines Landsitzes Anmer Hall. 

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Gewöhnen müssen sich die Briten in den Pubs an neue Sicherheitsmaßnahmen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Er habe sich bei den Mitarbeitern erkundigt, wie sie sich mit den neuen Umständen arrangiert haben, hieß es dazu in einer Twitter-Mitteilung des Kensington-Palasts. Nebenbei ließ sich der Zweite in der britischen Thronfolge aber auch ein Pint servieren, wie auf Fotos zu sehen war. Es habe sich dabei um Cider gehandelt, berichtete die britischen Nachrichtenagentur PA. "Ich bin ein Cider-Mann", sagte William demnach über seine Vorliebe für den Apfelwein.

Für viele Engländer hört eine monatelange Leidenszeit auf. Denn in der Corona-Krise haben sie vor allem eines vermisst: ihren Pub. Doch was viele Briten freut, lässt Polizei, etliche Politiker und Mediziner die Haare zu Berge stehen: Sie warnen vor Gewalt und Zuständen in Notaufnahmen wie in einem "Zirkus voller betrunkener Clowns". Das Virus könnte sich auch schneller ausbreiten.

Scotland Yard hat vorsichtshalber die Zahl der Einsatzkräfte in der Hauptstadt für das Wochenende stark erhöht. "Verhalten Sie sich ruhig. Seien Sie sensibel. Passen Sie auf sich und Ihre Familie auf", warnte Polizei-Chefin Cressida Dick in London. In den vergangenen Wochen hatte es die Einsatzkräfte im wahrsten Sinne des Wortes hart getroffen. Bei Demonstrationen gegen Rassismus und der Auflösung illegaler Straßenpartys flogen ihnen Flaschen und Feuerwerkskörper entgegen. Dutzende Polizisten erlitten Verletzungen.

Biersteuer und Pub-Sterben

Viele hätten es lieber gesehen, wenn die Pubs im größten britischen Landesteil nicht an einem Wochenende öffnen würden. "Wir haben dann mehr Gewalt, Störungen auf Straßen, sexuelle Übergriffe, Vermisste und Verletzte, die möglicherweise medizinische Hilfe benötigen", sagte der Chef des Polizeiverbandes West Yorkshire, Ian Booth, voraus. Er und viele Kollegen hätten daher einen Werktag bevorzugt.

Der Bier- und Pubverband dürfte hingegen froh sein, dass überhaupt wieder etwas aus den Zapfhähnen strömt. Er hatte den Verlust Hunderttausender Arbeitsplätze befürchtet. Schon zuvor ging es der Branche nicht gut. Sie beklagt seit Jahren ein Pub-Sterben vor allem auf dem Lande, bedingt unter anderem durch zu hohe Biersteuern. Nun könnten die Besucher allein am ersten Wochenende Schätzungen zufolge 210 Millionen Pfund, etwa 231 Millionen Euro, ausgeben.

*Datenschutz

Was fasziniert die Menschen so sehr an den Pubs? Viele der Kneipen sind jahrhundertealt. Verklebter Tresen, alte Holzbohlen, biergeschwängerte Luft, Fish und Chips, Burger oder Pies auf der Speisekarte - all das zeichnet einen Pub aus. Der Begriff stammt von "Public House" ab, einem der Öffentlichkeit zugänglichen Haus. Der Parlamentarier kann im Pub neben einer Studentengruppe sein Ale süffeln. Klassenunterschiede verschwimmen hier. Gewöhnen müssen sich die Briten aber an neue Sicherheitsmaßnahmen: Menschentrauben an der Theke soll es zum Beispiel nicht mehr geben. Bestellungen werden künftig am Tisch oder per App abgegeben. Kontaktdaten der Besucher werden vorübergehend gespeichert.

Leicester als warnendes Beispiel

Die Öffnung der altehrwürdigen Pubs ab Samstag gilt nur für England. Denn jeder Landesteil in Großbritannien entscheidet über seine eigenen Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie. Das führt zu so mancher Kuriosität, etwa im Städtchen Saltney. Die eine Hälfte des Ortes liegt in Wales und hat drei Kneipen. Die andere Seite gehört schon zu England und verfügt nur über einen einzigen Pub: Im "Brewery Arms" dürften die Kassen ab Samstag ordentlich klingeln.

Die Pubs sind nur ein Baustein in einer längeren Liste von Lockerungen, die Premierminister Boris Johnson für den 4. Juli angekündigt hat. So dürfen auch Restaurants, Hotels, Friseurläden, Kirchen, Museen und Galerien unter Auflagen öffnen. Die Wirtschaft jubelt, viele Briten sind heilfroh über das Angebot, aber etliche Wissenschaftler sorgen sich: Sie halten das Bündel von Lockerungen für verfrüht und sehen die Eindämmung der Pandemie in Gefahr. Die Stadt Leicester könnte ein warnendes Beispiel sein: Hier musste die Regierung kürzlich die Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus wieder verschärfen. Die Fallzahlen waren wieder deutlich gestiegen.

Quelle: ntv.de, Anja Sokolow, dpa