Panorama

Ex-Chef: "Bild" war Reichelt "Rausgeworfen, weil ich einen Menschen liebe"

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Julian Reichelt äußerte sich erstmals ausführlich in einem Interview.

(Foto: imago images/Jörg Schüler)

"Nicht Julian Reichelt ist 'Bild', sondern: 'Bild' war Julian Reichelt." Vor zwei Monaten wird Julian Reichelt als "Bild"-Chef gefeuert. Die Vorwürfe des Machtmissbrauchs und zahlreicher Affären gegen ihn wiegen schwer. In einem Interview äußert er sich ausführlich und spricht von "Ideologien" in Redaktionen.

Fast zwei Monate nach seinem Aus als "Bild"-Chefredakteur hat sich Julian Reichelt erstmals in einem Interview zu Wort gemeldet. Im Gespräch mit der "Zeit" äußerte der 41-Jährige an mehreren Stellen seine Enttäuschung über den Chef des Axel-Springer-Konzerns Mathias Döpfner. Auf die Frage, ob er seinen "Rauswurf" habe kommen sehen, sagte Reichelt: "Nein, ich war im Urlaub, stand am Autozug nach Sylt, als der Anruf von Mathias (Springer-Chef Döpfner, die Red.) auf dem Handy kam. Nach zwanzig Jahren loyaler Arbeit, zehn davon in Kriegsgebieten, wurde ich in zwanzig Minuten am Telefon entsorgt."

Der Ex-Chefredakteur, der über mehrere Jahre an der Spitze von Deutschlands größtem Boulevardblatt stand, verwies im Kontext einer Beziehung darauf, dass er dem Konzern gegenüber nicht gelogen habe. "Es wurde behauptet, der Vorstand habe mich nach meiner Beziehung gefragt, ich hätte abgestritten. Dann habe man mir Belege präsentiert, daraufhin sei ich eingeknickt und hätte alles gestanden." Das sei so niemals passiert. Er habe dem Vorstand nicht die Unwahrheit gesagt.

Reichelt war über Döpfners Anruf offenbar erstaunt. "Deswegen hat es mich sehr überrascht, wie überrascht er gewesen sein will. Man hat mich unterm Strich wegen meiner Beziehung rausgeworfen." Reichelt erklärte weiter: "Dafür, dass ich einen Menschen liebe. So etwas sollte es nicht geben. Aber es ändert rein gar nichts an unserem Glück." Ein Springer-Sprecher teilte dagegen auf Anfrage mit: "Wir haben unserer bisherigen Darstellung nichts hinzuzufügen."

Ein "Vernichtungsfeldzug"?

Begriffe wie "MeToo" und "Machtmissbrauch" passten nicht zu seinem Fall, sagte Reichelt. "Es gab in dem ganzen Verfahren keinen Menschen, der sich selbst als 'Opfer' bezeichnet hat." Gleiches gelte für den anderen Begriff: "Mir ist nie eine Aussage präsentiert worden, in der mir jemand 'Machtmissbrauch' vorwirft." In der Darstellung der vier Journalistinnen und Journalisten des Investigativ-Teams der Ippen Mediengruppe, nachdem die Berichterstattung im Oktober gestoppt wurde, hieß es: "Hierzu möchten wir klarstellen: Unsere Recherche-Ergebnisse deuten auf Missstände und Machtmissbrauch im Hause Axel Springer und durch den mächtigsten Chefredakteur Deutschlands hin."

Als Konsequenz aus den Recherchen um Reichelt erließ der Springer-Konzern eine Regel, nach der künftig Liebesbeziehungen zwischen Managern oder Managerinnen und der Belegschaft intern offengelegt werden müssen. Reichelt hält davon nichts. Auf die "Zeit"-Frage, ob sich Unternehmen raushalten sollten, wenn es um Machtmissbrauch gehe und ob Frauen selbst schuld seien, wenn sie im Bett ihrer Vorgesetzten landen, sagte er, dass es nicht um Schuld gehe. "Woher kommt dieser Wahn, Menschen als Opfer sehen zu wollen, und woher kommt dieser Wahn, dass manche Menschen sich so gerne selbst als Opfer sehen?", so Reichelt, der sich zuvor im selben Interview selbst als Opfer eines "Vernichtungsfeldzuges" bezeichnet hatte.

Für ihn sei das "eine der unheimlichsten Massenbewegungen unserer Zeit", sagte er. "Manche dieser Opferbewegungen wollen Regeln erlassen, welche Wörter man noch sagen darf, was man noch denken darf. Und alle Opferbewegungen brauchen Täter, denn ohne Täter gäbe es ja keine Opfer. Dann werden beispielsweise Weiße generell als Täter definiert oder eben auch Männer - und damit auch Menschen, die einfach keine Täter sind."

Er sprach auch darüber, dass er danach gefragt werde, ob er ohne "Bild" leben könne, die Zeitung sei doch sein Leben gewesen. Reichelt sagte: "Das ist falsch. Nicht Julian Reichelt ist 'Bild', sondern: 'Bild' war Julian Reichelt. Was diese Marke dargestellt hat, basierte auf meiner Arbeit, meinen Gedanken."

Mitte Oktober hatte Springer Reichelt von seinen Aufgaben entbunden. Der Konzern hatte das Ende der Zusammenarbeit so begründet: "Als Folge von Presserecherchen hatte das Unternehmen in den letzten Tagen neue Erkenntnisse über das aktuelle Verhalten von Julian Reichelt gewonnen. Diesen Informationen ist das Unternehmen nachgegangen. Dabei hat der Vorstand erfahren, dass Julian Reichelt auch nach Abschluss des Compliance-Verfahrens im Frühjahr 2021 Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat."

Reichelt will keine PR machen

Im Frühjahr hatte das Medienhaus das interne Verfahren gegen Reichelt angestoßen. Nach Springer-Angaben standen im Kern der Untersuchung die Vorwürfe des Machtmissbrauchs im Zusammenhang mit einvernehmlichen Beziehungen zu Mitarbeiterinnen sowie Drogenkonsum am Arbeitsplatz. Der Konzern kam zum Schluss, dass Reichelt eine zweite Chance bekommen sollte. Bis die US-Zeitung "New York Times" im Oktober einen Bericht über Reichelt und den Konzern veröffentlicht. Die Ergebnisse des Ippen-Investigativ-Teams flossen dort und in einen "Spiegel"-Bericht mit ein.

Mehrfach sei Reichelt gefragt worden, seine Sicht der Dinge darzulegen. In der "Zeit" erklärte er dazu: "Hätte das Antworten Sinn gemacht?" Reichelt unterstellt den Veröffentlichungen, die in seiner Beurlaubung mündeten: "Es ging denen ja nicht um gute journalistische Arbeit, sondern um einen Vernichtungsfeldzug gegen einen Journalisten." Er sehe hinter dem "Spiegel" eine "der treibenden Kräfte". Das Medium sei für ihn das perfekte Beispiel, "wie sich Ideologie in Redaktionen ausgebreitet hat". Reichelt wirft dem Magazin vor, "zentrale Zitate frei erfunden" zu haben, "auch das Zitat in der Überschrift". Er hätte den Eindruck gehabt, in dem Bericht sei es "gar nicht wirklich um mich als Mensch, sondern um die Vernichtung und Auslöschung politischer Gegner" gegangen.

Um den "Spiegel"-Bericht "Vögeln, fördern, feuern" läuft seit Wochen ein Rechtsstreit, jedoch nicht um den Inhalt. Reichelt hatte eine einstweilige Verfügung erwirkt, weil er vor Gericht eidesstattlich versicherte, dass ihn die vor Veröffentlichung gestellten Fragen von der Springer-Pressestelle nicht weitergeleitet wurden. Der "Spiegel" hatte Reichelts Antworten nachträglich online ergänzt, jedoch sah der Ex-"Bild"-Chef darin eine Verletzung der einstweiligen Verfügung. Vor Gericht habe er Recht bekommen, der Artikel ist nun offline. Der "Spiegel" werde dagegen vorgehen, wie "Medieninsider" berichtet.

Reichelt sagte über seine berufliche Zukunft, er wolle "auf jeden Fall weitermachen". Er ergänzte: "Wenn es keinen passenden gibt, hat man in einem freien Land ja die Möglichkeit, sich diesen Job selber zu schaffen." PR wolle er nicht machen, "sondern Journalismus für die Massen. Ich liebe es, Millionen Menschen eine starke Stimme zu geben".

Quelle: ntv.de, ses/dpa

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