Panorama

Neue Details im Fall Reichelt Wie der Ex-"Bild"-Chef seine Macht ausnutzte

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2017 übernahm Julian Reichelt den Vorsitz der Chefredaktionen und damit die redaktionelle Gesamtverantwortung für die "Bild"-Zeitung.

(Foto: picture alliance / Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa)

Machtmissbrauch, Affären, toxische Unternehmensführung: Die Vorwürfe gegen Ex-"Bild"-Chef Reichelt sind nicht neu. Doch investigative Recherchen bringen jetzt neue Details ans Licht, welche die Frage aufwerfen: Wie konnte sich Reichelt so lange halten? Ein Schutzengel kam von ganz oben.

Wenn es um Skandale geht, ist die "Bild", Deutschlands größte Boulevardzeitung, eigentlich als Erste zur Stelle. Unangenehm wird es allerdings, wenn es das eigene Medienhaus betrifft. So ist es wenig verwunderlich, dass von den Titelseiten der heutigen Ausgabe nicht Julian Reichelts Gesicht in Großformat prangt. Und auch nicht in Großbuchstaben so was geschrieben steht wie "Das war die Sex-Masche des Horror-Chefs".

Die Vorwürfe gegen "Bild"-Chefredakteur Reichelt wiegen schwer. Es geht um Machtmissbrauch, Affären, Beziehungen mit teils sehr jungen Mitarbeiterinnen, Mobbing und Drogenkonsum am Arbeitsplatz. Die Konsequenz: Reichelt muss seinen Posten räumen. Dabei sind die Anschuldigungen gegen ihn nicht neu - genau genommen sogar ein halbes Jahr alt. Warum also trennt sich der Axel-Springer-Verlag erst jetzt von seinem längst umstrittenen "Bild"-Chefredakteur? Welche Vorwürfe stehen gegen Reichelt konkret im Raum? Und was haben die US-Medien damit zu tun?

Die Causa Reichelt nimmt im Frühjahr ihren Lauf

Die ersten Vorwürfe gegen Reichelt kamen bereits im Frühjahr auf: Eine "Bild"-Führungskraft trat damals an den Vorstand des Axel-Springer-Verlags heran und beklagte, wie der Boss berufliche und private Beziehungen zu Mitarbeiterinnen vermische und dabei Abhängigkeitsverhältnisse ausnutze. Der Verlag schaltete die Compliance-Abteilung ein, die wiederum die Wirtschaftskanzlei Freshfields mit der Aufklärung betraute. Freshfields fragte ein halbes Dutzend "Bild"-Mitarbeiterinnen und Ehemalige an, um Vorfälle aus den vergangenen Jahren zu untersuchen.

Reichelt bestritt stets, seine Macht als Chef missbraucht zu haben. Dennoch wurde er zunächst freigestellt - allerdings nur kurz. Denn das Verfahren endete rasch. Es folgte eine Entschuldigung Reichelts: "Was ich mir vor allem vorwerfe ist, dass ich Menschen, für die ich verantwortlich bin, verletzt habe. Das tut mir sehr leid." Und dann noch eine kleine Rüge des Vorstandsvorsitzenden des Axel-Springer-Konzerns, Mathias Döpfner: "Er hat Fehler gemacht." Da diese Fehler nicht strafrechtlich relevant seien, wie es von der Kanzlei nach Abschluss der Untersuchungen hieß, war Reichelt nach zwölf Tagen Freistellung zurück im Dienst.

Viel Veränderung gab es also nicht, obwohl der Springer-Vorstand den "Bild"-Mitarbeiterinnen versicherte, alles zu tun, um das Klima in der Redaktion zu verbessern. Reichelt verlor lediglich seinen Posten als Geschäftsführer. Und ihm wurde die bisherige Chefin bei "Bild am Sonntag", Alexandra Würzbach, an die Seite gestellt. Die beiden regierten "Bild" seither in einer Art tiefgekühlter Zweisamkeit, wie es der "Süddeutschen Zeitung" zufolge aus der Redaktion heißt. Seither galt der Fall als erledigt, Reichelt als rehabilitiert.

Zeitungsverleger Ippen stoppt investigative Recherchen

Aus der Welt war die Causa Reichelt allerdings noch lange nicht. Kurz nach der Rehabilitierung des "Bild"-Chefs nahm das Investigativ-Team der Verlagsgruppe Ippen seine Arbeit auf und recherchierte mehrere Monate zur Unternehmenskultur bei Axel Springer. Der Artikel sollte am vergangenen Sonntag erscheinen. Doch nur wenige Tage vorher verhinderte Verleger Dirk Ippen persönlich die Veröffentlichung. Die Begründung: Man wolle den Anschein vermeiden, einem Wettbewerber auf dem Zeitungsmarkt zu schaden. Das vierköpfige Investigativ-Team reagierte "schockiert", wie sie in einem zweiseitigen Brief an Ippen schreiben, der auf Twitter nachzulesen ist.

Besonders "irritiert" zeigten sich vier Journalistinnen und Journalisten darüber, "dass für den Stopp der Recherche keine juristischen oder redaktionellen Gründe angeführt" worden seien. "Hierzu möchten wir klarstellen: Unsere Recherche-Ergebnisse deuten auf Missstände und Machtmissbrauch im Hause Axel Springer und durch den mächtigsten Chefredakteur Deutschlands hin."

"New York Times" deckt auf, "Spiegel" zieht nach

Verleger Ippen verzögerte mit seiner Entscheidung allerdings nur die Veröffentlichung der Rechercheergebnisse seines Investigativteams. Denn am späten Montagabend brachte der "Spiegel" unter der Überschrift "Warum Julian Reichelt gehen musste" einen Artikel, in dessen Autorenzeile Namen von Kollegen sowohl des eigenen Hauses als auch von "Ippen Investigativ" stehen. Im Text heißt es in Bezug auf deren gestopptes Projekt, "Teile dieser Recherchen finden deshalb nun Eingang in diesen Spiegel-Bericht". Zuvor hatte bereits die renommierte US-Zeitung "New York Times" in einem langen Artikel über den Medienkonzern, Unternehmenskultur und über Vorwürfe gegen Reichelt berichtet.

"Die Dokumente, die ich gesehen habe, zeichnen das Bild einer Arbeitskultur, die Sex, Journalismus und Firmengeld vermischten", schreibt "New York Times"-Kolumnist Ben Smith. Für die "New York Times" ist das Thema weit mehr als eine regionale deutsche Geschichte: Spätestens seit Übernahme des US-Nachrichtenanbieters Politico im vergangenen August ist Springer auch auf dem Medienmarkt der USA eine relevante Größe.

Die Vorwürfe gegen Reichelt

Durch den "New York Times"-Artikel werden neue brisante Details der Causa Reichelt bekannt. So soll der "Bild"-Chef, der 2016 geheiratet hat, Scheidungspapiere gefälscht haben, um eine der Mitarbeiterinnen von seiner Verfügbarkeit zu überzeugen. Zudem habe er für eine Mitarbeiterin eine Zusatzzahlung von 5000 Euro angewiesen, mit der Aufforderung, darüber kein Wort zu verlieren.

Die Vorwürfe, die der "Spiegel" gestern öffentlich machte, wiegen nicht weniger schwer: Mitarbeiter hätten Reichelt als machtbesessen beschrieben. Als jemanden, der einen aggressiven Ton anschlug, Menschen demütigte, der überall Verräter und Konkurrenten sah. Doch anscheinend war das nur eine Seite des Chefredakteurs. Frauen, die sich auf ihn einließen, habe er sich nahbar und verletzlich gezeigt. Er habe ihnen schnell das Gefühl gegeben, ein wichtiger Teil seines Lebens zu sein. "Er bringt einen dazu, innerhalb kürzester Zeit über brennende Brücken zu laufen", zitiert das Magazin eine Person aus Reichelts beruflichem Umfeld.

Vor allem junge Berufseinsteigerinnen, Praktikantinnen und Volontärinnen soll Reichelt systematisch verführt haben. Eine von ihnen sagte laut "Spiegel" aus, dass Reichelt Jobs und Aufstiegschancen durchaus davon abhängig mache, dass man mit ihm schlafe. Auch sie hätte eine Affäre mit ihm gehabt, sei schnell aufgestiegen - sogar in eine Position, der sie nach eigenen Aussagen nicht gewachsen war. Mehrfach soll sich Reichelt mit ihr damals in Hotels, meistens in der Nähe des Springer-Gebäudes zum Sex getroffen haben. In einem Fall, weil er in Nachrichten darauf gedrungen habe, sie ihn nicht habe verärgern wollen und sich beruflich von ihm abhängig fühlte, heißt es im "Spiegel". Später sei ihr gesagt worden, sie solle sich im Zuge des Verfahrens gegen Reichelt nicht äußern.

Reichelts sexuelle Verhältnisse mit Frauen, die in der Hierarchie unter ihm standen, reichen laut Bericht teils zurück bis ins Jahr 2014. Bei der Verführung soll er nach immer gleichen Mustern vorgegangen sein: Mehrere Frauen hätten beschrieben, dass sich Reichelt bereits zu Beginn ihrer Ausbildungszeit bei Springer als eine Art "Mentor" etablierte. Er habe sie regelmäßig kontaktiert und ihnen Komplimente zu ihrer Arbeit gemacht. "Er sagte, ich sei das begabteste Nachwuchstalent, das es je gab", zitiert der "Spiegel" eine von ihnen.

Die schützende Hand des Springer-CEO Döpfner

Sein Umgang insbesondere mit Mitarbeiterinnen schien in der Redaktion längst ein offenes Geheimnis gewesen zu sein. So schreibt der "Spiegel", dass man sich an Reichelts Verhalten gewöhnt hätte. Es sei vorgekommen, dass neue Volontärinnen, bevor sie den Konferenzraum betraten, angekündigt wurden mit: "Vorsicht, das ist eine von Julian." Warum ließ man ihn dennoch so lange gewähren?

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Der wichtigste Grund für Reichelts festen Stand in der Mediengruppe dürfte Springer-CEO Mathias Döpfner gewesen sein. Bereits im Frühjahr machte es den Anschein, dass die oberste Riege des Verlags nicht ernsthaft daran interessiert war, die Vorwürfe aufzuklären, geschweige denn Reichelt den Laufpass zu geben. Nach dem Compliance-Verfahren stellte sich Döpfner schützend vor seinen Star-Redakteur, wie "Medieninsider" berichtete. Dessen Arbeit sei erfolgreich, seine publizistische Leistung "richtig und extrem wichtig für dieses Land", schwärmte der Springer-Chef.

Was er darunter verstand, bringt "New York Times"-Autor Ben Smith ans Licht. Döpfner verschickte während des Untersuchungsverfahrens gegen Reichelt demnach eine private Nachricht an den Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre. An jenem Tag hatte Reichelt einen Kommentar verfasst, in dem er die Corona-Maßnahmen als Beleg für einen willkürlichen Staat bezeichnete. Reichelt, soll Döpfner geschrieben haben, sei "halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR Obrigkeits-Staat aufbegehrt". Die meisten anderen Journalisten, so Döpfner, seien zu Propaganda-Assistenten geworden.

Quelle: ntv.de

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