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Verlag sieht gezieltes Manöver Relotius geht gegen Moreno-Buch vor

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Claas Relotius hatte mehr als 60 Artikel für den "Spiegel" geschrieben.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der preisgekrönte "Spiegel"-Reporter Relotius wird als Fälscher enttarnt. Sein Kollege Moreno deckt den Betrug auf und schreibt ein Buch darüber. Nun lässt Relotius einige Stellen monieren und bezeichnet sich als psychisch krank. Der Verlag aber verweist darauf, dass der Hauptvorwurf nicht infrage gestellt werde.

Der ehemalige "Spiegel"-Reporter Claas Relotius geht gegen vermeintliche Falschaussagen des Journalisten Juan Moreno vor. Konkret geht es um die Darstellung in dem Buch "Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus" von Moreno, das von der Überführung seines Kollegen Relotius handelt. Moreno und dem Rowohlt Berlin Verlag habe Relotius' Anwalt eine Forderung auf Unterlassung zugestellt, teilte der Verlag mit. "Unserer Meinung nach handelt es sich um den Versuch, mit
Randfragen und Nebenschauplätzen den Reporter Moreno zu diskreditieren", heißt es vom Verlag weiter.

Laut "Zeit" beanstandet Relotius um mehr als 20 Seiten in dem Buch, die "erhebliche Unwahrheiten und Falschdarstellungen" beinhalten sollen. Es stelle sich auch die Frage, heiße es in dem Schreiben, inwiefern es zulässig oder auch ethisch zu verantworten sei, ein Buch über einen Menschen zu schreiben, der erkennbar psychisch erkrankt sei. Insgesamt 22 Textstellen seien laut Medienanwalt problematisch, die nicht weiter behauptet oder verbreitet werden sollen. Andernfalls solle eine Vertragsstrafe fällig werden, deren Höhe Relotius bestimmen könne.

Der Verlag verweist darauf, dass in dem Anwalt-Schreiben "an keiner Stelle bestritten" werde, "dass Claas Relotius zahlreiche Reportagen frei erfunden oder gefälscht" habe. Auch würden nicht "Morenos Beweise, die zur Überführung von Claas Relotius geführt haben, angezweifelt". Gleiches gelte für die "Darstellung und die Ereignisse des im Buch geschilderten Fälschungsskandals".

Zu den monierten Stellen gehörte vielmehr der Umstand, ob die Bürotür von Claas Relotius stets geschlossen war oder nicht, schreibt der Verlag weiter. In der Summe kommt der Rowohlt-Verlag zu dem Schluss: "Unserer Meinung nach handelt es sich um den Versuch, mit Randfragen und Nebenschauplätzen den Reporter Moreno zu diskreditieren. Der Verlag hat den Vorgang seiner Anwältin übergeben." Deswegen könnten zum jetzigen Zeitpunkt keine weiteren Angaben gemacht werden.

Realitätsverlust statt Kalkül

"Ich bin mir meiner eigenen großen Schuld heute sehr bewusst", erklärt Relotius in dem Anwaltsschreiben laut "Zeit". Er wolle "durch die Auseinandersetzung mit diesem Buch nicht davon ablenken. Ich stelle mich allem, wofür ich verantwortlich bin, aber ich muss keine unwahren Interpretationen und Falschbehauptungen von Juan Moreno hinnehmen. Ohne mich persönlich zu kennen oder mit Menschen aus meinem näheren Umfeld gesprochen zu haben, konstruiert Moreno eine Figur", erklärte Relotius weiter. "Nicht eigensinniges Kalkül, sondern krankhafter Realitätsverlust" stünden hinter seinem Handeln.

Details wie etwa die Angaben, Relotius habe mehr als 40 Preise für seine journalistische Arbeit gewonnen oder er habe eine krebskranke Schwester, stünden auf dem Prüfstand. Moreno schreibt zum Ende des Buches, eine Sekretärin des "Spiegels" habe Relotius auf einem Fahrrad durch Hamburg fahren sehen, nachdem dieser hingegen jemand anderem erzählt hatte, er sei in Behandlung in Süddeutschland. Doch der zeitliche Zusammenhang stimme nicht, stellt Relotius klar. Moreno habe daraufhin erklärt, ein Kollege habe ihm das so erzählt.

Moreno habe ferner mit unmittelbar Beteiligten nicht gesprochen, beklagt Relotius weiter. Er habe keine Zitate autorisieren lassen und den "Spiegel"-Autor Relotius selbst nie persönlich getroffen.

Der "Spiegel" hatte den Skandal Ende 2018 selbst öffentlich gemacht. Dem Magazin zufolge waren seit 2011 rund 60 Texte im Heft und bei Spiegel Online erschienen, die Relotius geschrieben hat oder an denen er beteiligt war. Darin hatte er zum Teil Protagonisten und Szenen erfunden. Moreno war ihm bei der Recherche zu einer gemeinsamen Geschichte auf die Schliche gekommen. Relotius war für seine Arbeiten mehrfach ausgezeichnet worden.

Quelle: n-tv.de, joh

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