Tierärztin empört über VorgehenRettungsversuch für gestrandeten Wal verzögert sich weiter

Der geplante Rettungsversuch für den vor der Ostsee-Insel Poel gestrandeten Wal lässt weiter auf sich warten. Während Mitglieder des Teams heftige Bewegungen des Tiers als ein gutes Zeichen werten, zeigt sich Wildtierärztin Alexandra Dörnath bei ntv entsetzt über die Aussagen und das Vorgehen.
Der geplante Rettungsversuch des vor der Insel Poel gestrandeten Wals startet frühestens am Samstag. Am Freitag sei mit den Probespülungen begonnen worden, sagte der Chef des von einer privaten Initiative beauftragten Tauchunternehmens, Fred Babbel. "Dann bringen wir alles auf Position, dass alles abendfest gemacht wird, und dann geht's morgen früh weiter."
Technisch sei der Plan, die Fläche freizuspülen, vor die später die Pontons gesetzt werden sollen. Diese sollen dann so angeordnet werden, dass innen eine Freifläche von sechs mal zwölf Metern entsteht. "Da drin wird der Wal sich dann ja aufhalten", sagte Babbel. Er habe den Eindruck, dass es dem Wal im Moment ganz gut gehe. "Er hat sich ja heute auch einmal komplett gedreht." Das Tier soll auf einer Plane zwischen den Pontons in Richtung Nordsee transportiert werden.
Am Morgen hatte der Buckelwal mit heftigen Bewegungen auf einen sich nähernden Taucher reagiert. Das Tier schlug heftig mit der Schwanzflosse, der Fluke, und drehte sich um beinahe 90 Grad, wie in Livestreams zu sehen war. Nach wenigen Minuten beruhigte sich der Wal wieder und lag erneut still im Wasser. Später fuhren die Helfer erneut mit einem Boot zum Wal und erneuerten die nassen Tücher auf dem Rücken des Wals, wie auf Livestreams von Medien zu sehen war. Am Vormittag waren auch Mitarbeiter des Umweltministeriums und des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie (LUNG) mit einem Polizeischlauchboot zum Wal hinausgefahren.
Experten sicher: Der Wal wird bei der Aktion sterben
Der geschwächte Wal liegt bereits den 18. Tag an derselben Position in der Kirchsee in der Wismarer Bucht. Wissenschaftler, Experten von Behörden sowie Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen waren sich nach umfassender Prüfung zuletzt einig, dass der Wal Ruhe brauche und weitere Eingriffe dem Tier massive Schäden zufügen. Der Buckelwal sei orientierungslos und so schwach und geschädigt, dass er die Heimreise demnach nicht schaffen werde.
Entgegen dieser Experten-Einschätzungen zeigte sich das Team der privaten Rettungsinitiative am Freitag optimistisch. Das Tier habe eine reelle Chance, dort wegzukommen, sagte Janine Bahr-van Gemmert, Tierärztin für Kleintiere und Leiterin eines Robbenzentrums auf Föhr, im Hafen von Kirchdorf auf Poel. "Wir versuchen im Sinne des Tieres, ohne Stress dieses Tier aus dieser misslichen Lage zu befreien."
Die heftigen Bewegungen des Wals am Morgen wertete sie als gutes Zeichen. "Er hat sich heute beim Umdrehen fast so ein bisschen hin- und hergewälzt." Das sei ein Zeichen, dass er keine großen Verletzungen habe. Der Wal zeige, dass er sich bewegen wolle. Die Tierärztin sagte weiter, an dem gegenwärtigen Ort könne der Wal nicht in Ruhe sterben. Die Umgebung sei völlig untypisch für ihn.
Wildtierärztin Alexandra Dörnath zeigte sich bei ntv dagegen geradezu entsetzt über das Vorgehen und die Aussagen. "Natürlich bewegt er sich - da wird gerade massiv Adrenalin losgefeuert. Es ist ein Überlebenskampf und jede dieser heftigen Bewegungen raubt dem Wal zudem noch lebensnotwendige Reserven", sagte Dörnath. Das Tier werde bei der Aktion sterben, ist sich die Tierärztin sicher.
Der private Rettungsversuch für den gestrandeten Wal vor der Ostsee-Insel Poel nahe Wismar liegt hinter dem ursprünglichen Zeitplan. "Wir sind einen Tag hinten dran", sagte der Mediamarkt-Gründer Walter Gunz. Er finanziert zusammen mit der Unternehmerin Karin Walter-Mommert die Aktion. Umweltminister Till Backhaus hatte bei der Bekanntgabe der privaten Aktion am Mittwoch gesagt, die Initiative plane das Freispülen des Wals am Donnerstag. Am Freitag könne das Tier dann auf seine Reise in den Atlantik gehen. Dieser Plan ist offensichtlich nicht mehr zu halten.