Panorama

Nie mehr Flüchtlingsheim Saidou findet ein Zuhause

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Verstehen sich super miteinander: Sarah, Luca, Saidou und Till (v.l.).

(Foto: Privat)

Im Oktober 2012 kommt der 22-jährige Saidou nach Deutschland. Eineinhalb Jahre lang lebt er in einem Berliner Flüchtlingsheim, ehe Till, Sarah und Luca ihn in ihre WG aufnehmen. Seitdem haben sich für Saidou neue Welten geöffnet.

Breite Straßen, alte Häuser und große Hinterhöfe prägen den Berliner Stadtbezirk Neukölln. Hier, in einer kleinen Altbau-Wohnung, wohnt Till Bruchwitz mit seinen beiden Mitbewohnerinnen Sarah und Luca. Seit Anfang des Jahres gehört auch Saidou zu der Wohngemeinschaft. Er ist 22 Jahre alt und kam als Flüchtling aus Niger. Wenn er über sein neues Leben in der WG redet, leuchten seine Augen, er strahlt über das ganze Gesicht. "Ich bin sehr glücklich, bei Till, Sarah und Luca wohnen zu dürfen. Sie zeigen mir, wie die deutsche Gesellschaft funktioniert und machen mich zu einem Teil von ihr", sagt der junge Mann.

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Über "Flüchtlinge Willkommen" können Privathaushalte Flüchtlinge aufnehmen.

(Foto: fluechtlinge-willkommen.de)

Die drei Studenten haben Saidou über die Organisation "Flüchtlinge Willkommen" kennengelernt und bei sich zu Hause aufgenommen. "Wir hatten noch ein freies Zimmer in unserer Wohnung", erklärt Till. "Gleichzeitig wollten wir etwas gegen die Massenunterbringung von Flüchtlingen tun. So haben wir beschlossen, einen Flüchtling bei uns aufzunehmen."

Seit 2014 vermittelt die Initiative "Flüchtlinge Willkommen" Geflüchtete aus Heimen an Privathaushalte. Neben Studenten beteiligen sich auch Familien und ältere Ehepaare aus Deutschland an dem Projekt und nehmen Flüchtlinge auf. "Wir haben bis jetzt fast ausschließlich positive Rückmeldungen zu unserem Projekt bekommen", sagt Jonas Kakoschke, Mitbegründer der Organisation, n-tv.de. 86 Flüchtlinge hat die Initiative inzwischen vermittelt.

Freunde fürs Leben

Saidou lebt seit Anfang 2015 in der WG in Neukölln. Hier fühlt er sich pudelwohl. "Till und die anderen behandeln mich wie einen deutschen Freund", sagt er mit einem Lächeln im Gesicht. "Sie helfen mir, meine Sprache zu verbessern und zeigen mir die Umgebung." Auch Till und seine beiden Mitbewohnerinnen genießen das Zusammenleben mit Saidou. Den jungen Nigrer haben sie bereits in ihr Herz geschlossen. "Wir verstehen uns alle super und unternehmen viele Dinge gemeinsam", erzählt Till. "An den Wochenenden gehen wir zusammen feiern, in der Woche spielen wir Gesellschaftsspiele."

Bevor Saidou in die WG einzog, hatten die Studenten rechtliche Bedenken. "Wir wussten nicht, ob es erlaubt ist, einen lediglich geduldeten Flüchtling bei sich zu Hause aufzunehmen", erzählt Till. Die Behörden erteilten der Wohngemeinschaft jedoch schnell eine Genehmigung. Für Saidou ist das WG-Zimmer inzwischen ein Zuhause geworden. 

Mit 16 Jahren hatte Saidou sein Heimatland in Richtung Libyen verlassen, um bei seinem älteren Bruder zu wohnen. Als dort der Bürgerkrieg ausbrach, floh er nach Europa. In Deutschland angekommen, wohnte Saidou lange Zeit in Massenunterkünften, ehe Till, Sarah und Luca ihn aufnahmen.

Ein Job wäre toll

Ein Leben im Heim kann sich der junge Mann inzwischen nicht mehr vorstellen. "Im Flüchtlingscamp durfte ich nichts machen, ich hatte keinen Freigang", sagt er. Deutsche kannte Saidou nicht. Das hat sich mit dem Einzug in die WG geändert, wie auch sonst vieles in Saidous Leben. "Sarah hat mir das Kochen beigebracht, die anderen helfen dabei, mir eine berufliche Zukunft aufzubauen", erzählt Saidou. 

Ein Recht auf Asyl hat der 22-Jährige nicht, hier in Deutschland wird er lediglich geduldet. Zwar erhält Saidou jeden Monat Geld vom Sozialamt, arbeiten darf er aber nicht. Diese Situation ist gar nicht im Sinne des jungen Flüchtlings. "Ich würde gerne eine Ausbildung zum Schneider machen", erzählt Saidou, wohl wissend, dass dies vorerst nicht funktionieren wird. Bis jetzt absolvierte er viele verschiedene Praktika, irgendwann einmal hofft er auf einen richtigen Job. Der junge Nigrer träumt davon, eine eigene kleine Boutique zu eröffnen, in der er seine selbst genähte deutsch-afrikanische Mode verkaufen kann. Noch scheint dies völlig unrealistisch. Aber Saidou hätte auch niemals geglaubt, eines Tages in einer WG mit Deutschen zu leben.

Quelle: n-tv.de