Panorama

Wissenschaftler schlagen Alarm Schätzung: 55.000 Corona-Infizierte in Großbritannien

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Noch alles wie zu Zeiten vor Covid-19: Eine volle Londoner U-Bahn am Dienstag.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nur zögerlich reagiert Briten-Premier Johnson auf die Corona-Krise. Erst eine Warnung von Wissenschaftlern, wonach es Hunderttausende Tote geben könnte, führt zu energischeren Maßnahmen. Derweil steigt die Zahl der Corona-Infizierten innerhalb eines Tages rapide an.

In Großbritannien haben sich nach offiziellen Schätzungen bereits 55.000 Menschen mit dem Coronavirus angesteckt. Nachgewiesen wurde die Infektion aber erst bei 1950 Menschen bis Dienstagmorgen. Dies entspreche einem Anstieg von 26 Prozent binnen 24 Stunden, berichteten Regierungsberater aus der Forschung in London. Ziel sei es, die Zahl der Toten unter 20.000 zu halten, sagte der Mediziner Patrick Vallance im Parlament. "Das wäre ein gutes Ergebnis." Dennoch sei auch das immer noch schrecklich.

Mittlerweile hat die britische Regierung ihre Maßnahmen gegen das Coronavirus drastisch verschärft. Angesichts der Aufforderung der Regierung, auf "nicht zwingende" Sozialkontakte zu verzichten, ließen zahlreiche Unternehmen ihre Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten. Das Außenministerium rief die Briten auch zum Verzicht auf Auslandsreisen auf. Zugleich kündigte Finanzminister Rishi Sunak Hilfen für Unternehmen in dreistelliger Milliardenhöhe an.

Briten auf dem Weg ins Ausland müssten mit zahlreichen Einreisebeschränkungen und Ausgangssperren an ihren Zielorten rechnen, erklärte Außenminister Dominic Raab. "Ich habe mich deshalb entschieden, allen britischen Staatsbürgern von allen nicht zwingenden internationalen Reisen abzuraten." Die Anweisungen gelten zunächst für 30 Tage.

Weitere Einschränkungen des Alltags erwartet

Der staatliche Gesundheitsdienst NHS kündigte an, alle nicht dringenden Operationen ab dem 15. April für mindestens drei Monate auszusetzen. Ziel sei es, 30.000 Krankenhaus-Betten freizumachen. Beobachter erwarten, dass die Regierung in den kommenden Tagen weitere Einschränkungen des Alltags verkünden wird. Dazu könnte auch eine dreimonatige Ausgangssperre für Menschen mit schweren Vorerkrankungen zählen.

An den zunächst vergleichsweise lockeren Maßnahmen von Premierminister Johnson zur Eindämmung des Coronavirus hatte es massive Kritik gegeben. So hatte der Premier noch am Montag etwa erklärt, auf Versammlungsverbote oder Schulschließungen wie in anderen Ländern verzichten zu wollen. Nach Warnungen von Wissenschaftlern, wonach bei einer zu laxen Reaktion auf die Pandemie Hunderttausende Menschen in Großbritannien und den USA an den Folgen einer Coronavirus-Infektion sterben könnten, zeichnete sich jedoch ein Kurswechsel der Regierung ab.

Verschiedene Prognosen gingen von etwa 200.000 bis 500.000 Toten aus. Die Regierung wollte mit kleineren Schritten verhindern, dass der Ausbruch zu stark unterdrückt wird und im Herbst mit voller Wucht zurückkehrt. Noch am Montag legte Johnson dann nach und rief die Briten auf, unter anderem unnötige soziale Kontakte und Reisen zu vermeiden. Besuche von Pubs, Restaurants und Theater sollten unterbleiben. "Wir sind in einen Krieg gegen diese Krankheit verwickelt, den wir gewinnen müssen", sagte Johnson im Kabinett.

Britische Regierung sagt massives Hilfsprogramm zu

In den kommenden Wochen erwarten die Experten einen gewaltigen Anstieg der Ansteckungen. Das Problem: Der NHS ist seit vielen Jahren überlastet und marode. Es mangelt an Personal, Betten und vor allem an Beatmungsgeräten, die vielen Lungenkranken das Leben retten könnten. "Die nächsten Wochen und Monate werden außerordentlich schwer für den NHS in allen vier Landesteilen", hatte Regierungsberater Professor Chris Whitty betont.

Derweil will die britische Regierung die wirtschaftlichen Folgen der Virus-Krise mit einem beispiellosen Hilfsprogramm abfedern. Allein den heimischen Unternehmen würden Kreditgarantien im Volumen von 330 Milliarden Pfund (363 Milliarden Euro) zugesagt, erklärte Finanzminister Rishi Sunak. Wenn die Nachfrage größer sei, werde so viel Kapazität zur Verfügung gestellt wie erforderlich. Doch auch ein einzelnes Maßnahmenpaket oder isolierte Interventionen reichten nicht aus. "Diese nationale Anstrengung wird von Regierungsmaßnahmen in der Wirtschaft flankiert, die ein Ausmaß haben, das noch vor ein paar Wochen unvorstellbar war." Großbritannien werde alles tun, was nötig sei, um die Wirtschaft zu unterstützen.

Quelle: ntv.de, ibu/dpa/rts/AFP