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Beim Wort "Fasten" denken die meisten Menschen direkt an Süßigkeiten.
Beim Wort "Fasten" denken die meisten Menschen direkt an Süßigkeiten.(Foto: imago/epd)
Mittwoch, 14. Februar 2018

Die Fastenzeit beginnt: Sieben Wochen Kneifen verkneifen

Von Finn Tönjes

Auf Süßigkeiten und das Feierabend-Bier pfeifen - für sieben Wochen?! Die Fastenzeit beginnt, und viele versuchen, in dieser Zeit auf die kleinen Freuden des Alltags zu verzichten. Die evangelische Kirche schlägt eine Alternative vor.

Der Karneval ist vorbei und mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Anstatt auf Süßes, Bier oder das Auto zu verzichten, will die evangelische Kirche zur Stärkung gesellschaftlicher Werte bewegen. "Sieben Wochen ohne kneifen" lautet die diesjährige Aufforderung. Aber wovor drücken sich die Menschen am liebsten? Ein Stimmungsbild auf den Straßen Berlins.

"Papierkram, Steuererklärung - davor kneife ich!", gibt Niels Peters offen zu. Beim Erzählen lächelt der gebürtige Braunschweiger durch seinen Bart. Als Student und gleichzeitig selbstständiger Unternehmer seien organisatorische Aspekte nervig, meint Peters. Wieso er sich gerne davor drückt? "Es ist so mühsam, sich das selber beizubringen", erklärt er auf die Frage. Ob er sich vorstellen könne, sieben Wochen lang nicht vor dem Papierkram zu fliehen, entgegnet er sofort mit "Ja". Früher oder später müsse man es ja sowieso machen, fügt er lachend hinzu.

Christine A. hingegen vermeidet ganz andere Bereiche. Die Wahl-Berlinerin mit palästinensischen Wurzeln kneift, wenn es um Extremsport oder um Beziehungen geht. "Das Risiko von Verletzungen ist mir einfach zu hoch, egal ob Bungee-Jumping oder eine Beziehung", erklärt sie. Die Vorstellung, an der Aktion teilzunehmen, fällt ihr schwer. Dennoch kann sie sich zu einem "Joa, doch" für den 40-Tage-Versuch durchringen.

Fasten ist "Mode"

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Eine Studie der DAK beweist, dass vor allem junge Menschen das Fasten nicht nur auf das Essverhalten beschränken. Rund jeder Fünfte möchte beispielsweise in den kommenden Wochen weniger online sein. Der Klassiker in Form von Süßigkeiten-Abstinenz dominiert bei allen Altersklassen auch in diesem Jahr wieder. Insgesamt 62 Prozent gaben an, darauf verzichten zu wollen, letztes Jahr waren es 3 Prozent weniger. Im Ranking, worauf die Deutschen verzichten würden, folgt knapp dahinter der Alkohol. 61 Prozent der Befragten möchten in den nächsten Wochen auf alkoholhaltige Getränke verzichten. Letztes Jahr waren es noch 68 Prozent.

Zurück auf den Straßen Berlins: Wovor wollen Berliner weniger kneifen? "Der Arztbesuch, da kneife ich gerne vor", sagt Rudi Erler. Der Mann gehobenen Alters stützt sich auf seinen Gehstock und fügt lachend hinzu: "Obwohl ich gerade jetzt vom Arzt komme." Arztbesuche seien für ihn unangenehm und er gehe nur hin, wenn es sein müsse, sagt der Mann, der mit seiner Uschanka den eisigen Temperaturen trotzt. Sein Verhalten würde er indes auch wegen der Aktion nicht ändern, meint er.

Nicht die erste Neu-Interpretation

"7 Wochen ohne", so nennt die Evangelische Kirche ihre Aktion.
"7 Wochen ohne", so nennt die Evangelische Kirche ihre Aktion.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die evangelische Kirche vom klassischen Fasten abwendet. Bereits in den Vorjahren gab es ähnliche Kampagnen, 2017 gab es das Motto "Augenblick mal!" Sieben Wochen ohne Sofort". Damit wollte die Kirche zur Entschleunigung, zur Gelassenheit aufrufen. Quasi ein Fasten vom Alltagsstress. Das Fasten hat sich über die Jahre hinweg geändert und die Kirche zieht nach. Der Fokus entfernt sich immer weiter vom klassischen Essen-Fasten.

"Das Ziel ist es, sieben Wochen den Blick auf den Alltag und die eigenen Verhaltensweisen zu ändern", sagt der Pressesprecher der Evangelischen Verlagsanstalt GmbH, Johannes Popp, n-tv.de. Zudem sei wichtig, dass die Teilnehmer das Motto individuell interpretieren sollen. Ob man sich couragierter zeigen oder sich die eigenen Schwächen bewusst machen möchte, könne jeder selber entscheiden, so Popp.

Ganz gleich, ob klassisches Fasten oder "kein Kneifen": Dorothea Worf müsste sich dieses Jahr zu Beidem durchringen. Mit einem Augenzwinkern verrät sie, dass sie bisher immer beim Fasten gekniffen habe. "Spätestens um halb zwölf greife ich dann wieder zu Nüssen", gibt sie unumwunden zu. Sie habe einfach Lust auf die Naschereien, sagt sie. Sie bezweifelt, dass sie an der Aktion teilnehmen würde. Auf manche Dinge kann man auch einfach nicht verzichten.

"Dit mach' ich nich'"

Anders ist es bei Gudrun. Die Berlinerin ist bereit, über ihren Schatten zu springen, denn man müsse sich seinen Ängsten stellen, wie sie es ausdrückt. Welchen Bereich das bei ihr betrifft? "Ich kneife, wenn es darum geht bei Massenprügeleien einzuschreiten", sagt sie. Die Angst, miteinbezogen und verletzt zu werden, sei zu groß.

"Vor was kneifen? Dit mach' ich nich', nirgendwo", meint hingegen René Rülke in feinster Berliner Manier. Auch wenn es darum geht, anderen eine schmerzhafte Wahrheit ins Gesicht zu sagen? "Nö, haben doch Meinungsfreiheit hier. Ich sag', was ich denke", sagt der Berliner nach kurzer Bedenkzeit.

Auf der Internetseite präsentieren die "Nicht Kneifen"-Initiatoren eine Umfrage, wovor sich die meisten Menschen öfter mal drücken. Auf Platz eins mit 35 Prozent Zustimmung keine Überraschung: Jemandem sagen, dass man sich über ihn/sie geärgert hat. Unproblematisch scheint dagegen "offen die eigene politische Meinung zu vertreten" zu sein. Nur sieben Prozent gaben an, diese Situation zu vermeiden.

Quelle: n-tv.de