Mehr als BlutsbandeSind Wahlverwandtschaften die neue Familie?
Von Solveig Bach
Trotz hoher Scheidungsraten und wachsender Zweifel bleibt die Familie für viele ein Leitbild. Doch Freundschaften, Wahlverwandtschaften und geteilte Verantwortung ersetzen die klassische Familie immer öfter. Die aktuellen Krisen könnten diesen Trend noch verstärken.
In Deutschland werden etwa 35 bis 40 Prozent aller Ehen im Laufe der Zeit geschieden. Jedes fünfte Kind unter 18 Jahren wächst mit nur einem Elternteil auf. Trotzdem ist für die meisten Menschen die Familie noch immer die wichtigste und häufig auch die einzig vorstellbare Form des Zusammenlebens.
"Die Familie ist die gesellschaftliche Norm", sagt die Soziologin und Beziehungsberaterin Andrea Newerla ntv.de. "Menschen, die sich darin nicht wohlfühlen oder keine Familie gründen können, fühlen sich schnell unzulänglich oder gescheitert." Newerla ist überzeugt, dass sich Verbindlichkeit, Sicherheit und Geborgenheit auch außerhalb enger familiärer Bindungen finden lassen. In ihrem Buch "Wie Familie, nur besser", zeigt sie, wie neue Formen des Zusammenlebens aussehen könnten oder schon aussehen.
Dahinter steht nicht zuletzt die Einsicht, dass Familie auch ihre Tücken hat. Immer mehr Menschen setzen sich kritisch mit ihrer eigenen Herkunftsfamilie und den darin vermittelten Vorstellungen und Werten auseinander. Die durchschnittliche Ehedauer liegt bei 15 Jahren, die Wahrscheinlichkeit, dass man sein ganzes Leben in einer Partnerschaft verbringt, ist also nicht sehr hoch. Und es ist auch gar nicht so einfach, den einen Menschen zu finden, mit dem man gleichzeitig am liebsten Sex hat, Kinder aufzieht, den Einkauf abspricht und die Altersvorsorge plant. Gleichzeitig kommt die Anforderung, dass ein einziger Mensch im eigenen Leben die perfekte Antwort auf jede Frage sein muss, immer mehr Menschen wie eine Überforderung vor.
Freundschaften und Gemeinschaften
"Die Verschmelzung in einer romantischen Liebesbeziehung stimmt für viele heute so nicht mehr, trotzdem haben Menschen Sehnsucht nach Verbindung, wollen aber auch selbstbestimmt sein", sagt Newerla. "In unserer Gesellschaft gibt es keine Erzählung darüber, wie gemeinsame Verantwortung füreinander jenseits von Kleinfamilien aussehen kann." Dabei gibt es schon seit Jahrzehnten beispielsweise den Trend, dass langjährige Freundinnen oder Freunde ähnlich wertgeschätzt werden wie Familienmitglieder.
Noch falle es vielen schwer, den Wunsch nach mehr Verbindlichkeit und Verantwortung füreinander außerhalb von familiären Zusammenhängen auszusprechen. Viele Menschen hätten Angst, beispielsweise eine bestehende Freundschaft mit diesen Bedürfnissen zu überlasten. Dabei kann es schon für einen selbst inspirierend sein, darüber nachzudenken, welche Lebensbereiche man gern mit anderen teilen würde.
Newerla bringt dabei Wohnraum oder auch Geld ins Spiel. In einigen Fällen könnte das bedeuten, zusammenzuziehen und im Alltag füreinander zu sorgen. In anderen entschließt man sich vielleicht für die Installation eines Notfallfonds, den mehrere gemeinsam füllen und der in finanziell belastenden Situationen genutzt werden kann.
Die Erfahrung von Newerla ist, dass die Anfrage an Menschen, mit denen man sich gern enger verbinden würde, Mut braucht, aber oft auch erstaunlich kreative Lösungen entstehen. Es sei aber nicht zu unterschätzen, dass in den Leben jenseits traditioneller Muster vieles neu verhandelt und besprochen werden muss.
Antwort auf Krisen
Bei einigen geht es sogar so weit, dass sie sich entschließen, gemeinsam Kinder großzuziehen. Das kann beispielsweise so aussehen, dass eine Frau, die selbst keine Kinder bekommen möchte, bewusst Tante des Kindes der Freundin wird. Und zwar nicht nur mal auf dem Kindergeburtstag, sondern verbindlich und verlässlich im Alltag. Die eigene Partnerschaft ist davon unabhängig. "Dann hat jede einzelne Person ein besseres Netz, auch wenn sich eine Beziehung verändern oder wegbrechen sollte."
Noch müssen diese Konstrukte über notarielle Vereinbarungen oder Verträge abgesichert werden. Denn der Gesetzgeber kennt keine Sorgegemeinschaften außerhalb der Ehe, obwohl er bei Sozialleistungen Bedarfsgemeinschaften sieht. Die von der Ampel-Koalition geplante Verantwortungsgemeinschaft, in der bis zu sechs Erwachsene rechtlich füreinander Verantwortung hätten übernehmen können, ist schließlich nicht Gesetz geworden. Trotzdem suchen Menschen außerhalb von familiären oder Paarbeziehungen nach Möglichkeiten, füreinander zu sorgen, sich Werte zu vererben, Unterhaltsfragen und Fürsorge rechtlich zu klären.
Newerla sieht in diesen selbstkonstruierten "Familienbanden" viel mehr als nur die Suche nach mehr individuellem Wohlbefinden oder Glück. Egal, ob bei der Kinderbetreuung, der Pflege älterer Menschen oder einfach im Alltag, es fehle an Menschen, die sich umeinander kümmern. Demografische Prozesse verstärken dieses Problem noch und viele Frauen lehnen die soziale Norm, dass sie den größten Teil der Sorgearbeit leisten, zunehmend ab. "Wir brauchen auch gesellschaftlich unbedingt einen Diskurs darüber", sagt sie.
Wenn sich "Menschen auf Dauer angelegt zusammentun, fürsorglich, liebevoll, und zugewandt zueinander sind und ihre Leben gemeinsam planen", habe die Gesellschaft davon etwas. "Die aktuellen Krisen zeigen ja, es wird alles immer schwieriger und herausfordernder. Da braucht es einfach neue Zusammenschlüsse, die sich gegenseitig absichern und stützen können."
