Mit allen Höhen und Tiefen"Alters-WGs" werden als Co-Living wieder cool
Von Sabine Oelmann
Viele Frauen wollen, auch wenn sie älter sind, nicht allein leben, wenn ihr Lebensmensch gestorben ist oder sie verlassen hat. Sie wollen aber auch nicht unbedingt mit einem neuen Partner oder einer neuen Partnerin zusammenleben. "Co-Living" heißt das Zauberwort.
Nach dem Tod ihres Mannes machte sich Pat Dunn Sorgen, ob sie sich ein Leben allein leisten könnte. Deshalb wagte sie mit 70 Jahren etwas Ungewöhnliches: Sie gründete eine Facebook-Gruppe für ältere Frauen, die in einer ähnlichen Situation waren wie sie und eine Wohngemeinschaft suchten. Inspiriert wurde ihre Idee von der 80er-Jahre-Serie "Golden Girls". Sechs Jahre später lebt sie immer noch mit zwei Frauen zusammen, die sie dort kennengelernt hat.
Die von ihr gegründete Gruppe ist mittlerweile zu einer Gemeinschaft von 2000 Frauen in ganz Kanada angewachsen. Dunn leitet heute die gemeinnützige Organisation "Senior Women Living Together", die anderen Frauen hilft, ähnliche Wohnmöglichkeiten zu finden. "Es war einfach anstrengend, alles allein zu bewältigen", sagt sie der "BBC". "Ich wollte das Leben mit anderen teilen, mit allen Höhen und Tiefen." Im Zusammenleben mit ihren Mitbewohnerinnen dauerte es eine Weile - ungefähr vier Monate - bis sich alle aneinander gewöhnt hatten.
Das Wichtigste sei, total offen und ehrlich zueinander zu sein. "Niemand will sich in seinem Zuhause unwohl fühlen, deswegen ist es immer besser, auch die kleinste Sache sofort anzusprechen und aus der Welt zu schaffen", weiß Pat Dunn mittlerweile.
Fast wie in einer Studenten-WG
Auch Hanne Nuutinen hat etwas Ähnliches gemacht, sie gründete "La Joie Home Base". Ihr Unternehmen gibt es mittlerweile in Frankreich, Spanien, Italien und Marokko. Nuutinen schafft Co-Living-Spaces für Frauen über 50. Viele arbeiten noch, reisen, einige fangen auch etwas völlig Neues an. Die Frauen können ein paar Wochen bleiben oder auch Monate - es geht darum, dass sie den Alltag mit anderen Frauen teilen können, auch in anderen Ländern. Nuutinen ist es wichtig, dass die Frauen zueinanderpassen, deswegen führt sie diverse Video-Calls und Vorstellungsgespräche, um die Frauen langsam aneinander zu gewöhnen. "Es geht um gemeinsame Aktivitäten und Anschauungen", sagt Nuutinen, "das macht das Einziehen leichter."
Frauen, die diese Form der Wohngemeinschaft suchen, sagen, dass sie gegen ihre Einsamkeit vorgehen, Kosten sparen, sich gegenseitig unterstützen und neue Freundschaften aufbauen wollen. Mit einem klassischen Altersheim hat diese Wohnform erstmal nichts zu tun, obwohl man sich natürlich Hilfe holen kann. Vordergründig geht es nicht ums Versorgt werden, wegen des Alters oder der Gebrechlichkeit zieht keine in eine solche WG. Der Anspruch an diese Form der Gemeinschaft ist es, eine Form des neuen Zusammenlebens zu etablieren.
Sex ja, Socken hinterherräumen nein
Viele erinnern sich daran, wie es früher war, als man in einer Studenten-WG lebte oder sich eine Wohnung aus Kostengründen teilte. Sich zurückziehen, aber dennoch Kontakt haben zu können, wenn man es will, das ist der Sinn. "Nur mit weniger Chaos und Kiffen", sagt Helga, die seit Längerem darüber nachdenkt, mit Freundinnen eine WG zu gründen. "Und mit mehr Komfort", lacht sie. Mit einem Mann möchte sie nie wieder unter einem Dach leben, das hatte sie zur Genüge. "Ich habe Lust auf Reisen, Theater oder Kino, auf gemeinsames Essen - und Sex", erzählt sie ntv.de. "Aber ich möchte nie wieder kochen müssen, Männersocken einsammeln, waschen und auf den Trockner hängen, ich möchte niemanden pflegen und ich möchte auch sehr oft meine Ruhe haben oder machen, was ich will."
Ihren Kindern wollen die meisten Frauen, die zwischen 50 und 70 sind, nicht zur Last fallen. In Deutschland gibt es das "Serviceportal zuhause im Alter", hier kann man entweder nur mit Älteren oder im Generationenmix mit jungen und alten Menschen zusammenleben. Den Wohnprojekten liegt die Idee des selbstbestimmten, individuellen Wohnens bei gleichzeitiger Erfahrung von Gemeinschaftlichkeit zugrunde. Und das kann weit über das hinausgehen, was man von Nachbarschaftsverhältnissen oder sogar aus der Familie kennt.
Ich? Bin doch nicht alt!
Oft werden die Wohnprojekte selbst geplant und in Kooperation mit anderen Akteuren umgesetzt. Ähnlich wie in den WGs aus Studentenzeiten wird das gemeinschaftliche Zusammenleben selbst organisiert - nur eben mit mehr Erfahrung. Die Chance dieser Wohnformen besteht darin, dass man im Alter möglichst lange selbstständig wohnen kann und nicht allein ist.
Alt werden ist das eine - alt sein ist etwas anderes. Hans Wahl hat dazu in "Psychologie heute" bereits 2017 unter der Überschrift: "Was heißt hier alt?" geschrieben: "Unser Altern gestalten wir selbst. Wir haben heute eine deutlich höhere Lebenserwartung als noch vor einigen Jahren. Das hängt zum großen Teil von unserer Lebenseinstellung ab." Damit meint er, sich jung fühlende und positiv gegenüber ihrem Älterwerden eingestellte Menschen bleiben länger gesund und haben eine längere Lebenserwartung. "Deswegen sollten wir uns frühzeitig entscheiden, wie, wo und mit wem wir altern möchten." Fragen wie "Was sind meine Bedürfnisse?" und "Wo möchte ich leben?" stehen dabei an erster Stelle, sagt der Psychologe, Alternsforscher und Seniorprofessor des Netzwerks Alternsforschung der Universität Heidelberg.
Auch bei "bring-together" geht es darum, die Leute zu finden, die zu einem passen. Und nein, es müssen nicht immer nur Frauen sein, auch Männer suchen diese Form von Zusammenleben. Die Plattform verweist darauf, dass es sechs verschiedene Einflussfaktoren gibt, die in jeder Lebensphase und dem damit verbundenen Lebensmodell wirken: Wohnumfeld, soziale Kontakte, finanzieller Rückhalt, gesellschaftliche Prozesse (Lebensstil, Lebensbedingungen, Biografie) und individuelles Wohlbefinden. Wenn auf Instagram also vermehrt Werbung für "Tiny House im Alter" aufploppt, könnte man langsam damit anfangen, sich klarzumachen, ob es ruhig sein soll oder lieber trubelig, Stadt oder Land, jung oder alt, ausbrechen aus Gewohntem oder ob alles so bleiben soll, wie es ist.