Panorama

Lockerungen in der Corona-Krise So könnte der neue Alltag aussehen

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Masken in Geschäften tragen - in Österreich ist das schon Usus, für Deutschland wird es dringend empfohlen.

(Foto: imago images/Eibner Europa)

Bald öffnen in Deutschland wieder die ersten Läden und Geschäfte - doch mit dem gewohnten Alltag früherer Zeiten wird das noch nicht viel zu tun haben. Abstand halten, Maske tragen, Einlasskontrollen vor Geschäften - was zu erwarten ist.

In das großteils stillgelegte öffentliche Leben kommt ein bisschen Bewegung. Bald öffnen kleinere Läden, Buchhandlungen, Friseure und Autohändler, einige Schüler dürfen wieder in die Schulen. Aber der Alltag der Vor-Corona-Zeit ist damit noch lange nicht zurück. Die neue "Normalität" könnte lange andauern - bis es Medikamente oder einen Impfstoff gibt. Der Corona-Alltag wird geprägt sein von Mund-Nase-Schutzmasken, Abstand in Bussen und Bahnen, Warten vor Geschäften. Und manches ist auch noch unklar.

Einzelhandel: In den Innenstädten gibt es vorerst eine Grenze - die 800-Quadratmeter-Grenze. Denn nur bis zu dieser Verkaufsfläche dürfen ab Montag Geschäfte wieder öffnen, dies gilt unabhängig von der Fläche auch für Kfz-Händler, Fahrradhändler und Buchhandlungen. Viele Handelsketten vom Textildiscounter Kik über Deutschlands größten Schuhhändler Deichmann bis zum Marktführer im Buchhandel Thalia stehen in den Startlöchern, um möglichst bereits am Montag wieder zu öffnen. Doch das Einkaufserlebnis wird sich stark verändern, denn es gibt Auflagen: Wie bislang schon im Lebensmittelhandel werden auch beim Mode- oder Bücherkauf künftig Schutzmasken, Abstandsmarkierungen und Einlass-Kontrollen das Bild der Geschäfte prägen - um den Kundenstrom zu regulieren. Die Frage ist, ob die Auflagen eingehalten werden können - dies wird die Praxis zeigen. Und dass alle Läden, die nicht mehr als 800 Quadratmeter Verkaufsfläche haben, am Montag schon wieder öffnen, ist zweifelhaft. So will sich Deichmann noch nicht festlegen: "Konkretere Aussagen zu machen, ist im Moment noch schwierig, da die Vorgaben in den Bundesländern teilweise voneinander abweichen und es auch auf lokaler Ebene in einigen Fällen spezielle Regelungen gibt."

Friseure: Viele tragen derzeit "Corona-Matte" - oder haben selbst zu Schere oder Rasierer gegriffen. Ab dem 4. Mai sollen Salons wieder öffnen. Ohne körperliche Nähe geht es nicht. "Die Herausforderung wird natürlich sein, einen Mundschutz für Friseure und für Kunden bereitzustellen", sagt Jörg Müller, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks. "Wir werden außerdem sehen, dass Haarschnitte und andere Dienstleistungen nur am gewaschenen Haar durchgeführt werden können." Offen sei noch, ob zwischen den einzelnen Plätzen jeweils ein Stuhl frei bleiben müsse. Den Betrieben empfiehlt er Schichtbetrieb und längere Öffnungszeiten.

Schulen und Kitas: Bis zum 4. Mai sollen die Schulen - mit Ausnahmen - grundsätzlich geschlossen bleiben. Der Regelschulbetrieb soll dann schrittweise wieder aufgenommen werden, zuerst mit Abschlussklassen und Schülern, die im kommenden Jahr vor Prüfungen stehen, sowie den obersten Grundschulklassen. Viele Fragen aber sind noch offen. So soll noch ein genaues Konzept zu Hygienemaßnahmen, Schulbusbetrieb, Pausenzeiten oder Gruppenaufteilung erarbeitet werden. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, sagt, man erwarte von den Kommunen die "Nachrüstung von Toiletten- und Waschanlagen, Desinfektionsspendern und enger getaktete Reinigungszyklen".

Und wie sieht dann der Unterricht aus? Lehrerverbandspräsident Meidinger fordert "Corona-Hausordnungen". Die Aufstellung kleinerer Gruppen sei zunächst räumlich und vom Lehrpersonal her möglich. "Je mehr Klassen zurückkehren, desto schwieriger wird es." Dann müsse das Unterrichtsvolumen halbiert werden: "Die große Mehrzahl der Schüler wird noch lange darauf warten müssen, wieder in die Schule zu gehen." Kitas bleiben vorerst weiter geschlossen. Die Kinder-Notbetreuung soll aber ausgeweitet werden. Auf welche Berufsgruppen genau, wollen Bund und Länder am Freitag besprechen. Letztlich bleibt dies Sache der Bundesländer. In einigen zeichnet sich schon ab, was kommt: Kinder von Alleinerziehenden etwa sollen betreut werden oder die von Lehrern und Verkäufern im Einzelhandel.

Busse und Bahnen: Eine Maskenpflicht gibt es vorerst nicht - aber eine "dringende Empfehlung" von Bund und Ländern, dass Fahrgäste in Bussen und Bahnen eine "Alltagsmaske" tragen. Die Verkehrsbetriebe wollen Informationen aushängen, Durchsagen machen und digitale Kanäle nutzen, um Kunden zu informieren. Halten sich aber alle Fahrgäste daran? Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) setzt auf die Vernunft: "Wir bitten die Kundinnen und Kunden zum Beispiel vielerorts, sich in den Fahrzeugen zu verteilen, nicht kurz vor knapp zur Haltestelle zu kommen und mehr Zeit einzuplanen", sagt Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff. Behörden sollten aber etwa Unterrichtszeiten staffeln, um die Nachfrage im Verkehr zu Spitzenzeiten besser zu verteilen. Doch sind überhaupt genügend Masken vorhanden? Verkehrsminister Andreas Scheuer hat Zweifel: "Wir haben 30 Millionen Fahrgäste im ÖPNV, wenn Normalbetrieb ist", sagte er in der ARD. "Deswegen müssen wir erst die Beschaffung sicherstellen."

Infektionsketten und Spurensuche: Eine wichtige Voraussetzung aller Lockerungen ist, Infektionsketten ausfindig zu machen und Betroffene dann auch testen zu können. Die Spurensuche sollen die Gesundheitsämter vor Ort machen und dafür personelle Verstärkung bekommen - in Bayern zum Beispiel mit 4000 Extra-Kräften, die dafür geschult werden. "Benötigt wird eine Task-Force in den Gesundheitsämtern, die sich ausschließlich um die Testverfahren und um die Ermittlung von Kontaktpersonen kümmert", heißt es beim Deutschen Städte- und Gemeindebund. Das müsse auch nicht unbedingt ärztliches Personal sein - dazukommen könnten Behördenmitarbeiter, die gerade wegen der Krise weniger zu tun haben.

Daneben sollten Corona-Tests ausgebaut werden, betonen Mediziner. Ärzte und Pflegekräfte müssten sehr viel häufiger getestet werden, forderte der Verband Marburger Bund. So sei zu erkennen, wer in Kliniken und anderen Einrichtungen infiziert sei und ausfalle. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) regte an, im ambulanten Bereich ein "zweigliedriges" System zu schaffen, das Corona-Fälle und die Behandlung sonstiger Erkrankungen trennt - auf Dauer nicht mit separaten Corona-Testzentren, sondern etwa in "Infektsprechstunden".

Quelle: ntv.de, Andreas Hoenig, Matthias Arnold, Sascha Meyer, Erich Reimann, Jörg Ratzsch, Teresa Dapp, dpa