Panorama

Gefahr durch Corona "mäßig" Spahn lehnt Grenzschließungen ab

Das Robert-Koch-Institut setzt seine Bewertung zur Gefahrenlage im Bezug auf das Coronavirus herauf. Dennoch spricht sich Gesundheitsminister Spahn gegen die Schließung von Grenzen aus. Die EU hingegen hält das Risiko für eine Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus mittlerweile für "hoch".

Die Zahl der Corona-Fälle hat sich in Deutschland über das Wochenende mehr als verdoppelt. Mittlerweile gebe es 150 Infizierte in zehn Bundesländern, sagte Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Jens Spahn in Berlin. Die Bundesbehörde setzte somit die Bewertung der Gesundheitsgefahren durch das neue Virus für die Bevölkerung leicht herauf. Die Risikoeinschätzung sei dementsprechend auf "mäßig" gestellt worden. Bisher wurde sie als "gering bis mäßig" eingestuft.

Wieler bekräftigte, die Lage sei weiterhin sehr dynamisch und müsse jeden Tag neu bewertet werden. Insgesamt gebe es zu der von China ausgehenden Erkrankung nach wie vor nicht genügend Daten, um die Schwere einzuschätzen, sagte Wieler. Außerhalb Chinas seien inzwischen 64 Länder betroffen, und zwar mit 8898 Fällen, darunter mindestens 285 mit schweren Krankheitsverläufen.

Die EU hält das Risiko für eine Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus in Europa nun für "hoch". Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) habe das Risikoniveau von "mittel auf hoch" gesetzt, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. "Mit anderen Worten: Das Virus breitet sich weiter aus."

Spahn will Grenzen offen halten

Dennoch hält Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eine Schließung von Grenzen weiter nicht für nötig. Auch die Absage von Großveranstaltungen oder die Schließung von Unternehmen sei nicht generell ratsam, sagte Spahn. Dies sei weiterhin nicht verhältnismäßig und angemessen.

Grenzschließungen hätten massive Auswirkungen. Auch gegen eine Einstellung von Direktflügen zwischen China und Deutschland wandte sich Spahn. Ein solcher Schritt könne dazu führen, dass bis zu 30.000 Deutsche aus China ausgeflogen werden müssten. Bei Firmen und Veranstaltungen zähle immer der Einzelfall. "Jedes Unternehmen muss es bewerten", sagte Spahn. Es mache einen Unterschied, ob ein Betrieb lediglich regional tätig sei oder in einen internationalen Konzern regelmäßig Mitarbeiter aus dem Ausland kämen.

Für Großveranstaltungen gelten laut Spahn unter anderem folgende Parameter: "Wie ist der Teilnehmerkreis? Sind Teilnehmer aus Risikogebieten dabei? (...) Oder sind keine dabei?" Auch die Frage, wie die Belüftung geplant sei, sei wichtig. Statt eine Veranstaltung abzusagen, könnten auch Auflagen gemacht werden. Nur die Gesundheitsbehörden vor Ort könnten dann entscheiden. Auch Hygieneexpertin Petra Gastmeier von der Charité betonte, ein Rockkonzert, wo die Menschen enger zusammen stünden, sei etwas anderes als beispielsweise ein Parteitag.

"Alltag ein Stück eingeschränkt"

"An bestimmten Stellen in Deutschland wird der Alltag ein Stück eingeschränkt sein müssen", sagte Spahn etwa mit Blick auf Schulschließungen. Es gelte, die Virus-Ausbreitung zu verlangsamen, einzudämmen und damit für den einzelnen, aber auch für die gesamte Gesellschaft besser handelbar zu machen. Spahn verteidigte, dass beispielsweise nicht der Karneval in Deutschland pauschal abgesagt worden sei. Er verwies auf die damals geringe Zahl von Infektionen und nachvollziehbare Infektionsketten.

Zurzeit sei es unmöglich zu sagen, wie gefährlich das Virus ist, betonte Virologe Christian Drosten. In den sozialen Medien gebe es "viel Drama". Tatsächlich sei nach seiner Einschätzung die Lungenkrankheit allerdings eine "eher milde Erkrankung, die im Prinzip für die Meisten kein Problem darstellt", sagte Drosten.

Ihn beschäftigt die Frage, wie viele sich infizieren werden und über welchen Zeitraum. Den Zahlen zufolge infizierten sich fünf bis zehn Prozent der Menschen, die mit einem Erkrankten in Kontakt kommen. "Somit dehnt sich das Coronavirus langsamer aus als Influenza-Pandemien", so Drosten. Eine sogenannte Bevölkerungsimmunität sei erreicht, wenn sich 70 Prozent infiziert haben. Damit würde eine Pandemie gestoppt werden.

Lauterbach fordert breite Virentests

Der SPD-Gesundheitspolitiker und Mediziner Karl Lauterbach sprach sich unterdessen dafür aus, mehr Menschen auf das neuartige Coronavirus zu testen, um Risiken besser abschätzen zu können. "Wir haben noch kein gutes Gefühl dafür, wie weit das Virus zum jetzigen Zeitpunkt verbreitet ist in Deutschland", sagte Lauterbach im Deutschlandfunk.

Corona-Fälle, die heute anhand von Symptomen festgestellt würden, seien vor einer Woche oder vor zwei Wochen entstanden. Daher müsse man "mehr spontan testen", sagte Lauterbach. Derzeit sei Deutschland in einer "kritischen Phase", die Absage von Großveranstaltungen sei zum jetzigen Zeitpunkt "sehr wichtig", betonte er.

Mit Sorge sieht Lauterbach die Verfügbarkeit von Pflegekräften. "Der Mangel an hoch qualifiziertem Pflegepersonal insbesondere in der Intensivpflege ist das Nummer-eins-Problem, wenn die Epidemie sich wirklich stark ausbreiten würde in Deutschland", sagte Lauterbach.

Quelle: ntv.de, hny/dpa

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