Panorama

Die schmerzhafte Wahrheit Spaniens gestohlene Kinder

Isabel Santos

Isabel Santos dachte, sie hätte einen Sohn geboren. Doch es war ein Mädchen, das ihr weggenommen worden ist.

(Foto: Marcel Grzanna)

Die Aufarbeitung von Tausenden Kindesentführungen in Spanien verläuft schleppend. Opfer vermuten einflussreiche Familien als Drahtzieher und Kunden einer grausamen Praxis, die bis die 1990er-Jahre reichte.

Der Duft frischer Blumen wabert über dem Wohnzimmertisch von Isabel Santos. Zwischen die Familienfotos hat sie ein Bild von Jesus Christus platziert. Der Glaube an den Erlöser hat sie in all den Jahrzehnten nie verlassen, auch wenn die 81-Jährige durch die Hölle gegangen ist. Damals, als Spanien noch fest im Griff der Militärdiktatur um General Franco steckte, raubten sie Isabel Santos das Kind und gaben es einer anderen Familie. Es war kein Überfall auf offener Straße oder ein nächtlicher Einbruch in die Wohnung. Es war eine perfide Entführung, die wohl von staatlichen Stellen gesteuert und verschleiert wurde.

Isabel Santos war 26 Jahre alt, als sie 1963 per Kaiserschnitt in einer Klinik im andalusischen Málaga ihr erstes Kind gebar. Einen Jungen, wie man ihr später sagte. Gleich nach der Geburt nahm eine der Schwestern das Baby an sich und verschwand. Kurz darauf die grausame Nachricht: Der Säugling sei mit Fehlbildungen auf die Welt gekommen und gestorben. Die Mutter hatte es nicht einmal mehr umarmen können.

Gehorsam auch in der Klinik

Zwar hämmerte in ihrem Kopf unaufhörlich diese eine Frage: Wie kann das sein? Aber sie stellte den Tod des Kindes nicht infrage. Als junge Frau, die in einer Diktatur groß geworden war, hatte sie es sich angeeignet, gehorsam zu sein. Die Klinik verwehrte Isabel Santos sogar einen letzten Blick auf ihr Kind. Auch die Entscheidung, wie es begraben werden sollte, traf die Klinik für sie. Man würde das Neugeborene einfach mit in den Sarg des nächsten Todesfalls legen, sagte man der Mutter, für die eine Welt zusammenbrach.

Mehr als 40 Jahre lang glaubte Isabel Santos, ihr Junge sei tot. Heute weiß sie: Sie gebar damals keinen Jungen, sondern ein Mädchen und mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit verließ dieses Kind das Krankenhaus lebend. Das falsche Geschlecht nannte man ihr wohl, um eine falsche Fährte zu legen. Für die leibliche Mutter macht diese Vorstellung den Verlust ihrer Tochter noch unerträglicher. "Es macht mich verrückt, zu wissen, dass mein Kind lebt", sagt sie. Der Schmerz ist heute so groß, dass sie ihre Worte verschluckt und ihre Tränen unterdrücken muss. "Ich will doch, dass sie weiß, dass ich ihr meine Liebe schenken und sie behalten wollte", sagt Santos. Ob ihre Tochter überhaupt weiß, dass sie adoptiert wurde, bleibt ungewiss.

2011 war der Skandal um die gestohlenen Kinder in Spanien losgetreten worden. Die Parallelen jener Fälle, von den öffentlich plötzlich die Rede war, zu ihren eigenen Erlebnissen erschütterten Isabel Santos in Mark und Bein. Sie begann nachzuforschen. Die Dokumente bestätigen die Geburt eines Mädchens. Sie attestieren Santos auch eine schwere Fiebererkrankung während der Schwangerschaft, die schließlich die vermeintlichen Fehlbildungen provoziert hätten. Tatsächlich aber war die Mutter während der Schwangerschaft kerngesund. Ein Dokument, das den Tod des Kindes bescheinigt, gibt es hingegen nicht.

Moralische Säuberung der Gesellschaft

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Mari Cruz in S.O.S Büro Madrid.

(Foto: Marcel Grzanna)

Die schmerzhafte Wahrheit für Spanien ist, dass über viele Jahrzehnte Tausende, manche sagen Hunderttausende Kinder ihren leiblichen Eltern entrissen wurden. Bis zu Francos Tod im Jahr 1976 ging es dabei vor allem um eine "ideologische und moralische Säuberung" der Gesellschaft. Regimetreue Paare, die nicht schwanger werden konnten, sollten die Möglichkeit bekommen, Kinder im Geiste der Diktatur heranzuziehen. Andersdenkenden oder schwangeren Müttern ohne Trauschein sollten sie weggenommen werden.

Zu Wochenbeginn endete in Madrid der erste Prozess gegen einen der in den Skandal verwickelten Ärzte. Der 85-jährige Eduardo Vela wurde von den Richtern schuldig gesprochen. Doch bestraft wurde er nicht, weil die Taten zu viele Jahre zurückliegen und verjährt sind, argumentierte das Gericht. Die neue sozialistische Regierung will versuchen, eine Verjährung zu verhindern. Eine neue Abteilung im Justizministerium trägt den Namen "Historisches Gedächtnis" und soll die Aufarbeitung vorantreiben. In vielen Fällen aber kommt die Initiative zu spät, weil die Mütter der Kinder bereits verstorben sind.

Doch auch nach dem Übergang in die Demokratie gingen die Verbrechen weiter. Ärzte, Anwälte und Geistliche sollen bis in die 1990er-Jahre hinein viel Geld verdient haben mit der Praxis. Mari Cruz zählt zu den Frauen, die nach Francos Tod Opfer eines solchen Verbrechen wurde. Ihr Sohn kam 1980 einige Wochen zu früh auf die Welt. Täglich besuchte sie das Kind und schaute stundenlang durch die Scheibe nach ihm, bis er eines Tages fort war. Angeblich verstorben. Nur gegen eine hohe Geldzahlung war das Krankenhaus bereit, der Familie das Kind noch einmal zu zeigen. Ein zynischer Akt, weil den Verantwortlichen klar war, dass die Familie nicht zahlen konnte. Schon damals wollte Cruz nicht glauben, was man ihr sagte. Sie klapperte alle Friedhöfe der Umgebung ab. Nie fand sie ein Grab, in dem ihr Junge beerdigt sein könnte. Wo ihr Sohn heute ist, weiß sie nicht.

Opfer helfen sich gegenseitig

Ihrer Wut und Trauer verschafft sie heute etwas Luft, indem sie sich im Opferverband S.O.S Bebes robados engagiert, der eine eigene DNA-Bank eingerichtet hat, rechtliche Unterstützung bietet und Anleitungen gibt, wie betroffene Familien einem Verdacht nachgehen können. Die 59-Jährige hat zwei weitere Kinder geboren. "Aber das ändert nichts an dem Schmerz", sagt sie, als sie vor einer Pinnwand in dem S.O.S.-Büro in Madrid steht, an dem für jeden dokumentierten Fall ein Papierschnuller angebracht wird. Darauf stehen die Namen der Kinder, die Tage der Geburt und das Krankenhaus, indem sie verschwanden.

Cruz hofft bis heute auf Gerechtigkeit. Aber sie sieht die Sache auch sehr nüchtern. "Da haben viele Leute viel Geld bezahlt für die illegale Adoption von Neugeborenen. Das sind einflussreiche Leute und die stecken alle unter einer Decke. Die wollen nicht, dass irgendetwas ans Licht kommt. Das macht es alles nicht einfacher."

Quelle: n-tv.de