Panorama

Luftfahrtexperte im Interview "Suche nach Ursache wird Monate dauern"

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(Foto: dpa)

Luftfahrtexperten stehen vor einem Rätsel: Warum stürzte die Airbus A320 der Germanwings in Frankreich ab? Bisher gibt es wenige Anhaltspunkte: Weder Flugzeugtyp noch Airline sind bisher negativ in Erscheinung getreten, sagt der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt.

n-tv: Gibt es zu diesem Zeitpunkt irgendwelche Spekulationen zur Absturzursache? Kann man überhaupt schon spekulieren?

Heinrich Großbongardt: Nein, man kann zur Absturzursache im Augenblick wenig bis nichts sagen. Es ist aber auffällig und ungewöhnlich, dass bei gutem Wetter ein Flugzeug wie diese A320 in der Reiseflugphase abstürzt. Die Auswertung von Radardaten über eine Webseite, die darauf spezialisiert ist, zeigt, dass das Flugzeug schnell an Höhe verloren hat. Das deutet zusammen mit dem Mayday-Ruf der Besatzung darauf hin, dass es vielleicht, mit aller Vorsicht, eine technische Ursache gegeben hat. Was das aber im Einzelnen ist, da gibt es überhaupt keinen Hinweis. Da kann man zurzeit gar nichts sagen. [Anmerkung der Redaktion: Nachdem dieses Interview geführt worden war, teilte die französische Flugaufsicht mit, dass von dem Flugzeug - anders als vorher gemeldet - kein Notruf abgesetzt worden sei. Stattdessen hätten die Fluglotsen eine Notsituation erklärt.]

Wir hören, dass das Flugzeug nicht rapide abgestürzt, sondern langsam ins Schlingern geraten sein soll. Spricht das auch für ein technisches Problem?

Das muss man jetzt abwarten. Ich lese aus diesen Radardaten, die ich gesehen habe, nur, dass das Flugzeug über einen Zeitraum von um die zehn Minuten Höhe verloren hat, von etwas über 7000 Metern bis zum Absturz. Was dahintersteckt, kann man zurzeit überhaupt nicht sagen. Da müssen wir wirklich warten, bis es da erste offizielle Informationen gibt.

Bei der Maschine handelt es sich um einen A320. Können Sie uns etwas zu der Maschine sagen und ob da in der Vergangenheit auch schon Dinge vorgefallen sind?

Die A 320 ist sicherlich der Stolz und der Bestseller von Airbus und mit über 10.000 Bestellungen, mit über 6000 ausgelieferten Flugzeugen auch der Bestseller in diesem Segment. Die erste Auslieferung war 1988. Dass es in der Zeit Abstürze und Unfälle gegeben hat, ist nicht weiter verwunderlich. Aber wenn man sich den Safety Record ansieht, wenn man sich die Statistik ansieht, wie viele Unfälle es pro eine Million Flugbewegungen gegeben hat - das ist die übliche Betrachtungsweise -, dann liegt die A320 ganz hervorragend. Am Flugzeug liegt es grundsätzlich auf keinen Fall.

Sie haben schon gesagt: Ein Unfall auf Reiseflughöhe ist ausgesprochen ungewöhnlich. Was für ein technischer Defekt könnte denn zu so einem Unfall führen?

Ganz ehrlich - da fehlt mir zurzeit wirklich die Fantasie, mir das vorzustellen, was das sein könnte.

Das heißt, es hat in der Vergangenheit einen ähnlichen Fall nicht gegeben?

Einen ähnlichen Fall mit einer A 320 ist mir nicht erinnerlich, nein. Überhaupt nicht. Auch der jüngste Absturz in Indonesien war unter völlig anderen Bedingungen, das ist überhaupt nicht zu vergleichen. Da kann man keine Parallelen ziehen.

Germanwings ist eine Lufthansa-Tochter. Wie ungewöhnlich ist dieses Unglück für eine so renommierte Fluggesellschaft wie Lufthansa?

Zum Glück sehr ungewöhnlich. Die Lufthansa hat, was Flugsicherheit angeht, eine weiße Weste, gehört international ohne Zweifel zur Spitze. Durch eine gute Ausbildung der Piloten, durch eine gute Wartung, durch all die organisatorischen Vorkehrungen, die man treffen kann, die eben auch für Germanwings gelten. Da gibt es überhaupt keinen Ansatzpunkt, zu sagen, Lufthansa ist schuld oder Airbus ist schuld. Wir müssen abwarten, was passiert ist. Dann wird die Suche nach der Kernursache, nach dem, was über mehrere Stufen zu diesem Absturz geführt hat, am Ende mehrere Monate dauern, ganz sicher.

Die Piloten auf solchen Maschinen werden doch auch ausgebildet für technische Probleme, sie üben doch auch immer wieder solche Notfälle, oder?

Ja. Die Beherrschung des Flugzeugs und das Verständnis der technischen Systeme bedingen einander und sind Teil der Ausbildung. Andererseits muss man natürlich sagen, ein Flugzeug ist eine sehr komplexe technische Maschine, bei der man auch als Pilot nicht alles verstehen muss. Aber gute Piloten wissen schon sehr viel, wissen, was technisch passiert und können, selbst wenn technische Systeme ausfallen, das händeln. Zumal: Alle technischen Systeme, alles, was wichtig ist, ist doppelt, dreifach, teilweise vierfach vorhanden. Wenn eins ausfällt, bleibt immer noch was anderes übrig, das die Aufgabe vollständig übernehmen kann.

Mit Heinrich Großbongardt sprachen Annette Eimermacher und Christiane Stein

Quelle: n-tv.de