Panorama

Strafmaß für Pistorius Südafrika fürchtet Masipas Milde

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Pistorius ist der fahrlässigen Tötung schuldig.

(Foto: dpa)

Kommt Oscar Pistorius mit Hausarrest davon? Nach dem überraschenden Urteilsspruch der fahrlässigen Tötung glauben viele Südafrikaner, Richterin Masipa könnte eine milde Strafe ansetzen. Rechtsexperten fürchten einen Schaden für das Rechtssystem, Bürger drohen mit Protest.

In Südafrika wird in dieser Woche der 24 Stunden Oscar Pistorius Trial Channel wiedererweckt. Pop-up/Pop-down Fernsehen nennt man das hier. Auf- und abtauchen – senden oder nicht senden, je nach Verhandlungstermin. Von Montag bis Donnerstag tagt das North Gauteng High Court in Pretoria wieder im Fall Oscar Pistorius.

Es ist die vorläufig wohl letzte Runde, in der das Gericht für den der fahrlässigen Tötung schuldig befundenen Weltstar ein Strafmaß verhandeln und festsetzen soll. Bewährung bis hin zu einer langjährigen Haftstrafe - alles ist möglich und liegt komplett im Ermessen von Richterin Thokozile Masipa. Südafrikas Bevölkerung schaut diesmal nicht weniger interessiert, dafür aber sichtlich enttäuscht zu. Eine Entscheidung wird es wohl vor Donnerstag nicht geben.

"Wenn er jetzt auch ohne eine Haftstrafe davonkommt, wird die Entrüstung in der Bevölkerung riesig sein", sagt Deniel Sauls. Die junge Graphik-Designerin arbeitet in einer der Top-PR-Agenturen in der Metropole Johannesburg und hat den Prozess gegen das einstige Sportidol Oscar Pistorius genau verfolgt. "Meine Kollegen nennen mich nur noch 'My Lady', weil ich alles über den Fall weiß", sagt sie lachend. Südafrika ist zum Volk juristischer Halbexperten mutiert. Das ist die offensichtlichste Folge der ersten Live-Übertragung eines Gerichtsfalles am Kap von Afrika.

Ein Schaden für das Rechtswesen

Anfangs überraschte es Zuschauer noch, dass im Gericht alle Aussagen mit "My Lady", an Richterin Masipa gewandt, begannen. Jetzt gehört es zum hippen Alltags-Jargon. "Sogar Kunden richten sich in E-Mails mit 'My Lady' an mich", berichtet Sauls. "Wenn Oscar Pistorius nicht ins Gefängnis geht, dann gibt es in den sozialen Medien eine Explosion. Und ich fürchte, er kommt mit Hausarrest davon. Ruhm, Macht und Geld, nur darum geht es hier."

Das Urteil von Richterin Masipa, in dem sie Oscar Pistorius nicht des Mordes, sondern der fahrlässigen Tötung an seiner Freundin Reeva Steenkamp schuldig befand, ist nicht nur in Südafrika, sondern auch auf internationaler Bühne heftig kritisiert worden. Aber in Südafrika muss man damit leben. "Sie hat unserem Rechtssystem Schaden zugefügt", sagt Professor James Grant von der Law School der Witts University in Johannesburg. "Der Schaden ist zwar begrenzt, immerhin es ist nur eine Entscheidung des High Court, vergleichbar mit dem deutschen Oberlandesgericht, und sie kann in höheren Instanzen korrigiert werden, aber die Verwirrung ist jetzt groß."

Viele von Grants Kollegen sind der Meinung, Pistorius könnte tatsächlich von einer Haftstrafe verschont bleiben. "Oscar Pistorius wurde schuldig befunden, fahrlässig gehandelt zu haben. Unser Recht behandelt eine Person, die fahrlässig handelt ganz anders als jemanden, der vorsätzlich eine Straftat begeht. Auch deshalb wird ihn die Richterin milder bestrafen", sagt Strafrechtler Martin Hood. Doch Professor Grant sieht das anders. "Alles hängt davon ab, ob Richterin Masipa den Tod von Reeva Steenkamp als eine menschliche Tragödie oder eine schwer fahrlässige Handlung einschätzt."

Eine klare Botschaft an Waffenbesitzer?

Bei fahrlässiger Tötung liegt das Strafmaß laut südafrikanischem Recht ganz im Ermessen des Richters. Ein Höchstmaß ist nicht festgelegt, die Richter orientieren sich lediglich an dem festgesetzten Strafmaß für schwerwiegendere Vergehen wie Mord, wo das Strafmaß zwischen 15 Jahren und lebenslang liegt. Es gibt aber durchaus Fälle in Südafrika, in denen der fahrlässigen Tötung Schuldige zu Haftstrafen von über 15 Jahre verurteilt wurden.

Grant hofft Richterin Masipa wird mit dem Strafmaß für Oscar Pistorius eine klare Botschaft an die vielen Waffenbesitzer in diesem Land schicken. Denn der regelwidrige und Cowboy-ähnliche Umgang mit seinen Waffen ist Oscar Pistorius in diesem Prozess ohne Frage nachgewiesen worden. "Ich rechne mit einer Haftstrafe von fünf bis acht Jahren", sagt Professor Grant. "Ein Teil davon wird wahrscheinlich zur Bewährung ausgesetzt."

Auch deshalb verfolgen Waffenbesitzer in Südafrika diesen Prozess genau. Je nach Strafmaß-Festsetzung könnte er neue Türen für sie öffnen. Esther Gous und ihr Mann Hannes besitzen eine Schießanlage in Pretoria. Schon allein die Location verrät eine Menge über die Rolle, die Waffen in diesem Teil Südafrikas spielen. Die Anlage der Gous' ist in der Tiefgarage eines großen Einkaufzentrums angesiedelt. Jeder Schuss schallt laut durch die Parkanlage, aber stören tut das niemanden.

"Das sollte Folgen haben"

"Sprechen Sie mich bloß nicht über diesen Pistorius-Fall an", sagt Hannes Gous genervt. "Ich bin so sauer über das Urteil. Ich kann Ihnen gar nicht sagen wie sauer." Die Gous' sind staatlich anerkannte Ausbilder. Wer einen Waffenschein haben will, kommt für die praktische und theoretische Prüfung zu ihnen. "Das Urteil widerspricht allem, was ich hier meinen Schülern tagtäglich beibringen muss", sagt Esther Gous. "Wir haben ein neues Schusswaffengesetz. Demnach darf man nicht auf eine geschlossene Tür schießen, weil man glaubt, ein Einbrecher verstecke sich dahinter." Das neue Schusswaffengesetz ist besonders unter Mittelklasse-Weißen sehr umstritten, da es ihrer Meinung nach die Verteidigung gegen Einbrecher auf dem eigenen Grundstück unverhältnismäßig erschwert.

Natürlich spielt in diesem Zusammenhang die hohe Kriminalitätsrate in dem afrikanischen Land immer wieder eine Rolle. Doch die neue Rechtslage soll "gang-ho"-Selbstjustiz verhindern und dies sicherlich zu recht. "Jetzt wird hier viel geredet", sagt Esther Gous. "Das hat schlechte Folgen. Die Leute denken: Pistorius ist davon gekommen, das heißt, wir können jeden erschießen, der in unser Haus kommt. Auch wenn er keine Waffe dabei hat oder ich ihn noch nicht einmal gesehen habe." Esther und Hannes Gous finden das extrem gefährlich.

Oscar Pistorius war einmal mit Freunden auf ihrer Schießanlage, und sie mochten ihn nicht. "Tatsache ist, er hat Reeva getötet, und das sollte Folgen haben. Wenn er ohne Haftstrafe davon kommt, ist das nicht richtig." Neben der Kasse, wo die Preislisten für AK47 und Munition in fein säuberlicher Handschrift ausgelegt sind, haben die Gous' seit Prozessbeginn einen Fernseher aufgestellt. Am Montagmorgen wird er wieder angestellt. Pop-up Channel, genau verfolgt auf der Schießanlage, in der PR-Agentur und weit über Südafrika hinaus.

Quelle: ntv.de

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