Panorama

Keineswegs immun Südafrika wird zum Corona-Epizentrum

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Eine Frau steht mit Atemmaske an eine Supermarktkasse in Johannesburg - dort droht das Virus eine Katastrophe auszulösen.

(Foto: dpa)

Lange witzelten Menschen in Afrika noch darüber, dass sie gegen Sars-Cov-2 immun seien. Nun steigen unter anderem in Südafrika die Ansteckungszahlen rasant. Ein schlechtes Gesundheitssystem und ein schwacher Staat machen den Kampf gegen das Virus schwer.

Südafrika steht unter Schock. Gesundheitsminister und Arzt Zweli Mkhize gibt jeden Morgen die neuen Infektionszahlen bekannt. Sie steigen rasant. Vor 14 Tagen wurde der erste südafrikanische Covid-19-Fall diagnostiziert, heute sind es schon 240 und über 1000 auf dem gesamten afrikanischen Kontinent.

Südafrika ist das Epizentrum der nun täglich wachsenden Coronavirus-Verbreitung in Afrika. Vor zwei Wochen noch erzählte man sich hier Corona-Witze über die "afrikanische Immunität". Jetzt sind alle südafrikanischen Schulen geschlossen, elf Millionen Kinder zu Hause. Präsident Cyril Ramaphosa hat den Katastrophenfall ausgerufen und die Einreise für von dem neuartigen Coronavirus besonders betroffene Nationen wie China, Italien, die USA und auch Deutschland strikt reguliert. Die Tourismusbranche liegt am Boden, und Südafrikas Währung, der Rand, verzeichnet bisher unbekannte Niedrigstände. Die gute Nachricht: Keiner der in Südafrika Infizierten befindet sich bisher in einem lebensbedrohlichen Zustand.

Richtig beunruhigt hat die Nation am Kap jedoch Gesundheitsminister Mikhizes ehrliche Prognose für die 59 Millionen Einwohner Nation: "60 bis 70 Prozent der Südafrikaner werden sich mit Covid-19 infizieren", sagt er. Was aus deutscher Sicht längst Allgemeinwissen ist, kommt in den meisten afrikanischen Ländern gerade erst langsam in den Köpfen der Bevölkerung an. Das Virus hat sich auf dem afrikanischen Kontinent sehr viel langsamer verbreitet als in Asien und Europa. Das Ausmaß könnte allerdings auf lange Sicht wesentlich größer sein. Covid-19 in Afrika ist ein ganz anderes Paar Schuhe.

HIV-Infizierte als Risikogruppe

Subsahara-Afrika hat einen großen Vorteil, der den Verlauf der Epidemie vielleicht erleichtern könnte. Ein Durchschnittsalter von nur 20 Jahren, das niedrigste der Welt. Nur drei Prozent der Bevölkerung in Subsahara-Afrika sind älter als 65 Jahre. In China sind es zum Vergleich zwölf Prozent.

Ansonsten ist die Lage eher ernüchternd, auch in Südafrika, der führenden Wirtschaftsnation des Kontinents. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt in einfachen Häusern aus Metall oder Lehm, viele ohne Zugang zu fließend Wasser, eng an eng. Und das Gesundheitssystem ist gelinde gesagt nicht adäquat für Covid-19 ausgestattet.

Zudem leben in Südafrika weltweit die meisten HIV-infizierten Menschen, ungefähr 7,7 Millionen. Circa 60 Prozent derer leiden auch an Tuberkulose, einer bakteriellen Lungenerkrankung. Bisher weiß man nur wenig über den Verlauf von Covid-19 in HIV- und TB-Patienten. Sicher ist nur, dass das Virus besonders die Lungen angreift. In Europa, Asien und Nordamerika gelten ältere und gesundheitlich geschwächte Patienten als größte Risikogruppe. Vorerkrankungen und ein geschwächtes Immunsystem sind offensichtlich ausschlaggebend für den Verlauf der Krankheit.

In Südafrika könnte das anders sein. "HIV-Patienten, die nicht mit antiretroviralen Medikamenten behandelt werden, sind einem großen Risiko ausgesetzt, weil ihr Immunsystem schwach ist", sagt Abdool Karim, Direktor des Centre for Aids Programme of Research in Südafrika. "Wir werden wahrscheinlich erleben, dass die Sterberate junger HIV-Infizierter mit einem niedrigen CD4 Wert, ähnlich hoch ist wie die 60 und 70 jähriger Patienten." Karim, der auch eine Professur an der Columbia Universität innehat, sagt jedoch auch, HIV-Patienten, die regelmäßig antiretrovirale Medikamente einnehmen, seien demselben Infektionsrisiko ausgesetzt wie alle anderen Menschen.

Erst 6500 durchgeführte Tests

In Südafrika ächzen die Krankenhäuser schon jetzt unter dem hohen Aufkommen von Coronavirus-Tests. Dabei wurden bisher erst knapp 6500 durchgeführt. Medizinisches Personal in den drei südafrikanischen Provinzen Mpumalanga, Freestate und dem Westkap beklagt schon heute einen gefährlichen Mangel an Schutzmasken und -anzügen. Man sei gezwungen, Schutzmasken mehrfach zu benutzen. Obwohl sich die Regierung unter Präsident Cyril Ramaphosa bemüht, die Ausbreitung mit strikten Regeln des nun ausgerufenen Katastrophenfalls zu verhindern, scheitert es vielerorts an der praktischen Umsetzung.

Alle Covid-19 Tests sollten ursprünglich von staatlichen Labors bestätigt werden müssen. Doch es zeigt sich, das staatliche System kann das nicht leisten. Inzwischen musste der Gesundheitsminister zugeben, das in 97 Prozent der bestätigten Fälle in privaten Labors getestet wurde. Social Distancing wird über Radio, Fernsehen erklärt, aber vor den Büros der Behörden stehen wie immer lange Menschenschlangen dicht an dicht.

Südafrikas Regierung hat ein Verbot des Alkoholausschanks in Restaurants und Kneipen nach 18 Uhr verhängt. Doch weder die Polizei noch andere Ordnungshüter haben auch nur ansatzweise die Kapazität, Verbote durchzusetzen. In einem Land in dem täglich 58 Menschen ermordet und allein im vergangenen Jahr knapp 52.500 Menschen Opfer eines Sexualdelikts wurden, bleibt einer unterbesetzten und schlecht ausgestatteten Polizei keine Zeit für zusätzliche Aufgaben. Und wahrscheinlich auch keine Möglichkeit eine landesweite Ausgangssperre durchzusetzen.

Das scheint Südafrikas Regierung ob der offensichtlich prekären Lage schon jetzt in Betracht zu ziehen. Zumindest führt Präsident Ramaphosa inzwischen Gespräche mit allen dafür notwendigen Akteuren - auch den Oppositionsparteien.

"Corona geht nicht weg"

"Corona geht nicht weg. Ich dachte es wird ein, zwei Monate dauern", sagt die Ministerpräsidentin der südafrikanischen Provinz Freestate, Sefora Hixsonia Ntombela. "Aber ich habe jetzt verstanden, dass es uns wahrscheinlich ein ganzes Jahr beeinträchtigen wird." Ausgerechnet die Kirchen verschärfen das Problem. Die größten weigern sich, ihre Gottesdienste, oft mit hunderten Gläubigen, einzustellen. Und das, obwohl Ansammlungen von mehr als 100 Menschen in Südafrika inzwischen verboten sind. Im Freestate wurden an einem Tag sieben Menschen positiv auf Covid-19 getestet. Fünf hatten an einem Gottesdienst teilgenommen. Nun sollen 600 Menschen in mobilen Labors getestet werden. "Zwei der Infizierten kommen aus Texas, zwei weitere aus Israel und ein anderer aus Frankreich", gab Gesundheitsminister Mkhize bekannt. "Sie sind nun in einem Hotel in Quarantäne. Unsere Herausforderung ist es, die vielen Menschen zu finden, die mit den Infizierten an dem Gottesdienst teilgenommen haben."

Die Tatsache, dass das neuartige Coronavirus fast ausschließlich von weißen Ausländern und wirtschaftlich besser gestellten Südafrikanern ins Land gebracht wurde, führt zu Spannungen. Erste lokale Infektionen in Südafrika treffen ausgerechnet Kleinkinder. Nun gibt es auch einen ersten Verdachtsfall in einer Grundschule mit 700 Schülern, ausgelöst von einer freiwilligen Kraft, die aus Italien zurückkehrte.

In Südafrika ist ohnehin alles eine Frage der Hautfarbe, und das ist in dieser Covid-19-Krise trotz aller Bemühungen der Regierung leider inzwischen auch der Fall. In den Armenvierteln wird zunehmend von der Krankheit gesprochen, "die die Weißen mitbringen". Ein Großteil der südafrikanischen Bevölkerung kann sich keine Desinfektionsmittel, Einweghandschuhe oder Vitamintabletten leisten. Für sie reicht das Geld oft nicht einmal für ein Stück Seife. Der Schutz gegen das Coronavirus ist in Südafrika eine Frage der Hautfarbe, die leider weiterhin maßgeblich die wirtschaftliche Lage der Menschen bestimmt.

Und bei alledem steht hier jetzt der Winter und damit die Erkältungssaison vor der Tür. Ab April steigt traditionell die Zahl der Influenzaerkrankungen maßgeblich an. Die Versorgung der Menschen in den Armenvierteln ist schon jetzt miserabel. Wenn das Coronavirus dort ankommt, werden die Menschen ihm buchstäblich hilflos ausgeliefert sein.

Quelle: ntv.de

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