Panorama

Neuer Gift-Verdacht in Salisbury Terrorabwehr schaltet sich ein

Die ersten Verdachtsmomente wecken düstere Erinnerungen an den Skripal-Anschlag von Anfang März: Nach dem Kontakt mit einer "unbekannten Substanz" bei Salisbury schweben zwei Menschen in Lebensgefahr. Die Umstände sind weiter unklar.

Die Hinweise auf eine "unbekannte Substanz" in der Nähe der südenglischen Kleinstadt Salisbury ruft die britische Terrorabwehr auf den Plan: In dem Ort Amesbury, rund zehn Kilometer nördlich von Salisbury, waren am Wochenende zwei Personen mit einem offenbar giftigen Stoff in Kontakt gekommen. Sie wurden in lebensbedrohlichem Zustand in ein Krankenhaus in Salisbury eingeliefert. Den Angaben zufolge handelt es sich um einen Mann und eine Frau.

Beamte der Terrorabwehr untersuchten den Fall gemeinsam mit der Polizei von Wiltshire, teilten die Behörden in London mit. Ein Sprecher fügte hinzu, da die aufgetretene Substanz unbekannt sei, sei die Zusammenarbeit mit der Terrorabwehr eine "arbeitstechnische" Maßnahme.

Der Mann und die Frau waren am vergangenen Samstag bewusstlos in einer Wohnung in Amesbury entdeckt worden. Der Ort liegt rund zehn Kilometer von Salisbury entfernt, wo am 4. März ein russischer Ex-Doppelagent und seine Tochter Opfer eines Giftanschlags geworden waren.

Bei den beiden am Wochenende entdeckten Gift-Opfern soll es sich um zwei etwa 40 Jahre alte Personen handeln. Polizeibeamte vor Ort waren nach dem Bericht der Behörden zunächst davon ausgegangen, dass die beiden Personen verunreinigte Drogen wie Heroin oder Crack zu sich genommen hatten.

Dieser Anfangsverdacht erwies sich offenbar als Fehleinschätzung. Nun soll es weitere Untersuchungen geben, "um die Substanz zu ermitteln, die dazu geführt hat, dass diese Patienten krank geworden sind", erklärte die Polizei.

Anschlag oder Unfall?

Ob es sich bei dem aktuellen Vorfall um einen Anschlag oder einen Unfall handelt, müssen jetzt unter anderem auch Laboruntersuchungen ergeben. Die Polizei der Grafschaft Wiltshire bewertete den Vorfall als "schwerwiegend". Eine Einschätzung aus London liegt noch nicht vor. Die Orte, an denen sich die beiden Betroffenen vorher aufgehalten hatten, wurden abgesperrt.

In Amesbury und Salisbury seien die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden, hieß es. Die Gesundheitsbehörden gehen nach Angaben eines Sprechers aber nicht davon aus, dass eine "erhebliche Gesundheitsgefahr für die breite Öffentlichkeit" besteht.

Skripal und seine Tochter waren am 4. März bewusstlos auf einer Bank in Salisbury gefunden worden und lagen danach wochenlang im Krankenhaus. Die britische Regierung macht Russland für den Giftanschlag verantwortlich und geht davon aus, dass dabei ein Nervengift aus sowjetischer Produktion zum Einsatz kam. Russland weist die Vorwürfe vehement zurück. Der Fall führte zu einem tiefen Zerwürfnis zwischen Russland und Großbritannien.

Bei der in Salisbury Anfang März verwendeten Substanz handelte es sich nach Erkenntnissen von Chemiewaffenexperten um einen chemischen Kampfstoff der sogenannten Nowitschok-Gruppe, die in der früheren Sowjetunion entwickelt worden war. Zeugen hatten die beiden Skripals damals im Zentrum der Kleinstadt rund 120 Kilometer westlich von London bewusstlos auf einer Parkbank sitzend aufgefunden. Ein Polizist, der ihnen zu Hilfe eilte, kam ebenfalls in Kontakt mit dem Nervengift. Alle drei schwebten zeitweise in Lebensgefahr.

"Als uns erstmalig bewusst wurde, dass das ein Nervenkampfstoff war, gingen wir davon aus, dass sie nicht überleben", schilderte einer der behandelnden Ärzte seine Eindrücke. Julia Skripal konnte mehr als einen Monat nach dem Anschlag das Krankenhaus verlassen. Ihr Vater wurde am 18. Mai entlassen. C-Waffen-Experten sind sicher: Nur durch viel Glück und Zufall blieb die Bevölkerung von Salisbury Anfang März von weiteren Vergiftungsfällen verschont.

Vor diesem Hintergrund reagieren die Rettungskräfte in Salisbury extrem vorsichtig. Die Hintergründe des Anschlags auf die Skripals sind noch immer nicht restlos aufgeklärt. Ungeklärt ist zum Beispiel noch die Frage, wie genau das gefährliche Nervengift nach Salisbury kam. Auch die Täter, die die tödliche Substanz bei dem Anschlag auf die Skripals an der Wohnungstür des früheren Doppelagenten ausbrachten, sind noch nicht gefasst. Die britische Regierung macht Russland für den Anschlag verantwortlich. Moskau bestreitet, in den Fall verwickelt zu sein.

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Quelle: n-tv.de, mmo/AFP

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