Panorama

Massengräber und Falschangaben Türkei könnte der neue Krisenherd werden

131338040.jpg

Die Aufnahme zeigt, wie Gesundheitsbeamte einen eigenen Friedhof für Covid-19-Tote in Istanbul vorbereiten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Zahl der Corona-Infizierten wächst in der Türkei noch schneller als in den USA. Die Behörden testen außerdem extrem wenig. Unsicherheit verursachen Fehlinformationen der offiziellen Stellen und Aufnahmen von mutmaßlichen Corona-Massengräbern.

Lange schien die Türkei von der Corona-Pandemie verschont zu bleiben, doch nun trifft die Viruserkrankung das Land mit Wucht. Nachdem der erste Infektionsfall erst am 11. März gemeldet wurde, ist die Zahl der Erkrankten Angaben des türkischen Gesundheitsministeriums zufolge innerhalb von knapp drei Wochen auf über 10.000 gestiegen. 168 Menschen sind demnach bisher an den Folgen einer Infektion gestorben. Die absoluten Zahlen sind damit zwar noch vergleichsweise gering. Doch das Wachstum ist extrem und übertrifft sogar die frühe Entwicklung in den USA oder Italien. Zusätzlich gibt es erhebliche Zweifel an den offiziellen Angaben der Regierung. Im Internet kursieren außerdem Bilder, die zeigen sollen, wie regelrechte Massengräber ausgehoben werden. In Istanbul entstehen auf Friedhöfen eigene Bereiche für Corona-Tote.

Über widersprüchliche Angaben der Behörden berichtet etwa die ARD. Demnach verbreitete sich der Eintrag des Sterberegisters der Stadt Istanbul vom 28. März in den sozialen Netzwerken rasant. Laut den Angaben waren an diesem Tag in der Millionenmetropole am Bosporus 255 Personen gestorben. Bei 20 war als Todesursache Covid-19 angegeben. Das brachte den türkischen Gesundheitsminister Farhettin Koca offenbar in Erklärungsnot: Er hatte am selben Tag behauptet, am 28. März seien 16 Menschen an Covid-19 gestorben - und zwar im ganzen Land. Dann sei der Online-Zugang zum Sterberegister gesperrt worden. Anderthalb Tage später räumte die Friedhofsverwaltung dem Bericht zufolge einen Fehler ein und sagte, der Minister habe Recht.

Es bleiben erhebliche Zweifel. "Wir müssen den Zahlen glauben. Aber akzeptieren müssen wir das nicht. Denn falls die Zuständigen in einem Land nicht genügend Tests durchführen, muss man darüber diskutieren, ob das wirklich die tatsächlichen Zahlen dieses Landes sind", zitiert der Sender den Vorsitzenden der türkischen Ärztekammer, Ali Cerkezoglu. Was der anspricht, ist die extrem niedrige Anzahl von Corona-Tests, die bisher in der Türkei durchgeführt wurde. Gesundheitsminister Koca verbreitete gestern den Stand bei Twitter: Demnach wurden seit Ausbruch der Epidemie nur rund 77.000 Corona-Tests durchgeführt. So viele Tests werden in Deutschland - das eine ähnliche Bevölkerungszahl hat - derzeit etwa pro Tag gemacht. Die ARD zitiert nicht näher genannte Quellen aus der türkischen Ärztekammer, die damit rechnen, dass die Dunkelziffer der Infektionen etwa 50 Mal so hoch liegen könnte, wie die offiziellen Angaben.

Für Verunsicherung sorgen zusätzlich Videos, die in den sozialen Netzwerken kursieren. Aufnahmen aus der Provinz Gaziantep sollen zeigen, wie die Regierung neue Friedhöfe mit Hunderten Gräbern anlegt. Verbreitet hat sie eine Frau, deren Mutter ihren eigenen Angaben zufolge an einer Covid-19-Infektion gestorben ist und auf dem Gräberfeld bestattet werden soll. Während der Aufnahme wirkt sie bestürzt von den Ausmaßen des Friedhofs. Daran könne man erkennen, mit welchem Massensterben die Regierung rechne. In einer Pressemitteilung nimmt der Gouverneur der Provinz, Ali Yerlikaya, Stellung zu den Vorwürfen. Darin heißt es, in der gleichnamigen Millionenstadt Gaziantep würden täglich rund 15 Menschen sterben. Die Aushebung Hunderter Gräber sei Routine. In Istanbul entstehen indes tatsächlich eigene Corona-Friedhöfe. Gesundheitsbeamte in Schutzanzügen haben in den vergangenen Tagen Gräber ausgehoben, die eigens für an Covid-19 gestorbene Menschen vorgesehen sind.

Quelle: ntv.de, bdk